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Trainer Bisanz (l.) und Spielführerin Neid nach dem verlorenen WM-Finale 1995 © getty

Vorm WM-Start erinnert sich Ex-Bundestrainer Gero Bisanz bei SPORT1 an seine Pionierarbeit und spricht über Deutschlands Chancen.

Von Mathias Frohnapfel

Frankfurt - Ehrensache, dass Gero Bisanz beim Eröffnungsspiel der Frauen-WM in Berlin dabei ist (DATENCENTER: Der WM-Spielplan).

Und wenn die Nationalelf am Sonntag vor 73.000 Zuschauern gegen Kanada antritt, kann sich der ehemalige Frauen-Bundestrainer schon vorab als Sieger fühlen.

Als Pionier baute Bisanz von 1982 bis 1996 das Team quasi aus dem Nichts auf und erfüllte gleich die wichtigste Bedingung in Fußball-Deutschland:

Bisanz und seine Frauen waren erfolgreich. Gemeinsam marschierten sie in seiner Amtszeit dreimal bis zum EM-Gipfel.

Der 75-Jährige gibt im SPORT1-Interview zu, dass es eine Zeit gebraucht hat, um ihn für den Frauenfußball zu entflammen.

Zudem schildert er die besonderen Bedingungen und berichtet vom Wendepunkt in seiner Arbeit. Seiner ehemaligen Spielerin Bundestrainerin Silvia Neid prophezeit er einen schweren Weg Richtung WM-Titel 366780(DIASHOW: Deutschlands WM-Kader).

SPORT1: Herr Bisanz, hat Ihnen eigentlich die Arbeit mit der Nationalmannschaft von Anfang an Spaß gemacht?

Gero Bisanz: Ich musste eine Nationalmannschaft aufbauen, die hatte der DFB ja nicht. Ich hab das gerne gemacht, auch wenn ich anfangs überlegt habe, ob ich das schaffen würde.

SPORT1: Warum?

Bisanz: Ich hatte nicht so viel Ahnung von Frauenfußball, hatte nur mit Männern vorher gearbeitet. Das war für mich Neuland und ich habe mich schon in den ersten drei, vier Jahren gefragt: Was kann ich leisten, was kann ich erreichen?

SPORT1: Sie haben viel Herzblut investiert, große Erfolge bei den Europameisterschaften gefeiert. Was hat sie motiviert?

Bisanz: Die erste Motivation kam nach drei, vier Jahren, ich habe Sondertrainingsmaßnahmen durchgeführt und gemerkt, dass die Frauen alles angenommen haben. Sie haben Zeit geopfert, Geld geopfert, um für zwei Stunden mit mir zu trainieren. Ich habe gemerkt, dass sie den Fußballsport mögen. Sie haben gerne gelernt, nicht zwangsweise. Das hat mich dazu bewogen, das ganz, ganz ernst zu nehmen.

[kaltura id="0_oyshsinu" class="full_size" title="Die Vorfreude steigt"]

SPORT1: Karriere zu machen, war damals für die Spielerin wohl kaum die Motivation.

Bisanz: Am Anfang war das sicher nicht der Fall. Die Spielerinnen haben nichts bekommen, vielleicht mal ein Abendessen nach dem Training. Sie haben aus Freude am Spiel teilgenommen, natürlich mit dem Ziel, eventuell mal in der Nationalmannschaft zu spielen.

SPORT1: Sie haben auch Männer-Teams trainiert. Unterscheidet sich der psychologische Aspekt der Arbeit?

Bisanz: Ich habe mich ganz normal verhalten als väterlicher Freund meiner Spielerinnen. So hatte ich keine Autoritätsprobleme oder Probleme, die Inhalte zu vermitteln.

SPORT1: Sind Sie stolz darauf, dass Silvia Neid und Doris Fitschen in der Nationalelf jetzt als Trainerin und Managerin wichtige Positionen innehaben?

Bisanz: Stolz ist das falsche Wort, aber ich freue mich sehr, dass die Arbeit in meinem Sinne fortgesetzt wird. Ich freue mich immer, von den Erfolgen von Silvia Neid und anderen ehemaligen Spielerinnen zu hören.

SPORT1: Können Sie sich noch an die erste Begegnung, den ersten Eindruck von Silvia Neid erinnern?

Bisanz: Ich habe ja bei der ersten Partie fast eine komplette Mannschaft von Bergisch Gladbach einsetzen müssen. Das war damals die beste Mannschaft in Deutschland. Ich hab zudem drei, vier junge Spielerinnen eingebaut, die ich vorher gesichtet habe. Ich habe Silvia Neid (spielte damals bei Klinge Seckach, Anm. der Red.) im ersten Länderspiel 1982 eingesetzt und sie hat sich gleich mit zwei Toren bedankt.

SPORT1: Welchen Eindruck hatten Sie von ihr?

Bisanz: Ich wusste ja von ihren fußballerischen Qualitäten. Und mit 17, 18 Jahren war sie frech, hatte eine gute Ballbehandlung, hat gut kombiniert und sich immer wieder angeboten. Ich habe sie im Laufe der Zeit zur Spielführerin gemacht, das war eine gute Wahl. Sie ist eine selbstbewusste Trainerin geworden. Sie weiß, was sie will, macht ihren Job sehr gut.

SPORT1: Erkennen Sie an Silvia Neid sozusagen etwas von der alten Bisanz-Schule?

Bisanz: Bestimmte Dinge wurden übernommen, aber natürlich auch weiterentwickelt. Heute gibt es viel bessere Möglichkeiten. Die Spielerinnen können zu jedem Lehrgang kommen, müssen nicht extra betteln bei ihrem Arbeitgeber wie früher.

SPORT1: Kann Deutschland bei der WM nur über sich selbst stolpern?

Bisanz: Die Mannschaft ist auf einem guten Niveau, muss sich aber anstrengen. Andere Teams haben sich weiterentwickelt. Der Titel muss sich auf jeden Fall erkämpft werden.

SPORT1: Wird sich das Profitum auch im Frauenfußball durchsetzen?

Bisanz: Man darf nicht allgemein vom Frauenfußball sprechen, wenn man vom Profitum spricht. Es gibt zwei, drei Vereine in Deutschland, in denen die Spielerinnen von dem leben können, was sie da verdienen.

Die meisten Vereine in der Frauen-Bundesliga bringen noch nicht die Leistungen, die dazu angetan sind, um das voranzutreiben. Dafür sind noch zu wenige Zuschauer da. Wenn sich noch mehr Bundesliga-Vereine der Männer engagieren, wie es schon Bayern oder Wolfsburg machen, könnte sich das aber weiter entwickeln.

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