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Bernd Schröder gewann 2010 mit Turbine Potsdam die Champions League der Frauen © getty

Bernd Schröder gilt als Mr. Frauenfußball. Der Potsdamer Coach analysiert die deutsche Elf und redet in Sachen Bajramaj Klartext.

Vom Frauen-Nationalteam berichtet Mathias Frohnapfel

Berlin - Er weiß, wie es geht.

Denn seit 40 Jahren sammelt Bernd Schröder mit Turbine Potsdam Trophäen.

Fünfmal wurde der Trainer mit den "Torbienen" Deutscher Meister und 2010 marschierte das Team in der Champions League bis zum Titel, in diesem Jahr schaffte der Klub den Finaleinzug.

Schröder ist der wohl erfolgreichste Vereinstrainer im Frauenfußball - und ein Freund klarer Ansagen. Das bekommt kurz vor dem Start in die Heim-WM auch Bundestrainerin Sylvia Neid zu spüren.

"Mich stört, dass sie uns gegenüber den Respekt vermissen lässt. Ich hätte schon erwartet, dass sie beim Champions-League-Finale in London den deutschen Meister angeschaut hätte", sagte Schröder der "Berliner Zeitung".

Solch deutliche Worte wird Schröder in den kommenden Wochen auch bei SPORT1 finden. Als WM-Kolumnist wird der 68-Jährige nach jedem Deutschland-Spiel sowie den K.o.-Spielen das aktuelle Geschehen analysieren und kommentieren.

Im Interview spricht der streitbare Coach vor dem Eröffnungsspiel der deutschen Mannschaft gegen Kanada (So., ab 17.30 Uhr im LIVE-TICKER) über Stäken und Schwächen der Nationalelf, die WM-Favoriten sowie die Rolle von Alexandra Popp und Lira Bajramaj.

SPORT1: Herr Schröder, wie groß ist bei Ihnen persönlich die Vorfreude auf die WM? (DATENCENTER: Der WM-Spielplan).

Bernd Schröder: Ich bin ja selbst am Sonntag im Olympiastadion und freue mich natürlich darauf.

SPORT1: Dabei musste die Bundesliga Zugeständnisse für das Nationalteam machen. Die Saison endete schon Mitte März. Ihr Klub musste sogar im Champions-League-Finale antreten, ohne dass Sie in den Wochen zuvor mit den fünf deutschen Nationalspielerinnen trainieren konnten.

Schröder: Wir haben vor zwei Jahren beim Algarve-Cup entschieden (die Klubtrainier und Bundestrainerin Silvia Neid, Anm. der Red.), dass wir die WM-Saison und Vorbereitung so machen wollen. Sicher habe ich nicht Hurra geschrien. Aber wir haben die Entscheidung gemeinsam so gefällt.

SPORT1: Die Konsequenzen aus Vereinssicht waren nicht ideal, oder?

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Schröder: Wir haben damals gewusst, dass der Klub, der ins Finale der Champions League kommt, für seine Nationalspielerinnen keine optimale Vorbereitung haben würde. Bei uns war es dann so (Potsdam verlor im Finale gegen Lyon 0:2, Anm. der Red.). Wenn jetzt Deutschland aber den WM-Titel holen kann, ist das Schnee von gestern.

SPORT1: Im Berliner Olympiastadion werden beim Eröffnungsspiel 73.000 Zuschauer dabei sein. Ist das ein Zeichen, dass der Frauenfußball mittlerweile immer besser angenommen wird?

Schröder: Das ist ein schmaler Grat. Klar ist solch eine Veranstaltung mit dieser Vorbereitung und dann auch noch in der Hauptstadt etwas Besonderes. Doch die WM-Spiele sind Feiertagsveranstaltungen verglichen mit der normalen Situation im Frauenfußball. Wenn wir nach der WM durch die TV-Übertragungen und die Zuschauer in den Stadien aber mehr Sympathien gewonnen haben, haben wir eine gewisse Nachhaltigkeit erzielt. Das ist für uns sehr wichtig.

SPORT1: Medial wird das Turnier enorm beworben. Mit welchen Reaktionen der Zuschauer rechnen Sie?

Schröder: Der Zuschauer wird diese Veranstaltung sehr kritisch betrachten und dieses kritische Auge muss man ihm auch lassen. Er muss dann selbst entscheiden, waren es gute oder schlechte Spiele, wie war der Gesamteindruck des Turniers. Der Frauenfußball muss sich von Woche zu Woche immer wieder beweisen.

SPORT1: Sie haben mit Potsdam in den vergangenen 40 Jahren riesige Erfolge gefeiert, zig große Trophäen gesammelt. Ist das Erfolgsgeheimnis, die Spielerinnen und ihr Umfeld bestens zu kennen?

Schröder: Wir haben über Jahre unsere Kultur entwickelt: sowohl eine Vereins- als auch Spielkultur. Die Kontinuität ist ebenso wichtig. Wir sind zum neunten Mal deutscher B-Junioren-Meister geworden - von elf Jahren des Wettbewerbs. Wir haben ein sehr gutes und sehr seriöses Umfeld. Die Spielerinnen kommen ja nicht nur wegen des Gelds zu den Vereinen, sondern auch wegen des Umfelds. Und wenn Sie das soziale Umfeld und die Charaktere kennen, haben Sie immer die Chance, die Mädels in ihrer Entwicklung zu fördern.

[kaltura id="0_oyshsinu" class="full_size" title="Die Vorfreude steigt"]

SPORT1: Die Nationalelf scheint mit vier Siegen, 15:0-Toren bestens auf die WM vorbereitet. Könnten diese guten Ergebnisse auch eine Gefahr bergen?

Schröder: Man muss vorsichtig, das Normale nicht zum Besonderen zu machen. Wir sind sehr gut vorbereitet, das gehört dazu. Die Gegner, die wir in den Tests hatten, besaßen zudem nicht das erwartete Format. Wenn Norwegen Dritter bei der WM werden will, weiß ich nicht, wie das gehen soll.

SPORT1: Wie schätzen Sie - unabhängig von den Ergebnissen - die Verfassung des Teams ein?

Schröder: Die Spielerinnen sind von der Körpersprache und so weiter sehr gut aufgetreten. Wir haben auch daher eine gute Chance, eine starke WM zu spielen. Wir hatten selten eine so überzeugende Mannschaft, die auch individuell so von sich überzeugt ist. Fußball ist aber kein Wunschkonzert. Es wird Mannschaften geben, die uns bis an die Grenzen fordern werden.

SPORT1: Wo könnte eine Schwachstelle liegen?

Schröder: Wenn wir Probleme kriegen, dann in der Innenverteidigung. Saskia Bartusiak ist eine gute Innenverteidigerin, ich glaube jedoch nicht, dass sie das Format Weltklasse hat und das hat auch Annike Krahn zur Zeit nicht. 366780(DIASHOW: Deutschlands WM-Kader).

SPORT1: Trauen Sie den Beiden zu, im Turnier über sich hinauszuwachsen?

Schröder: Eine Mannschaft spielt ja nicht nur mit zwei, drei Spielern. Die Mannschaft verteidigt insgesamt. Wenn wir gut starten und sich die Spielerinnen aus dem Spiel das Selbstvertrauen holen, denke ich, dass sie steigerungsfähig sind.

SPORT1: Die Offensive ist das deutsche Prunkstück, vor allem Alexandra Popp ragt mit fünf Treffern in den Testspielen heraus. Wird die Duisburgerin die große Entdeckung der WM?

Schröder: Ich will Frau Neid nicht vorausgreifen, aber ich denke, Poppi ist mit ihrer Rolle als Einwechselspielerin sehr zufrieden. Sie weiß, wenn sie reinkommt, dass sie sofort Betrieb machen kann. Wenn die andere Mannschaft dann etwas müde gespielt ist, ist sie da und macht die Tore. Neid wird daher wohl immer Inka Grings von Anfang spielen lassen und Popp einwechseln. Umgekehrt wird es nicht funktionieren.

SPORT1: Ihre ehemalige Spielerin Lira Bajramaj wirkt indes etwas gehemmt. (370243DIASHOW: "Lira" sucht das Glück)

Schröder: Es ist bekannt, dass Lira Bajramaj durch die Situation, in die sie mit ihrem Berater gekommen ist, viele Nebenkriegsschauplätze zu beackern hat. Sie ist fast in jeder Zeitung und hat viele Werbeverträge, die ihr zugute kommen. Lira ist aber noch keine 25, 26 (sie ist 23, Anm. der Red.). Es fällt ihr durch das ganze Drumherum unheimlich schwer, sich auf den Fußball zu konzentrieren. Sie wird als Glamourgirl dargestellt und wenn es dann dazu Bemerkungen aus der Mannschaft wie von Melanie Behringer gibt, belastet sie das.

SPORT1: Wie schätzen Sie eigentlich Kanada, Gegner im Eröffnungsspiel, ein?

Schröder: Kanada wird uns im athletischen Bereich sehr viel abverlangen. Sie sind ebenfalls sehr gut vorbereitet und haben in Sinclair eine Stürmerin, die sich abhebt. Kanada ist einen Zahn schwieriger als Norwegen. Und es ist das Eröffnungsspiel, das hat seinen eigenen Charakter.

SPORT1: Und wen sehen Sie als Titelfavoriten?

Schröder: Auf keinen Fall die USA und Norwegen. Frankreich sollte man dagegen sehr beachten und dass nicht, weil wir gegen Lyon im Endspiel verloren haben. Frankreich hat eine sehr gut aufgestellte Mannschaft. Schweden sollte man nicht von der Hand weisen ebenso wenig Japan. Brasilien ist eine Wundertüte. Ich glaube nicht, dass sie etwas reißen werden.

SPORT1: Ist Deutschland in diesem Tableau 1a?

Schröder: Nach derzeitigen Stand ja. Wir sind wesentlich besser vorbereitet als die anderen, haben eine sehr gute Mischung und spielen natürlich zu Hause.

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