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Das DFB-Team von Bundestrainerin Silvia Neid (M.) trifft im ersten Spiel auf Kanada © getty

Die DFB-Frauen gehen unter Hochspannung ins WM-Eröffnungsspiel. Bei SPORT1 nennen sie Tricks im Umgang mit der Riesenkulisse.

Vom Frauen-Nationalteam berichtet Mathias Frohnapfel

Berlin - Sie sind im Rennwagen gefahren und mit Box-Weltmeisterin Regina Halmich in den Ring gestiegen.

Und nach der GPS-Schnitzeljagd am Donnerstag haben die Nationalspielerinnen eine Rakete steigen lassen. Was frau eben so macht, um mit Nerven in Stahlträgerformat in die Heim-WM zu gehen.

Nur eins konnte Bundestrainerin Silvia Neid nicht testen: Wie es ist, vor 73.000 Menschen im Berliner Olympiastadion Fußball zu spielen.

Dieser brodelnde Kessel wartet auf das DFB-Team am Sonntag beim Eröffnungsspiel gegen Kanada (So., ab 17.30 Uhr im LIVE-TICKER): Zugleich wird damit ein europäischer Rekord im Frauenfußball aufgestellt, die Bestmarke bei einer WM liegt bei 90.000 Fans, die 1999 zum Finale in Pasadena/USA strömten.

Nervosität ist riesig

Die Nationalspielerinnen bemühen sich im Gespräch mit SPORT1 erst gar nicht darum, ihre Nervosität zu verbergen.

"Ich persönlich werde sehr, sehr nervös sein - positiv nervös", sagt Verteidigerin Babett Peter.

Und die Potsdamer Außenverteidigerin nennt den Grund dafür:

"Keiner war von uns vorher in der Situation vor solch einer Kulisse zu spielen. Jeder wird sehr, sehr aufgeregt sein."

Wie Kahn unter Hochspannung

Nadine Angerer wird sich das gewiss nicht anmerken lassen. Die Torhüterin geht mit Kahnscher Konzentration in jedes Spiel, lauert wie eine Gepardin auf jede Bewegung vor ihr.

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Schließlich muss sie unter Umständen ewig lang erscheinende Minuten nur zusehen und plötzlich taucht Kanadas pfeilschnelle Stürmerin Christine Sinclair vor ihr auf.

"Ich weiß nicht, ob man sich auf 73.000 Zuschauer einstellen kann", gibt Angerer zu.

"Das ist 'ne wunderschöne Zahl, darunter kann ich mir aber nichts vorstellen. Was sind 73.000 Menschen?", erklärt "Natze" gewohnt eigenwillig und fügt an: "Das kannst du vorher nicht proben."

Andererseits würden die Fans natürlich auch große Energie freisetzen.

Von der Bummelbahn in den Intercity

In der Bundesliga kommen zu den meisten Partien einige hundert Zuschauer, bisweilen auch mal tausend, bei den Testspielen lag die Bestmarke bei 13.812 Fans in Mainz.

13.000! Für die Nationalspielerinnen ist es so, als ob sie jahrelang mit der Bummelbahn von Frankfurt nach Köln gefahren wären und jetzt heißt es Intercity - 300 Stundenkilometer.

Klar, dass da auch Gedanken über die Auswirkungen auf das Spiel aufkommen (DATENCENTER: Der WM-Spielplan).

Kanadierinnen lauern

Eine Gefahr: Das Publikum schreit nach Toren, Event, Begeisterung. Und mit jedem geschwenkten Deutschland-Fähnchen und Anfeuerungsruf hastet die Offensive noch ungestümer nach vorne.

Das wäre ein Freudenfest für die konterstarken Kanadierinnen, die aktuell auf Platz 6 der Weltranglisten stehen 366780(DIASHOW: Deutschlands WM-Kader).

"Die pfeif ich mir schon zurück, wenn es notwendig ist", kommentiert Angerer mit Blick auf ihre Vorderleute. "Wir brauchen die Fans, aber wir werden nicht naiv nach vorne laufen."

Ähnlich sieht es Simone Laudehr. Die Motorrad-Liebhaberin gibt gemeinsam mit Kim Kulig auf der Doppelsechs das Tempo vor und will keineswegs aus der Kurve getragen werden.

"Die Fans sind erstmal zweitrangig"

"Wir spielen unser Spiel, wir machen viel nach vorne, schalten aber auch sofort um", beschreibt sie den Navi für die Auftaktpartie. Aus der Sicht der 24-jährigen zählt nur der Sieg. "Für die Fans zu spielen und schön zu spielen, ist erstmal zweitrangig."

[kaltura id="0_oyshsinu" class="full_size" title="Vorfreude steigt"]

Wer schon mal im Innenraum des Olympiastadions gestanden ist, weiß wie hoch sich von dort die Zuschauertribünen erheben. Inmitten der Riesenstadt Berlin wird man hier bei einem packenden Spiel im Zentrum des Orkans durchgeschüttelt.

Alle Sinne in der Prüfung

Das ist ein Test für alle Sinne. Denn die nächste Gefahr für das Team lauert schlicht darin, dass gewohnte Kommandos nicht gehört werden.

Warum nicht mit Mirkos auf den Platz gehen, scherzt Laudehr, ehe sie an Keeperin Angerer denkt.

"Sie weiß ja, wo die Lücken sind, wo Gefahren entstehen könnten. Es ist wichtig, dass sie da lautstark dirigiert und wir hören sie schon."

"Wir können uns coachen"

Babett Peter will sich beim Verschieben der Viererkette nicht allein auf das Stimmorgan ihrer Torfrau verlassen.

"Wir haben unsere Kommandos, die auch nonverbal sind", berichtet sie. Jeder wisse zudem, wie er sich auf dem Platz zu verhalten habe. "Wir können uns auch vor dieser Kulisse sehr gut coachen."

Letztlich sehen aber alle Nationalspielerinnen einen großen positiven Effekt: Endlich kommen so viele Zuschauer, um sie spielen zu sehen und nicht, um die Zeit vor einem Männer-Pokalfinale totzuschlagen.

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