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Nadine Angerer gewann 2000, 2004 und 2008 Bronze bei den Olympischen Spielen © getty

Nadine Angerer steht vor ihrem 100. Länderspiel. Ein Rekord lässt sie kalt. Bei der Rotwein-Wette hat sich noch fünf Chancen.

Vom Frauen-Nationalteam berichtet Mathias Frohnapfel

Frankfurt/Main - Es war kein blöder Abpraller und auch kein Eigentor.

Nein, der wunderbar gezirkelte Freistoßtreffer von Christine Sinclair war es würdig, eine große Serie zu beenden.

Denn nach 622 WM-Spielminuten ohne Gegentreffer musste Nadine Angerer beim 2:1-Auftaktsieg über Kanada (Spielbericht) das erste Tor hinnehmen, nachdem ihre Bilanz bei der WM 2007 makellos war.

Ein wie in einen Felsen gehauener Rekord - wahrscheinlich für die Ewigkeit (BERICHT:Lange Mängelliste nach "verrücktem Spiel").

Gratulation an Sinclair

"Als der Ball kam, dachte ich, oh, das könnte eng werden", beschreibt die deutsche Keeperin den entscheidenden Moment aus der 82. Minute. Später hat sie sogar Kanadas Stürmerin gratuliert. "Es war ein schönes Tor, denke ich".

Mit der Rekordjagd, dem Schielen nach der nächsten und übernächsten Bestmarke konnte Angerer zuvor schon nichts anfangen.

"Ich habe im Vorfeld tausendmal betont, dass es mir nicht um den Rekord geht. Hauptsache wir haben gewonnen", stellt sie nach dem guten Start in die Gruppe A fest.

?Durchmarschieren" unmöglich

"Das Eröffnungsspiel ist immer schwer, wir sind froh, dass wir es so überstanden haben", kommentiert sie auf SPORT1-Rückfrage und fügt mit Blick auf die Gruppe an: "Durchmarschieren ist nicht möglich, wie man gegen Kanada gesehen hat. Wir müssen uns alles erarbeiten."

Den kommenden Gegner Nigeria (Do., ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) schätzt sie trotz des deutschen 8:0-Testspielsiegs aus dem vergangenen Herbst als äußerst unangenehm ein.

Damals sei es bitterkalt gewesen, erinnert sie an die Partie im November 2010. "Jetzt haben wir hier nigerianische Verhältnisse, sie werden sich pudelwohl fühlen."

Aus ihrer Sicht sind die Nigerianerinnen "sehr athletisch und zweikampfstark". Es könnte somit höchst gefährlich werden, "wenn wir mit angezogener Handbremse vorgehen".

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Höchste Konzentration im Jubiläumsspiel

"Natze" selbst wird das nicht passieren, zumal ihr 100. Länderspiel ansteht.

Die Torhüterin des Pokalsiegers 1. FFC Frankfurt ist eine wahre Konzentrationsmeisterin, der Kahnsche Tunnel, die Fokussierung auf diese 90 Minuten ihr Markenzeichen.

Das galt auch in Testspielen, als sie ewig nichts zu tun hatte und dann wie gegen Norwegen in der zweiten Halbzeit eine Glanztat zeigte. Auch deshalb standen am Ende vier Testsiege und 15:0-Tore.

"Spielerpersönlichkeit, die Ruhe ausstrahlt"

Ihr Torwarttrainer Michael Fuchs, früher beim 1. FC Nürnberg Torwartcoach von Andi Köpke, betont im Gespräch mit SPORT1 zudem, wie gut die 32-Jährige ein Spiel lesen könne.

"Sie erkennt Situationen frühzeitig, strahlt Ruhe aus. Sie ist eine gute Spielerpersönlichkeit, was sich auch auf die Mannschaft überträgt."

Dass jetzt der Rekord dahin ist, damit scheint Angerer, die in der Jugend auch mit Köln-Keeper Michael Rensing trainierte, problemlos zurecht zu kommen (423056DIASHOW: Das deutsche Team in der Einzelkritik).

[kaltura id="0_cmtspom0" class="full_size" title="Kein Spaziergang zum Titel"]

Bresonik sieht es positiv

Zimmergenossin Linda Bresonik musste sie jedenfalls am Sonntag vor dem Einschlafen nicht trösten.

"Ich denke, dass sie bei dem Tor machtlos war. Von daher brauchte ich auch keine Aufbauhilfe leisten", sagt die Außenverteidigerin.

Für die gesamte Viererkette hat das Ganze auch etwas Positives, meint Bresonik: "Der Mythos ist jetzt gebrochen und das ist okay, dann ist das Thema schon mal vom Tisch."

Rotwein-Wette läuft

Allerdings entgeht Angerer durch Sinclairs Tor eine Flasche Wein. Vor der WM hatte sie mit einer Freundin gewettet, jedes Zu-Null-Spiel ist einen guten Tropfen Rotwein wert.

"Wir haben ja hoffentlich noch fünf Spiele, also habe ich noch die Chance auf fünf Flaschen", sagt Angerer kämpferisch (DATENCENTER: Der WM-Spielplan).

Beim WM-Triumph in China gab es für jedes Spiel ohne Gegentor noch einen Kasten Bier - klar, dass anschließend eine Party stieg.

Angerer geht nicht nur in Sachen Motivation eigene Wege. Die Torhüterin sagt gerne ihre Meinung, mäkelte als einzige aus dem Kader öffentlich an den vielen Teambuilding-Maßnahmen.

Ein Freund von offenen Worten

"Teambuilding ist ja gerade in, ich halte generell nicht so viel davon", gestand die ausgebildete Physiotherapeutin ehrlich in den Wochen vor der WM.

Offen geht Angerer auch mit der Tatsache um, dass sie Frauen und Männer attraktiv findet und eine Festlegung aus ihrer Sicht "total albern" ist, wie sie im vergangenen Jahr in einem Interview erzählte.

Der befürchtete Wirbel blieb danach aber aus 366780(DIASHOW: Deutschlands WM-Kader).

"Ich habe keine große Resonanz bekommen. Das ist doch was Positives", sagte sie jetzt der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Die Keeperin wird weiter ihren Weg gehen und womöglich auch noch einige Rotwein-Prämien sammeln.

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