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Die Deutsche Nationalmannschaft feierte bereits 2003 und 2007 den WM-Titel © getty

Nach der WM-Vorrunde zieht SPORT1 Bilanz. Die Referees schwächeln, das Publikum überzeugt. Nordkorea enttäuscht doppelt.

Vom Frauen-Nationalteam berichten Mathias Frohnapfel und Andreas Messmer

Wolfsburg - Egal, mit welchen Protagonisten der Frauen-WM SPORT1 gesprochen hat, überall gab es Komplimente satt für die deutschen Gastgeber.

"Amazing" ("Erstaunlich") nennt beispielsweise Schwedens Starspielerin Lotta Schelin das Turnier nach der abgeschlossenen Vorrunde. "Die Kulisse ist toll, fast bei jedem Spiel sind 25.000 Fans dabei".

Zudem lobt die Stürmerin, wie stark sich das Niveau des Frauenfußballs verbessert hat.

"Der Unterschied zwischen den einzelnen Teams ist kleiner geworden, das tut unserer Sportart gut."

Und Brasiliens Trainer Kleiton Lima befindet sogar: "Es ist glamourös, wie die WM in Deutschland organisiert ist. Man merkt, die Deutschen lieben den Frauenfußball."

Mehr Wertschätzung aus berufenem Mund geht kaum.

Doch nach 24 gespielten Partien und den nun feststehenden Viertelfinal-Begegnungen (USA - Brasilien, Schweden - Australien, Deutschland - Japan, England - Frankreich) hat die Frauen-WM durch die beiden überführten Nordkoreanerinnen auch den ersten Dopingskandal (Bericht).

SPORT1 stellt eine erste Bilanz auf und blickt dabei unter anderem auf die Stimmung im Land, die Leistungen der Teams sowie Schiedsrichterinnen und die gescheiterten Möchtegern-Weltmeisteraspiranten.

Niveau der Spiele

Das Positive vorweg: Die Leistungsdichte ist bei der WM in Deutschland höher als bei vorangegangenen Endrunden.

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Die Topteams fiedeln ihre Gegner nicht mehr mit sechs bis zehn Toren Unterschied vom Feld. Außenseiter wie Neuseeland und Mexiko schlugen sich in der Vorrunde wacker.

"Die Mannschaften sind näher zusammengerückt", findet nicht nur DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Auffällig war, dass sich viele Spielerinnen von der ungewohnt großen Kulisse beeindrucken ließen. Viele Begegnungen begannen mit Fehlpass-Orgien und langen Bällen ins Nirwana, erst im Laufe der ersten Halbzeit legten die Spielerinnen ihre Nervosität ab.

Steigerungsbedarf besteht außerdem bei den Leistungen der Torhüterinnen: in Sachen Strafraumbeherrschung, Spieleröffnung und bei hohen Bällen.

DFB-Präsident Zwanziger ist optimistisch, dass die kommenden Duelle sportlich attraktiver werden: "Ich glaube, dass wir die wirklich sportlich interessanten Partien ab dem Viertelfinale sehen können."

Leistung der Schiedsrichterinnen

Ball gespielt, deutete die Südkoreanerin Cha Sung Mi beim Spiel Deutschland gegen Nigeria (1:0) an, als Babett Peter kurz vor der Halbzeit mit einem gewaltigen Tritt umgesenst wurde.Das von der Schiedsrichterin nicht unterbundene Holzhacker-Festival des Afrikameisters war aber keinesfalls negativer Höhepunkt der Vorrunde.

Top 1 der Fehlleistung geht ganz klar an die ungarische Schiedsrichterin Gyoengyi Gaal.

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In der 16. Minute zwischen Australien und Äquatorial-Guinea (3:2) hatte die afrikanische Spielerin Bruna nach einem Pfostenschuss den Ball reflexartig mit den Händen gefangen und zwei Sekunden festgehalten.

Der Elfmeterpfiff blieb aber aus, das Stadion tobte - und lachte.

Im Negativ-Ranking müsste auch die US-Amerikanerin Kari Seitz auftauchen, die bei Brasiliens Sieg über Norwegen ein eigentlich nicht zu übersehendes Foul von Superstar Marta vor dem Tor hat durchgehen lassen.

Die Fehler bei der Frauen-WM könnten damit zu tun haben, dass der Weltverband bei den Männern aus 3100 Kandidaten wählen kann, bei den Frauen aber nur aus rund 600 Schiedsrichterinnen, wie die "FAZ" berichtete.

Dass bei einer Frauen-WM nur Frauen pfeifen, ist nicht vorgeschrieben, aber seit 1999 ein ungeschriebenes Gesetz.

Die deutsche Vertreterin Bibiana Steinhaus gab bisher eine gute Vorstellung ab, griff beim skandalösen Heimspiel in der Australien-Partie aber auch nicht ein.

WM-Stimmung in den Stadien

Viele Stadionbesucher schätzen die "familienfreundliche" Atmosphäre, Kritiker bemängeln hingegen die mangelnde Geräusch-Kulisse, die sie von Bundesligaspielen gewöhnt sind.

Das Klientel bei der WM ist schlicht ein anderes: Jünger und weiblicher sind die Fans in den Arenen. Tatsächlich beklatschen die Zuschauer im Stadion zwar brav jedes Tor und jede Chance.

Und bei fast allen Spielen schwappt schon während der ersten Halbzeit "La Ola" durchs Stadion. (423460DIASHOW: Die Fans der WM)

Doch richtig emotional reagiert die große Masse der Stadiongänger nur bei den ausverkauften Partien der deutschen Mannschaft. Pfiffe von den Tribünen müssen sich Spielerinnen und Schiedsrichter dabei nur selten gefallen lassen.

"Das ist das beste Turnier, an dem ich bisher teilgenommen habe", meint US-Keeperin Hope Solo, die gegenüber SPORT1 die "tolle Stimmung" lobt.

"Es gibt ja nur nicht deutsche Fans hier in den Stadien, man sieht auch die Flaggen anderer Länder."

WM-Stimmung beim Public Viewing

Abseits der Arenen findet Public Viewing nicht den enormen Anklang, wie es bei der WM der Männer der Fall war. Die größten Fußball-Partys fanden in Frankfurt statt, wo bei jedem Deutschlandspiel 15.000 Fans am Mainufer feierten.

Die Zahlen bei den Fan-Festen in den anderen Austragungsorten bewegten sich im niedrigen einstelligen Tausenderbereich. Autos mit Deutschland-Fähnchen wie 2006 gibt es kaum.

Zuschauer-Interesse in Stadien und TV

Bei Spielen Deutschlands sind die Stadien ausverkauft, bei den restlichen Begegnungen immerhin gut gefüllt. 597.644 Fans strömten während der Vorrunde in die Arenen, durchschnittlich waren das 24.902 Stadionbesucher.

Für die Fernsehsender erweist sich das Turnier als Quotenhit. Im Schnitt 15,4 Millionen Zuschauer verfolgten das Eröffnungsspiel der DFB-Frauen gegen Kanada. Jeweils über 16 Millionen Zuseher fieberten bei den Siegen gegen Nigeria und Frankreich mit.

Zum Vergleich: Das Champions-League-Finale 2010 zwischen dem FC Bayern und Inter Mailand sahen 11,9 Millionen TV-Zuschauer, Sebastian Vettels Triumphhart zum WM-Titel im vergangenen Herbst 10,3 Millionen. Auch die Begegnungen ohne deutsche Beteiligung locken die Fans vor die Mattscheibe.

Den 2:1-Erfolg der Schwedinnen gegen die USA sahen beispielsweise 5,65 Millionen Fans. "Diese Chance, für den Frauenfussball zu werben, ist einmalig. Die Medien machen es möglich?, sagt Steffi Jones, Präsidentin des Organisationskomitees.

Geheimfavoritinnen a.D.

Die Erwartungen an Nordkorea waren groß und wurden gewaltig enttäuscht.

Die Asiatinnen scheiterten in Todesgruppe C klar hinter Schweden und den USA. Dass ihr Trainer Kim Kwang Min für die Auftaktpleite gegen die USA sogar einen bis dato unbekannten Blitzschlag in den Wochen zuvor verantwortlich machte, wirkte peinlich.

Der aktuelle Dopingskandal um das Team dürfte die Reputation endgültig zerstört haben genauso wie die vehemente Abschottung während der WM.

Vorzeitig abreisen müssen auch die Norwegerinnen.

Schon vor der WM hatte SPORT1-Kolumnist Bernd Schröder geunkt, wie die Skandinavierinnen denn bitteschön das Halbfinale erreichen wollten angesichts der Leistung beim 0:3 im Test gegen Deutschland.

Dass Australien den hochgehandelten Weltmeister von 1995 rausgekegelt hat, zeigt auch, wie sehr das Team von Eli Landsem der Entwicklung im Frauenfußball hinterherhinkt.

Auch der Weltranglisten-Sechste Kanada enttäuschte und verspielte schon nach zwei Partien gegen Deutschland und Frankreich alle Chancen aufs Viertelfinale.

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