vergrößernverkleinern
Lira Bajramaj spielt seit 2005 für die deutsche Nationalmannschaft © getty

Die Flügelflitzerin hat sich aus ihrer Krise herausgearbeitet und hofft gegen den Lieblingsgegner auf die Startelf. Neid pokert.

Vom Frauen-Nationalteam berichtet Mathias Frohnapfel

Wolfsburg - Norio Sasaki dürfte am Samstagabend mit Scannerblick über Deutschlands Aufstellung rauschen: Steht Lira Bajramaj über oder unter dem Strich?

Das heißt, spielt Lira Bajramaj im WM-Viertelfinale (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER ) von Anfang an oder nicht?

Diese Frage dürfte Japans Trainer umtreiben, da die Edeltechnikerin der personalisierte, 1,70 Meter große und 55 Kilo schwere Albtraum Nippons ist.

Die Flügelflitzerin vermasselte Japans Fußballfrauen 2008 den größten internationalen Erfolg: Statt Japan schnappte sich Deutschland die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen, Bajramaj erzielte beim 2:0-Erfolg beide Tore.

"Das ist Jahre her", sagt die 23-Jährige, wenn man sie heute darauf anspricht. "Wir haben uns weiterentwickelt, Japan auch."

Bajramaj wie verwandelt

Beim 4:2-Erfolg über Frankreich spielte Bajramaj durch, nachdem ihre Dienste in den beiden Partien zuvor nur insgesamt 22 Minuten als Joker gefragt waren.

Zu wenig für die Super-Begabung, die nach ihrem Wechsel von Potsdam zum 1. FFC Frankfurt zur wohl bestbezahlten deutschen Fußballerin aufgestiegen ist.

Sie hatte sich nach eigener Aussage "selbst Druck gemacht", dünnhäutig registrierte sie auf der Pressekonferenz vor der Frankreich-Partie jede kritische Frage.

Nach ihrem Einsatz in Mönchengladbach erschien Barjamaj indes wie verwandelt, selbst wenn längst nicht jede Aktion glückte 426775(DIASHOW: Einzelkritik).

Sapowicz verwehrt das Tor

Gelöst berichtete der Lockenkopf vom Auftritt in der Stadt, in der ihre Familie wohnt und in der sie nach der Flucht auf dem Kosovo aufgewachsen ist.

"Solche Mannschaften, die Fußball spielen können, liegen uns. Da bringen wir auch eine gute Leistung", sagte sie auf SPORT1-Nachfrage. Aus ihrer Sicht ist der "Knoten geplatzt", das Team könne jetzt im Turnier richtig durchstarten.

Und natürlich würde Bajramaj nur allzu gerne in Wolfsburg ihr erstes WM-Tor 2011 erzielen.

Gegen Frankreich raubte ihr Torhüterin Berangere Sapowicz durch das Foul vorm Elfmeter einen fast sicheren Treffer, ein anderes Mal klärte eine Französin reaktionsschnell auf der Linie.

"Hör nicht auf die vielen Ratschläge"

Dennoch war es eine Leistungssteigerung - auch im Vergleich zu einigen Testspiel-Einsätzen.

[image id="42a264f6-6473-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Das vorherige Sorgenkind spielte zwar nicht am obersten Level ihres Könnens, aber eben auch nicht am unteren wie zuvor.

Und die "Leichtigkeit des Seins", die ihr Bundestrainerin Silvia Neid vor WM-Start abgesprochen hatte, schimmerte plötzlich wieder durch.

"Eine Freundin hat vorher zu mir gesagt: Hör nicht auf die vielen Ratschläge, sondern denk einfach, wir würden im Wald sein und dort Fußball spielen", erzählt Bajramaj mit einem zufriedenem Lächeln.

Glanz oder Krampf?

Denn dass sie kicken kann - und das sehr gut, war ja beinahe in Vergessenheit geraten.

Stattdessen wurde Werbeliebling Bajramaj mit anderen Attributen überfrachtet wie "Glamour-Girl", "Stilikone" und natürlich auch "schönste Ballerina im DFB-Dress".

Und dass sie sich selbst mal als "selbstbewusste Tussi" bezeichnete, sollte zwar gewiss auch witzig gemeint sein, festigte aber das bestehende Bild beim Publikum.

Für Bajramaj und Deutschland startet jetzt die entscheidende Turnierphase - auf großer Bühne wird dabei über Glanz oder Krampf verhandelt.

Für die meisten Spielerinnen dürften es die wichtigsten Tage ihrer Laufbahn überhaupt werden.

Treffsicher in Stöckelschuhen

Indes hat sich Bajramajs größte Rivalin um den Platz auf der linken Außenbahn wieder fit gemeldet.

Laut Co-Trainerin Ulrike Ballweg halten sich die Schmerzen von Melanie Behringer nach ihrer Außenbanddehnung im "erträglichen Maß". Ein Einsatz wäre also möglich. Allerdings ist Bundestrainerin Neid erfahrungsgemäß vorsichtig bei angeschlagenen Spielerinnen.

Behringer steht für Wucht, Präzision und scharfe Flanken. Bajramaj fürs Tänzeln, eine feine Ballannahme, das Dribbling in den freien Raum und dann meist das flache Zuspiel.

Technisch ist sie so versiert, dass sie einst im "Sportstudio" zwei Bälle in der Torwand versenkte, in Stöckelschuhen wohlgemerkt (423460DIASHOW: Die Fans der WM).

"Der Spielerin nützt es nichts"

Ihr Potsdamer Ex-Trainer und SPORT1-Kolumnist Bernd Schröder sieht Bajramaj derzeit mit Licht und "ausreichend viel Schatten" (WM-Kolumne: Schönrederei bringt bei Lira nichts).

"Ich erwarte von ihr auch vorbereitende Aktionen. Sie hat sich bemüht, aber wo hat sie Akzente gesetzt?", sagt er klar.

Und er erklärt: "Der Spielerin nützt es auch nichts, wenn man nach drei Dribblings so tut, als ob dies das Größte der Welt wäre."

Der 68-Jährige will seine einstige Musterschülerin kitzeln und anspornen, Japans Coach würde sie dagegen gewiss am allerliebsten unter "Susbstitutes" auf dem FIFA-Bogen finden.

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel