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Kerstin Garefrekes erzielte bei der WM schon zwei Kopfballtore für das DFB-Team © getty

Kerstin Garefrekes spricht über ihr 1000-Teile-Hobby, das Japan-Spiel, ihre Rolle als Spielführerin und Kopfballungeheuer.

Vom Frauen-Nationalteam berichtet Mathias Frohnapfel

Wolfsburg - Kerstin Garefrekes lernt dazu.

Nach dem Gewinn des EM-Titels 2009 ging die Verwaltungsangestellte unbeirrt am nächsten Tag ins Büro.

Doch der Bruch von der rauschenden Fußballparty nach dem Titelgewinn zum Job in Frankfurt war dann selbst für die sachliche 31-Jährige zu groß.

Diesmal wird die Flügelspielerin daher nach dem Turnier in die Einsamkeit reisen, in Norwegen unterwegs sein und dabei auch in Blockhütten schlafen.

Aktuell nächtigt Garefrekes noch in Luxusherbergen wie dem "Ritz Carlton" in Wolfsburg. Und trotz ihrer ruhigen Art hat Garefrekes im Frauennationalteam eine unheimlich wichtige Rolle, vertritt im Moment auch die formschwache Birgit Prinz als Spielführerin.

Gegen die kleingewachsenen Japanerinnen (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER ) könnte die Motorradfahrerin dank ihrer Kopfballstärke zur entscheidenden Waffe von Bundestrainerin Silvia Neid werden.

In der Vorrunde erzielte sie so gegen Kanada und Frankreich jeweils das Führungstor.

Im SPORT1-Interview spricht Garefrekes über diese Stärke, den Zusammenhalt im Team und ein Hobby für sehr geduldige Menschen.

SPORT1: Frau Garefrekes, sind Sie ein Kopfballungeheuer?

Kerstin Garefrekes: Das weiß ich nicht. Die beiden Tore gegen Kanada und Frankreich waren von Babett Peter hervorragend vorbereitet, ich konnte davon profitieren.

SPORT1: Die Japanerinnen sind kleingewachsen, Sie haben schon zwei Kopfballtore erzielt. Kann man davon ausgehen, dass Sie wieder gute Chancen erhalten?

Garefrekes: Das hoffe ich natürlich und dass ich die Möglichkeit dann nutzen kann. Wir werden aber bestimmt nicht vermehrt auf hohe lange Bälle setzen, sondern auf unsere Stärken im Kombinationsspiel.

SPORT1: Wie schätzen Sie die Japanerinnen ein?

Garefrekes: Sie haben eine etwas andere Spielweise als unsere Gegner zuvor, sind technisch sehr gut. Und sie versuchen sich spielerisch aus schwierigen Situationen zu befreien.

SPORT1: Die körperliche Überlegenheit spricht aber für Deutschland.

Garefrekes: Die Japanerinnen werden sich bestimmt nicht in den Zweikämpfen einfach wegstoßen lassen. Sie werden nicht ganz körperlos spielen und uns nur Begleitschutz geben. Sie werden kämpferisch alles geben.

SPORT1: Wird Japan nach der 0:2-Niederlage gegen England mit Wut im Bauch spielen?

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Garefrekes: Sie werden uns bestimmt nichts schenken. Sie wittern die Chance, den Titelverteidiger aus dem Turnier zu werfen. Sie haben auch den Anspruch formuliert, ein Mitfavorit zu sein. Das haben die Japanerinnen nicht ohne Grund gemacht. Die Chancen stehen 50:50.

SPORT1: Deutschland hat gegen Frankreich zwei Gegentore nach Standards bekommen. Haben Sie auf diese Gefahr noch mal größeres Augenmerk gelegt?

Garefrekes: Natürlich haben wir uns das nochmal angeschaut und analysiert. Die Französinnen haben das allerdings sehr gut gemacht, das muss man auch anerkennen.

SPORT1: Sie sind derzeit Spielführerin, wenn Birgit Prinz nicht in der Startelf steht. Was bedeutet diese neue Rolle für Sie?

Garefrekes: Zuerst einmal einen erweiterten Zuständigkeitsbereich. Ich war gegen Frankreich verantwortlich für die Seitenwahl und habe sie direkt verloren (lacht). Sonst hat sich nichts verändert, Birgit ist weiterhin unsere Spielführerin.

SPORT1: Birgit Prinz hat sich bemerkenswert bei der Pressekonferenz präsentiert. Wie wirkt die Stürmerin jetzt auf Sie?

Garefrekes: Sie macht einen aufgeräumten Eindruck, ist gelöster und entspannter als unmittelbar nach dem Nigeria-Spiel. Birgit wird nach wie vor alles, was ihr zur Verfügung steht, der Mannschaft geben.

SPORT1: Welche Rolle spielt die Hierarchie im Team? Oder ist das eher ein Thema für Männer-Mannschaften?

Garefrekes: Das weiß ich nicht. Es muss aus meiner Sicht nicht so eine strikte Hierarchie geben a la: Die Spielführerin entscheidet alles. Bei bestimmten Dingen sollten sich alle zusammensetzen und darüber sprechen. Da darf es nicht um Eitelkeiten gehen.

SPORT1: Kann die Mannschaft nach drei Spielen nun besser mit dem Druck und der Kulisse umgehen?

Garefrekes: Das Eröffnungsspiel war schon krass vor 75.000 Zuschauern in Berlin. Das war echt ein Sprung ins kalte Wasser, wir sind mittlerweile besser daran gewöhnt. Jetzt freuen wir uns darauf, sehen das nicht als Druck.

SPORT1: Was machen Sie eigentlich, um sich von der Anspannung zu erholen?

Garefrekes: Ich bin froh verkünden zu können, dass ich mit meiner Zimmergenossin Ursula Holl nun unser Puzzle mit 1000 Teilen fertiggestellt habe. Das hat einen Moment gedauert und war auch schon eine Herausforderung.

SPORT1: Was stellt das Puzzle denn dar und wie transportieren Sie es überhaupt von Spielort zu Spielort?

Garefrekes: Wir haben das mit einer Puzzlematte transportiert, wir sind ja keine Amateure. Natürlich haben wir uns auch in dieser Beziehung sehr gut aufs Turnier vorbereitet (lacht). Es ist ein Fußballpuzzle, mit vielen Mordillo-Figuren, die Fußball spielen oder Quatsch machen.

SPORT1: Haben Sie noch ein zweites Puzzle dabei?

Garefrekes: Ja sicher, wir wollen uns doch ins Finale puzzeln.

SPORT1: Die mediale Begleitung ist riesig. Wie empfinden Sie das, für vier Wochen eine Art Popstar zu sein?(423460DIASHOW: Die Fans der WM)

Garefrekes: Das ist schon sehr ungewohnt. Wir haben in der Vorbereitung ja gemerkt, dass das Interesse steigt. Natürlich haben mich während der WM auch die vielen Bilder von unseren Freizeitaktivitäten ziemlich überrascht. Daran muss man sich gewöhnen, aber wir wollen ja auch, dass die WM so eine Resonanz findet.

SPORT1: Inwiefern zehrt solch ein Turnier an einem?

Garefrekes: Während der WM ist das kein Problem, man fokussiert sich auf sein Ziel. Danach merkt man das schon körperlich und geistig, wenn man alle vier Tage ein Spiel auf höchstem Niveau hat. Die Akkus müssen dann auf jeden Fall neu aufgeladen werden.

SPORT1: Vor der WM wurde viel über die jungen Spielerinnen gesprochen. Die Tore haben zuletzt aber Inka Grings und Sie gemacht.

Garefrekes: Das ist doch eine Diskussion, die nur von außen kam. Wir sagen, wir sind 21 Spielerinnen und brauchen alle. Bei uns geht es nicht um alt gegen jung, alle müssen an einem Strang ziehen.

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