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Celia Okoyino da Mbabi am Boden: Erstmal seit 1999 ist im Viertelfinale Schluss © getty

Die Nationalspielerinnen knabbern am WM-Aus gegen Japan. Auch Olympia 2012 ist futsch. Die Wunden sind riesig.

Vom Frauen-Nationalteam berichtet Mathias Frohnapfel

Wolfsburg - Es sollte eine WM werden wie mit der schönsten Power-Point-Präsentation entworfen: Mit schönem und erfolgreichem Fußball sollten die Nationalspielerinnen Richtung Finale klettern.

Kleine Aufgabe Numero zwei: die Marktanteile für den Frauenfußball im (fast) fußballfreien Sommerloch nach oben zu treiben. (428304DIASHOW: Deutschland - Japan: Die Bilder)

Und damit auch jeder den Spaßfaktor dieses Turniers kapiert, hatten Marketing-Strategen den Slogan entsonnen: "Dritte Plätze sind nur was für Männer".(DATENCENTER: WM-Ergebnisse)

Doch jetzt ist sogar jener vermeintliche Verlierer-Platz, den die Männer 2006 und 2010 belegten, für Deutschlands Fußballerinnen zur Utopie geworden.

Ein Plakat als Dankeschön

Stattdessen trotteten Nadine Angerer, Simone Laudehr und Inka Grings nach der 0:1-Viertelfinalpleite (Spielbericht) mit jenem Plakat durch die Wolfsburger Arena: "Ein Team - Ein Traum - Millionen Fans - Danke!"

Es ist nicht böswillig anzunehmen, dass der Spruch ursprünglich für den Halbfinaleinzug kreiert war. "Leere" und "Fassungslosigkeit" machte Linda Bresonik bei sich am Sonntag gegen Mitternacht aus.

"Olympia und WM sind weg"

"Die WM ist weg, Olympia ist weg - alles in einem Spiel", sagte die 27-Jährige und lauschte erstaunt ihren eigenen Worten hinterher (NEWS: DFB-Team verpasst Olympische Spiele in London).

Misserfolg - das war zuletzt das Missvergnügen der anderen.

Wo Silvia "Sorglos" Neid und ihr Team auftauchten, schien die Sonne. Seit 1995 holten Deutschlands Fußballerinnen in einer unglaublichen Serie jeden EM-Titel und wurden zudem 2003 und 2007 Weltmeister.

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Kulig fällt monatelang aus

Nun donnert ein ziemlicher Gewitterschauer auf die Sommermädchen hernieder.

Kim Kulig zog sich eine der fiesesten Fußballerverletzung bereits nach drei Minuten zu, inzwischen hat sich die Schock-Diagnose Kreuzbandriss bestätigt. Sie wird nun monatelang fehlen.

Im Zentrum köpften Kerstin Garefrekes und Inka Grings jeden Ball am Ziel vorbei, als ob es schändlich gewesen wäre, gegen die kleingewachsenen Japanerinnen so ein Tor zu erzielen.

Aber wahrscheinlich hatten die 1,79 Meter große Garefrekes und Instinktfußballerin Grings so viel via Medien von diesem Wundermittel gehört, dass sie lieber gleich ganz darauf verzichteten.

Stundenlang hätte man noch spielen können, ohne zum Torschrei zu kommen, klagte Bresonik auf SPORT1-Nachfrage.

Medien-Hype macht Team zu schaffen

Unter dem Brennglas der Medien schien es der Duisburgerin nicht zu heiß geworden zu sein, obwohl sie ehrlich zugab: "Es war eine neue Situation für uns, es sind so viele neue Dinge auf uns eingeprasselt. Doch im Großen und Ganzen sind wir gut damit klar gekommen."

Ihre Auswechslung nahm sie stoisch hin, die Trainerin sei unzufrieden gewesen.

Ach so. Dabei war Bresonik gar nicht mal die schwächste auf dem Platz, doch Silvia Neid fehlte die entscheidende Idee fürs Mittelfeld (EINWURF: Vercoacht, verzockt, versagt).

Risse in der heilen Welt

"Ich mache mir keinen Vorwurf", demonstrierte die Bundestrainerin zumindest nach außen hin Selbstbewusstsein.

In die so beschauliche Welt ihrer Mannschaft, die in den Vorbereitung sich mit Drachenbootfahren und Schatzsuche abgelenkt hatte, waren längst tiefe Risse zu sehen.

Jungspund Alexandra Popp ("Hätte mir von ihr mehr erwartet") bekam von Neid genauso eine mit wie indirekt Rekordnationalspielerin Birgit Prinz, die im violetten Reservisten-Leibchen das Ende einer grandiosen Karriere erleben musste.

Prinz ist sauer

"Wir sind unter unseren Möglichkeiten geblieben, konnten spielerisch nicht so überzeugen, wie wir es uns vorgestellt haben", kommentierte Prinz sehr sachlich das Turniergeschehen.

Wie sehr es in ihr brodelte, zeigte die Frage eines englischen Kollegen.

Ihre Enttäuschung sollte die 33-Jährige doch bitte mal beschreiben. "How do you want me to describe it?" ("Wie soll ich es Ihnen beschreiben?"), grantelte Prinz und ihre Hände eröffneten einen Krater vom Stadionboden bis fast zur Decke. Raum für enorm viel Frust.

Mit dem quietschorangenen Teambus ging es dann ins noble "Ritz Carlton". Ein paar Spielerinnen sind laut der Bundestrainerin gleich aufs Zimmer "verschwunden", andere haben versucht, sich im Hotel ihre Enttäuschung so gut es ging von der Seele zu reden.

Tränenreicher Abschied

Zur Pressekonferenz am Sonntagmorgen erschien Neid zwar wie aus dem Ei gepellt, doch in ihrem Gesichtsausdruck stand die kurze Nacht geschrieben.

"Jede hat sich verabschiedet mit Tränen in den Augen", berichtete sie vom emotionalen Abschied von den Spielerinnen.

Auch Teammanagerin Doris Fitschen wirkte geschafft. Artig dankte sie den Fans für die tolle Unterstützung und der Mannschaft dafür, wie sie sich in der Öffentlichkeit präsentiert habe. (423460DIASHOW: Die Fans der WM)

"Die WM ist ein Erfolg, das sieht man auch an der Begeisterung der Menschen. Ich hoffe, dass die Menschen die WM weiter feiern in der verbleibenden Woche."

Ob Fitschen Teammanagerin bleibt, ist offen. Nach ihren Worten entscheidet sich das erst nach dem Turnier.

Dann stiefelten Neid, Fitschen und Delegationsleiterin Hannelore Ratzeburg vom Podium.

Das war schon wenige Stunden später fein säuberlich in seine Einzelteile zerlegt und auch alle DFB-Logos verstaut. Unglamourös verwandelte sich das Medienzentrum zurück in eine Turnhalle - ganz ohne Powerpoint.

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