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Silvia Neid (l.) gewann 2007 als Trainerin mit der Nationalmannschaft den WM-Titel © getty

Auf Silvia Neid prasselt die Kritik ein. Prinz' Vater fordert ihren Rücktritt, die DFB-Trainerin schiebt Fragen nach Fehlern weg.

Vom Frauen-Nationalteam berichtet Mathias Frohnapfel

Wolfsburg - Irgendwann weit vor der WM hat Silvia Neid auf ein Zettelchen geschrieben, wie das Frauen-Nationalteam nach der WM aussehen könnte.

Wo sich diese ominöse Liste befinde, hatte die Bundestrainerin damals gescherzt, wisse sie gar nicht mehr so genau.

Leicht und locker: So sah vor dem Turnier bei Neid vieles aus.

Die Testspiele wurden - auch gegen die beiden WM-Teilnehmer Norwegen und Nordkorea - klar gewonnen. Das Team und Frontfrau Neid lächelten fotogen bei Werbeterminen, Team-Buidling und Medienauftritten.

Sturmresistent in der Krise?

Jetzt muss Neid den großen Umbruch gestalten und sich dabei als sturmresistent zeigen.

Denn so kräftig wie nach dem WM-Aus gegen Japan (Nachbericht) die Kritik auf sie eindonnert, musste es die 47-Jährige in ihrer großen Karriere bisher weder als Spielerin noch als Trainerin erleben (DATENCENTER: WM-Ergebnisse).

"Ich mache mir keinen Vorwurf", sagte Neid und verwies auf die gestiegene Leistungsdichte im Frauenfußball.

Desaströse Konsequenzen

Selbstverständlich ist ein Ausscheiden des Weltranglisten-Zweiten gegen den Weltranglisten-Vierten aus sportlicher Sicht keine Sensation. Zumal die Partie erst in der Verlängerung ihre entscheidende Pointe fand (428304DIASHOW: Deutschland - Japan: Die Bilder).

Doch die Konsequenzen gestalten sich für die DFB-Frauen desaströs: Beim Publikum bleibt nach dem vorzeitigen Aus bei der Heim-WM das Bild einer hochgejazzten und tiefgefallenen Mannschaft (423460DIASHOW: Die Fans der WM), zudem finden die Olympischen Spiele 2012 ohne die deutschen Fußballerinnen statt (NEWS: DFB-Team verpasst Olympische Spiele in London).

"Letztlich muss sich auch Silvia Neid bestimmte Fragen gefallen lassen. Dass da am Ende nichts Zählbares rausgekommen ist, ist eine Enttäuschung - das ist sogar beängstigend", sagte DFB-Vizepräsident Rolf Hocke der "Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen".

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Zwanziger steht zur Trainerin

"Ich kann mir persönlich nur den Vorwurf machen, den Ball selbst nicht reingetragen zu haben", meinte Neid bloß.

Um ihren Arbeitsplatz muss sie nicht zittern, ihr unmittelbar vor der WM verlängerter Vertrag läuft bis 2016 und für DFB-Boss Theo Zwanziger ist sie auch nach dem WM-Debakel "das Beste, was wir kriegen können".

Dabei hatte Neid im entscheidenden Moment dem Team durch Fehlentscheidungen bei wichtigen Wechseln mehr geschadet als genutzt.

Wechselfehler und Mängel in der Spielidee

Nach Kim Kuligs Verletzung musste Linda Bresonik auf die Doppelsechs, löste das nicht gut und wurde später von Lena Goeßling ersetzt. Joker Alexandra Popp kam außerdem viel zu spät (EINWURF: Vercoacht, verzockt, versagt).

"Ich habe immer geglaubt, dass wir noch ein Tor reinwurschteln, aber wirklich reinwurschteln, das hatte nichts mit grazilem Spiel zu tun", jammerte die Cheftrainerin in ihrer ersten Enttäuschung.

[kaltura id="0_3pyxif0g" class="full_size" title=" Alle hatten Tr nen in den Augen "]

Allerdings hatte das Team im gesamten Turnier nur in der Vorrunden-Partie gegen Frankreich eine wirklich gute Leistung gebracht. Neid wechselte danach trotzdem wieder auf drei Positionen, nahm auch Lira Bajramaj raus.

Prinz und Bajramaj ausgemustert

Dass sowohl Bajramaj als auch Birgit Prinz, noch im Januar bei der Wahl zur Weltfußballerin unter den besten Drei, gegen Japan 120 Minuten nur auf der Bank saßen, ist der nächste Knackpunkt.

Man stelle sich vor: Pep Guardiola hätte Xavi und Iniesta sehenden Auges in eine solche Formkrise fallen lassen.

Manager Siegfried Dietrich vom 1. FFC Frankfurt erneuerte deshalb am Montag seine Kritik an Neid.

"Silvia Neid muss sich tatsächlich hinterfragen. Es war sicher nicht clever, im Viertelfinale gegen Japan auf eine derartige Gallionsfigur wie Birgit Prinz zu verzichten. Sie hätte den Japanerinnen sicher Angst eingeflößt. Auch das Lira Bajramaj nicht zum Zug kam, hat der Mannschaft nicht geholfen", sagte er.

"Keine echte Spielmacherin"

Irgendwo auf der Anreise zum WM-Eröffnungsspiel in Berlin haben Deutschlands Fußballerinnen die spielerische Linie verloren und wie Potsdams Erfolgstrainer Bernd Schröder in seiner SPORT1-Kolumne kritisiert, danach "nie so richtig ins Turnier" gefunden.

Zudem beklagt er: "Im Moment haben wir keine echte Spielmacherin, daher hat die Kreativität gefehlt." (WM-Kolumne: "Neid denkt, sie hätte alles richtig gemacht")

"Welttrainerin" mit viel Selbstbewusstsein

Sie werde natürlich nun mit ihrem Trainerteam alles in Ruhe analysieren, kündigte Neid noch in Wolfsburg an.

Dreimal wurde sie als Spielerin mit Deutschland Europameisterin, heimste als Cheftrainerin seit 2005 die Welt- und Europameisterschaft ein. Im Januar erkor sie die FIFA zur "Welttrainerin des Jahres".

Wen mag es da verwundern, dass Neid von allen Aspekten ihrer Arbeit vollumfänglich überzeugt ist.

Spezieller Umgang mit den Medien

Bei den Medienauftritten während der WM lobte sie schon mal einen Münchner Reporter "für eine lieb gestellte" Frage oder nannte einen Zwischenrufer mit kritischen Kommentaren "süß". Ob man das als lustig, schnippisch oder von oben herab empfindet, liegt im Auge des Betrachters.

Über das Schwänzen des Interview-Termins beim Frauen-Pokalfinale zwischen Potsdam und Frankfurt gibt es indes keine zwei Meinungen.

Prinz' Vater fordert Neid-Rücktritt

Neid muss nun auch über ihren eigenen Stil nachdenken. Ihr Verhältnis zu Deutschlands größter Spielerin Birgit Prinz darf getrost als zerrüttet bezeichnet werden. Sie brachte Prinz im Endspurt der Japan-Partie nicht, was sportlich begründbar sein mag, aber von ihr wohl nicht so an die Rekordnationalspielerin kommuniziert wurde.

Dabei hatte Prinz durchaus auf einen Kurzeinsatz gehofft. "In meinen Augen war das durchaus der Plan. Aber in den Augen der Trainerin anscheinend nicht."

Noch deutlicher wurde Prinz' Vater Stefan. "Silvia Neid hat das Ganze alleine zu verantworten. Sie hat von Anfang an versucht, junge und ältere Spielerinnen gegeneinander auszuspielen und hat dadurch die Spielerinnen sehr verunsichert", erklärter er im "Hessischen Rundfunk" und forderte Neids Rücktritt:

"Die Frau ist nicht in der Lage, ein Team zu führen. Und es wäre klug, wenn sie einen Strich darunter ziehen würde."

Schwarzer Peter bei Prinz

Prinz selbst distanzierte sich von den Aussagen. "Mein Vater ist ein sehr emotionaler Mensch, der seiner Enttäuschung Luft machen wollte. Was er gesagt hat, ist aber ausschließlich seine ganz persönliche Meinung", sagte die Rekord-Nationalspielerin:

"Es wäre nicht mein Stil, mich öffentlich so zu äußern, und ich finde es inhaltlich auch falsch, die Dinge so undifferenziert darzustellen. Es ist nicht richtig, jetzt einer Person die Schuld zu geben."

Neid hatte aber scheinbar nie an eine Einwechslung von Prinz gegen Japan gedacht. "Birgit ist halt jetzt keine Einwechselspielerin, das wissen wir", kommentierte sie.

Nach dem zweiten Gruppenspiel entschied sich Neid, Prinz aus dem Team zu nehmen, und offenbarte öffentlich, dass die Frankfurtertin sich mental zu einem Einsatz von Anfang nicht in der Lage gesehen habe.

Der Schwarze Peter für die Entscheidung lag damit bei Prinz.

Kritik an Popp und Angerer

In der ersten Emotion nach dem geplatzten WM-Traum schimpfte Neid dann ausgerechnet über Joker Alexandra Popp ("Habe mir mehr Leben erhofft") sowie Torfrau Nadine Angerer und den Gegentreffer aus "so einem spitzen Winkel".

Der DFB wird nun mit einer Trainerin weiter machen, die als geschwächt gelten darf.

Statt "Silvia Sorglos" muss nun eine nachdenkliche Neid aus ihren Fehlern lernen. Ob sie das kann, darf nach den bisherigen Auftritten als äußerst fraglich gelten.

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