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Hans-Jürgen Tritschoks trainierte zwischen 2004 und 2008 den 1. FFC Frankfurt © getty

Hans-Jürgen Tritschoks wirft Silvia Neid Fehler vor. Der Ex-Trainer von Birgit Prinz glaubt, dass sie falsch eingesetzt wurde.

Von Mathias Frohnapfel und Christian Stüwe

München - Der erste Pulverdampf nach dem bitteren WM-Aus der DFB-Frauen hat sich gelegt.

Birgit Prinz steht als große Verliererin da, mehr und mehr kristallisiert sich aber eine Kontroverse um Bundestrainerin Silvia Neid heraus (428940DIASHOW: Zeugnis DFB-Frauen).

Neids Umgang mit verdienten Spielerinnen wie Prinz oder Inka Grings, aber auch mit Jungstars wie Alexandra Popp oder Fatmire Bajramaj wirft Fragen auf (BERICHT: Neid-Debatte um die "Welttrainerin").

"Das Leben geht weiter irgendwie", sagte Prinz nach dem Japan-Spiel enttäuscht zu SPORT1 (Nachbericht).

Insgesamt sei das Team im Turnier unter den Möglichkeiten geblieben. "Wir konnten spielerisch nicht so überzeugen, wie wir es uns vorgestellt haben."

Prinz-Vater fordert Neids Rücktritt

Prinz' Vater Stefan wählte indes sehr deutliche Worte: "Silvia Neid hat das Ganze alleine zu verantworten. Sie hat von Anfang an versucht, junge und ältere Spielerinnen gegeneinander auszuspielen und hat dadurch die Spielerinnen sehr verunsichert", erklärter er im "Hessischen Rundfunk" und forderte Neids Rücktritt:

"Die Frau ist nicht in der Lage, ein Team zu führen. Und es wäre klug, wenn sie einen Strich darunter ziehen würde."

Prinz auf Distanz zu Vater-Meinung

Prinz selbst distanzierte sich von den Aussagen. "Mein Vater ist ein sehr emotionaler Mensch, der seiner Enttäuschung Luft machen wollte. Was er gesagt hat, ist aber ausschließlich seine ganz persönliche Meinung", sagte die Rekord-Nationalspielerin:

"Es wäre nicht mein Stil, mich öffentlich so zu äußern, und ich finde es inhaltlich auch falsch, die Dinge so undifferenziert darzustellen. Es ist nicht richtig, jetzt einer Person die Schuld zu geben."

Neid braucht "Abstand"

Inzwischen schließt Bundestrainerin Neid ihren Rücktritt selbst nicht mehr aus (BERICHT: Neid schließt Rücktritt nicht mehr aus).

"Ich brauche jetzt erstmal Abstand", sagte sie der "Bild". In "ein paar Wochen" werde sie sich dann fragen: "Was will ich eigentlich?"

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Tritschoks stellt Defizite fest

Hans-Jürgen Tritschoks fordert von Neid nun eine "sachliche Auseinandersetzung mit dem Ausscheiden", den Rücktritt der Trainerin zu fordern, hält er aber für falsch. (WM-Kolumne: "Neid denkt, sie hätte alles richtig gemacht")

Als Trainer des 1. FFC Frankfurt gewann Tritschoks mit Birgit Prinz zwischen 2004 und 2008 zahlreiche Titel und begleitete sie in ihrer sportlich erfolgreichsten Zeit.

Prinz sei eine Ausnahmespielerin, sagt der 55-Jährige bei SPORT1 und wirft Neid vor, die Stürmerin nicht richtig aufgestellt zu haben. (EINWURF: Vercoacht, verzockt, versagt)

"Entweder kenne ich die Stärken meiner Spielerinnen oder nicht", sagt Tritschoks.

"Mich hat schon die Aufstellung zum Auftakt gegen Kanada gewundert. Birgit Prinz im Sturmzentrum: das ist nicht ihr Spiel", stellt er fest.

[kaltura id="0_3pyxif0g" class="full_size" title=" Alle hatten Tr nen in den Augen "]

"Sie hat auch bei mir hinter der Spitze gespielt, da ist sie stark, natürlich ist sie nicht mehr so gut wie bei der WM 2007. Doch wenn ich sie mitnehme und spielen lasse, muss ich sie stark machen und sie auf ihrer besten Position spielen lassen."

Tritschoks bei SPORT1 über?

Neids Umgang mit der Prinz-Krise:

"Nach dem Nigeria-Spiel hat Neid gesagt: 'Wir müssen abwarten, Birgit Prinz muss sich im Training anbieten.' Ich sage: Entweder kenne ich die Stärken meiner Spielerinnen oder nicht. Prinz ist eine Ausnahmespielerin, hat einen besonderen Stellenwert, ist eine Leaderin, was auch die Mitspielerinnen betont haben."

"Wenn ich sie gegen Japan rauslasse, kann man das vielleicht noch verstehen. Wenn ich sie gar nicht bringe, muss ich mich fragen: Mache ich alles richtig? Allein wegen der Präsenz auf dem Platz hätte man Prinz benötigt, zum Schluss war das Team doch kopflos."

Neids Zukunft als Bundestrainerin:

"Man sollte nicht gleich in Krisen den Kopf fordern, ich erwarte aber eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Ausscheiden. Ich wundere mich über die Aussage der Nationaltrainerin, die am nächsten Tag meinte, sie müsse sich keine Vorwürfe machen. Das ist für mich eine zu schnelle Analyse. Auch Frau Neid kann mal sagen: 'Ich habe einen Fehler gemacht.' Ich fand es auch sehr unfair, Alexandra Popp an die Wand zu stellen und zu kritisieren."

die Gründe fürs deutsche Ausscheiden:

"Sehr auffallend war die spielerische Schwäche, das war nicht nur im Spiel gegen Japan so, sondern auch schon im Eröffnungsspiel und im Spiel gegen Nigeria. Auch beim 4:2 gegen Frankreich hat man nicht über 90 Minuten überzeugt, die Französinnen haben zudem ja eine Rote Karte bekommen."

die Vorbereitung:

"War die wirkliche so ideal, dass die Mannschaft auf dem Punkt fit war? Von außen hatte man das Gefühl, dass die Mannschaft mental müde war. Das ist eine Frage der Priorisierung."

Stürmerin Inka Grings:

"Inka Grings hat sich beim Eröffnungsspiel auf der Bank wiedergefunden, dabei dachte man, sie sei gesetzt. Grings als arrivierte Spielerin auf der Bank zu lassen, das halte ich zum Auftakt einer WM für problematisch. Das bringt Unruhe in die Mannschaft."

das deutsche Mittelfeld:

"Die Räume zwischen Viererkette und Mittelfeld waren zu groß, im Spielaufbau lagen große Schwächen. Weder Kulig noch Laudehr haben den Spielaufbau vorangetrieben, sie wollten immer nach vorne angespielt zu werden."

die verpasste Chance:

"Wir haben eine einmalige Chance verpasst, etwa für den deutschen Frauenfußball zu tun. Vorher dachte man, man spielt gut, hoffentlich ist aber auch das Interesse der Medien da. Beim Nachhaltigkeitseffekt bin ich skeptisch, man wird die Fernsehzuschauer nicht in die Stadien bekommen, die Handball-WM in Deutschland ist da das beste Beispiel. Da war die Euphorie relativ schnell verflogen."

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