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Gerald Ehrmann (r.) war von 2002 bis 2005 Torwarttrainer von Tim Wiese beim 1. FC Kaiserslautern. ZUM DURCHKLICKEN: Tim Wieses Karriere in Bildern © getty

Im SPORT1-Interview spricht Kaiserslauterns Torwarttrainer Gerald Ehrmann über den tiefen Fall seines Ex-Schützlings Tim Wiese.

Von Reinhard Franke

München - Seit 30 Jahren steht Gerald Ehrmann beim 1. FC Kaiserslautern in Lohn und Brot.

1984 kam er als junger Torwart zum FCK, nach dem Ende seiner Karriere wurde Ehrmann Torwarttrainer.

Und diesen Job übt der heute 55-Jährige wie kein anderer mit großem Erfolg aus.

Ehrmann, der wegen seiner Vorliebe für Bodybuilding einst den Spitznamen "Tarzan" verpasst bekam, brachte in Lautern reihenweise gute Torhüter hervor: Roman Weidenfeller, Florian Fromlowitz, Tobias Sippel, Kevin Trapp und aktuell Marius Müller schafften unter Ehrmann den Sprung in den Profibereich.

Auch Tim Wiese wurde unter Ehrmann zum Bundesliga-Torwart. In seinem ersten Interview seit Jahren spricht Ehrmann bei SPORT1 über "Mucki-Mann" Wiese und dessen tiefen Fall. ( 684776 Tim Wieses Karriere in Bildern )

SPORT1: Bald startet die Weltmeisterschaft. Ist das auch für Sie ein großes Thema? (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014)

Gerald Ehrmann: Selbstverständlich. So ein Turnier ist ja die Krönung für jeden Fußballer. Das ist das Größte, was man als Fußballer erleben kann. Ich werde mir jedes Spiel der Deutschen anschauen. Ich verfolge die Spiele am liebsten gemütlich mit Freunden beim Grillen zu Hause. (WM-Tippspiel: Mitmachen und 100.000 Euro gewinnen!)

SPORT1: Ihr Ex-Schützling, Tim Wiese, war bei der letzten WM noch im Kader der DFB-Elf. Inzwischen ist er von der Fußballbühne verschwunden. Wie traurig macht Sie das?

Ehrmann: Das ist schon enttäuschend und das ist auch mit einer gewissen Traurigkeit verbunden. Wenn einer fast zehn Jahre mit guten Leistungen immer in der ersten Reihe stand und dann so einen Abschluss seiner Karriere hat, dann hat das der Junge nicht verdient. Zumal er privat ganz anders ist, als er in der Öffentlichkeit rüber kommt.

SPORT1: Wie ist er denn?

Ehrmann: Er ist überhaupt nicht arrogant, wie es viele behaupten. Wichtig ist, dass du weißt, wie du mit ihm umzugehen hast, dann ist Tim ein ganz normaler netter Kerl.

SPORT1: Waren Sie sehr überrascht, dass das Kapitel Hoffenheim für Wiese so negativ war?

Ehrmann: Schon, zumal an ihm alles aufgehängt wurde. Es kann aber nicht sein, dass er zehn Jahre gute Leistungen bringt und in einem Jahr alles verlernt haben soll. Das hat dann irgendwo andere Gründe. Für mich wäre es eine echte Aufgabe gewesen, ihn nochmal hinzukriegen. Aber bevor er mit dem Krafttraining anfing.

SPORT1: Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Ehrmann: Na klar. Wir gehen ab und zu essen. Ich habe zu all meinen Torhütern guten Kontakt, ob das der Roman (Weidenfeller, Anm. d. Red.) ist, der Kevin (Trapp, Anm. d. Red.) oder der Flo (Fromlowitz, Anm. d. Red.). Ich habe zu allen wirklich einen guten Draht.

SPORT1: Tim Wiese zeigt jetzt auf Selfies seine Muskelberge. Wie finden Sie das?

Ehrmann: Das ist natürlich Quatsch, was er da macht. Ich verstehe das nicht, das habe ich ihm auch schon gesagt. Das ist völlig überzogen. Ich würde gerne mal wissen, wo er sich den Hüttenkäse und das Geflügel herholt, dass die Muskeln so wachsen. (lacht) Das ist zu viel, da müssen wir uns gar nicht darüber unterhalten. Das, was er da jetzt macht, ist nicht gut.

SPORT1: Kann Wiese denn so überhaupt nochmal im Tor stehen?

Ehrmann: Nein. Mit der Muskulatur kann der Junge das nicht mehr. Mit Sicherheit nicht. Mit der Figur hat er ja Probleme, den Ball aus dem Tor zu holen (schmunzelt). Das ist definitiv vorbei. Es wäre ja auch Quatsch, jetzt wieder damit anzufangen. Er ist jetzt fast zwei Jahre aus dem Fußball raus und dafür polarisiert er viel zu sehr, als dass er nochmal auf dem Platz stehen könnte. Ich würde ihm raten, mit dem Fußball aufzuhören.

SPORT1: Sie waren früher auch ein wilder Typ mit der Vorliebe für Krafttraining.

Ehrmann: Aber nicht so. Krafttraining und Krafttraining sind zweierlei Dinge. Wenn du regelmäßig Krafttraining machst bei gesunder Ernährung, dann kriegst du längst nicht so eine Muskulatur wie der Tim sie jetzt hat. Das hat ja schon was von einem Bodybuilder, der auf der Bühne steht. Das ist Quatsch, und das hat mit Fußball nichts mehr zu tun. Bei mir ist das damals überbewertet worden. Ich war ab und zu im Kraftraum und habe auf Stabilität trainiert. Es ist besser, wenn du als Torwart etwas robust bist und etwas herzeigen kannst in der Außendarstellung. Ich wollte mich wohler und fitter fühlen, das war der einzige Grund, warum ich das gemacht habe.

SPORT1: Konnten Sie nicht mit Wiese reden? Nach dem Motto: 'Was machst du da für einen Blödsinn??

Ehrmann: Wir sprechen schon darüber, aber letztendlich ist er ein erwachsener Mann. Der muss selber wissen, was er macht. Aber wie gesagt: Es ist längst nicht so, wie es rüberkommt, Tim ist ein netter, einfacher Kerl.

SPORT1: Insider aus Hoffenheim berichten, dass man Wiese immer sagen musste, wie toll er ist. Hatten Sie damals beim FCK auch das Gefühl?

Ehrmann: Eigentlich nicht. Eher umgekehrt. Der Tim war einer, dem musstest du in den Hintern treten und im nächsten Moment aufbauen. Bei ihm ist es wichtig, dass du weißt, wie du mit ihm umzugehen hast. Ich habe immer die richtige Ansprache zum Tim gefunden. Ich kenne ihn genau und weiß, was er braucht. Er ist innerlich nicht so hart, wie er äußerlich wirkt. Das war wohl auch ein Grund, warum er in Hoffenheim gescheitert ist.

SPORT1: Wie meinen Sie das?

Ehrmann: Er ist doch nicht so stark, dass er das so leicht wegsteckt. Die ganze Kritik an seiner Person hat ihm offenbar mehr zu schaffen gemacht, als so mancher denkt. Man hätte da ganz anders mit ihm umgehen müssen.

SPORT1: Aber ist das nicht tragisch? Immerhin war Wiese mal Nationaltorwart.

Ehrmann: Das mit Tim ist schon tragisch. Zumindest fußballerisch. Menschlich hat er ja noch alles im Griff, da ist ja nichts passiert, außer dass er ein paar Muskeln mehr hat.

SPORT1: Ein anderer Ex-Schützling von Ihnen ist Roman Weidenfeller, der jetzt zur WM fährt und im ersten Spiel gegen Portugal gleich Manuel Neuer ersetzen könnte. ( 888136 DIASHOW: Der WM-Kader )

Ehrmann: Das ist schon klasse, dass der Roman das geschafft hat. Die Erfahrung und das Können bringt er mit. Ich traue ihm das auf jeden Fall zu. Es ist der richtige Abschluss einer sehr guten Karriere. Das hat er sich verdient. Er spielt seit Jahren in der Liga und international konstant gut. Ich freue mich sehr für ihn. Einen ähnlichen Weg wird der Kevin (Trapp) gehen. Auch er lebt Fußball.

SPORT1: Was wünschen Sie Tim Wiese?

Ehrmann: Ich wünsche ihm, dass das, was er sich für sein Leben vorstellt, in Erfüllung geht. Ich hoffe, dass er nicht aus dem Rahmen fällt. Das werde ich ihm auch immer wieder sagen. Ich wünsche ihm viel Glück für die Zukunft und dass er mit dem vielen Geld vernünftig umgeht.

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