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Sport1.de-Redakteur Martin Volkmar (v.) mit den Jugendlichen der Cape Town Pirates © getty

In vier Monaten wird die WM in Südafrika angepfiffen. Sport1.de sammelte bei einem Besuch vor Ort höchst widersprüchliche Eindrücke.

Von Martin Volkmar

Kapstadt - Auf dem "Grand Parade" werkeln Arbeiter seit Wochen.

Zwar wird ein Großteil von Kapstadts zentralem Platz im Schatten des Tafelbergs nach wie vor als Parkplatz missbraucht.

Doch gleichzeitig werden erste Aufbauten für die größte Veranstaltung der Geschichte Südafrikas errichtet.

In vier Monaten, am 11. Juni, wird die Weltmeisterschaft angepfiffen.

Und auf dem "Grand Parade" soll es das größte "Public Viewing" der Titelkämpfe mit bis zu 25.000 Besuchern geben.

Ein historischer Ort

Doch an diesem Donnerstag blickt Südafrika aus einem anderen historischen Grund auf den Platz:

Am 11. Februar 1990 wurde Nationalheld Nelson Mandela freigelassen und hielt dort mit Blick auf sein einstiges Gefängnis, die Insel Robben Island vor Kapstadt, seine erste umjubelte Rede vom Rathaus-Balkon.

20 Jahre später ist die damalige Begeisterung Ernüchterung und Enttäuschung gewichen.

Die so genannte Regenbogen-Nation ist noch lange nicht vereint, die Kluft zwischen Arm und Reich wächst und die zwei großen Probleme sind ungelöst: Aids und Kriminalität.

Hinzu kommt eine regelrechte Anti-Südafrika-Hysterie in In- und Ausland, die im Verbund mit den teilweise horrend gestiegenen Preisen bei der WM zur großer Verunsicherung bei den Fans weltweit geführt hat.

Entsprechend gering ist bislang die Kartennachfrage, auch wenn diese zuletzt angezogen hat. Und auch die erhofften drei Millionen Besucher während der Endrunde sind fraglich.

Alle Stadien vor der Zeit fertig

Dabei haben es die Gastgeber geschafft, die meisten Probleme rechtzeitig in den Griff zu bekommen. Allen voran bei den zehn Stadien, die allen Unkenrufen zum Trotz weit vor der Zeit fertig wurden. 181113(Diashow: Hier wird gespielt)

Der Weltverband hatte 2005 die Notbremse gezogen, nachdem sich nach der erfolgreichen Bewerbung Südafrikas für die erste Fußball-WM in Afrika im Mai 2004 erstmal ein Jahr lang nichts getan hatte.

Grund dafür war, dass sich der von der Regierungspartei ANC entsandte Danny Jordaan und der Fußball-Multifunktionär Irvin Khoza nicht einigen konnten, wer das Sagen hat und angeblich bis heute nicht miteinander sprechen.

Zahlreiche externe Experten

Daher wundert es auch nicht, dass die FIFA zahlreiche externe Experten zur Hilfe geholt hat:

Der deutsche WM-Organisator Horst R. Schmidt kümmert sich ums Ticketing, zahlreiche Presseleute des Weltverbands organisieren vor Ort die Öffentlichkeitsarbeit und im Österreicher Heinz Palme hat einer der Köpfe im Hintergrund bei der WM 2006 und der EM 2008 das Controlling übernommen.

Doch selbst eine gelungene Weltmeisterschaft wird die hohen Erwartungen der Südafrikaner kaum erfüllen können, dass im Land und vor allem im heimischen Fußball alles besser werden wird.

Besuch im "Mzolis"

Das zeigt ein Besuch vor Ort im Township Gugulethu, wo rund 330.000 der knapp 2,4 Millionen Einwohner Kapstadts leben. Mittelpunkt ist das "Mzolis", ein In-Restaurant auch für Weiße.

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Dass es sich dabei um eine winzige Metzgerei handelt, in der die an den Tischen auf der komplett gesperrten Straße sitzenden Gäste teilweise stundenlang auf ihr gegrilltes Fleisch warten müssen, spielt keine Rolle.

Hier will speziell an Wochenenden fast jeder dabei sein, und bei der WM dürfte die Stimmung beim inoffiziellen Public Viewing mindestens so gut wie auf dem "Grand Parade" oder der Party-Meile Long Street in der Innenstadt sein.

"Hier schlägt das Herz des Fußballs", sagt der südafrikanische Sportjournalist Sizwe Mbebe, der aus dem Viertel stammt. "Hier kann man den Vibe Südafrikas spüren."

Viertliga-Fußball auf einem Acker

Einen knappen Kilometer weiter ist davon dann allerdings nichts mehr zu spüren. Dort spielt der Viertligist Cape Town Pirates auf einem Platz, der eher einem Acker gleicht.

Doch die Kinder, die hier voller Begeisterung dem Ball hinterher jagen, sind dankbar für diese Art von Abwechslung.

"So kommen sie wenigstens nicht auf dumme Gedanken", sagt Lee Khabele angesichts von Drogenmissbrauch, Alkoholismus und Gewalt schon bei den Kindern.

Dafür greift der Verkäufer für Bohrmaschinen "tief in die eigene Tasche", denn als Präsident der Pirates ist er gleichzeitig Besitzer - und muss damit alles bezahlen: Schiedsrichter, Sammeltaxis zu den Auswärtsspielen, Trikots und sogar Fußballschuhe für die ärmsten Kinder.

Mit Hilfe von Sponsoren oder sogar vom nationalen Verband SAFA rechnet Khabele nicht. Dabei erhält der Verband Millionen von Euro von der FIFA, doch außer einigen symbolischen Platzbauten in anderen Townships kommt davon wenig an der Basis an.

Weiße bevorzugen Cricket und Rugby

Und die Firmen im Lande werden nach wie vor mehrheitlich von Weißen kontrolliert - die sich aus Prinzip nicht für den heimischen Fußball interessieren, sondern lieber mit den Kunden in den Business-Logen der Rugby- und Cricketvereine ihren Champagner trinken.

Die Schwarzen in Südafrika, die rund 80 Prozent der Bevölkerung stellen, sind aus genau dem gleichen Grund Fußballfans: Weil Rugby und Cricket während der Apartheid der traditionelle Sport der Weißen war.

Bis zum Ende der Rassentrennung waren die Ligen daher nach Hautfarbe getrennt, erst 1992 wurde eine einheitliche Liga eingeführt. Ein Jahr später hob die FIFA den 1964 verkündeten Bann der Nationalmannschaft auf.

"Wir hatten gerade in den 70er und 80er Jahren herausragende Spieler wie Clive Barker und Jomo Sono, der mit Franz Beckenbauer bei Cosmos New York gespielt hat", erinnert sich David Byrne, der selber zu den besten Stürmern des Landes gehörte.

Um Erfolg zu haben, ging er wie viele seiner Kollegen ins Ausland und spielte unter anderem in Toronto zusammen mit dem Ex-Bundesligaspieler Arno Steffenhagen. 1993 kehrt Byrne nach 14 Jahren im Ausland nach Südafrika zurück und wurde im Jahr darauf Fußballer des Jahres.

Gewinn des Afrika-Cups einigte das Volk

Doch wenig später verletzte er sich und musste beim historischen Gewinn des Afrika-Cups 1996 zusehen. Damals fieberte plötzlich das ganze Land unabhängig von der Hautfarbe mit "Bafana Bafana".

"Und so wird es auch bei der WM sein, da habe ich nicht den geringsten Zweifel", sagt der in England geborene Byrne, der einer der WM-Botschafter der Kap-Region ist.

Doch für eine echte WM-Euphorie muss das Team von Carlos Alberto Parreira zumindest die Vorrunde überstehen, was viele angesichts der Gruppengegner Frankreich, Mexiko und Uruguay für unmöglich halten.

Doch Byrne ist nicht so skeptisch: "Wenn Benny McCarthy wieder fit wird und Steven Pienaar in Topform ist, haben wir mit den Fans im Rücken gegen jeden Gegner in der Gruppe eine Chance. Das hat der Halbfinaleinzig beim Confed Cup gezeigt."

"Nicht nur gegen uns, sondern auch gegen Vuvuzelas antreten"

Auch Matthew Booth, einer der wenigen Weißen in der Mannschaft, setzt voll auf den Heimvorteil:

"Unsere Gegner müssen nicht nur gegen uns, sondern auch gegen 90.000 Vuvuzelas antreten", sagt der Publikumsliebling mit Blick auf die lautstarken Plastiktrompeten der Anhänger.

Dank dieser Unterstützung glaubt auch David Byrne ungeachtet aller Probleme an ein südafrikanisches Sommermärchen:

"Es wird wieder so sein wie beim Gewinn des Afrka-Cups oder der Rugby-Weltmeisterschaft: Die ganze Nation wird hinter der Mannschaft stehen."

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