vergrößernverkleinern
Vor der WM 2010 in Südafrika testet das DFB-Team im März gegen Argentinien. Im Vorfeld sorgt Nationalcoach Diego Maradona für Aufsehen, als er beim Training öffentlich eine Zigarre pafft
Diego Maradona (2.v.r.) zeigt sich auch auf dem Trainingsplatz als Genießer © imago

Diego Maradona zeigt vor dem Spiel gegen Deutschland sein Talent zum Pathos, offenbart aber auch einen Mangel an Strategie.

Von Martin van de Flierdt

München - Die explizite Ankündigung war durchaus angebracht..

"Herr Diego Maradona wird zumindest kommen und einige Statements abgeben", beteuerte Pablo Torres am Dienstagabend um 20.37 Uhr im Münchner Hotel "Mandarin Oriental". "Er wird so etwa zehn Fragen beantworten."

Als der Dolmetscher des argentinischen Nationaltrainers den gut 100 Journalisten im zum Pressesaal umgerüsteten Restaurant "Max" diese Botschaft überbrachte, war Maradona schon fast eine Dreiviertelstunde überfällig.

Insofern nichts Ungewöhnliches, als der argentinische Verband (AFA) in der Amtszeit des womöglich besten Fußballers aller Zeiten ohnehin häufig zur Improvisation neigt.

Nicht weniger als vier verschiedene Trainingsplätze hatte die AFA vor dem Aufeinandertreffen mit der deutschen Nationalmannschaft in München (Mi., ab 20.15 Uhr LIVE) zu buchen versucht.

"Löwen" helfen aus

Schließlich sorgte die spontane Hilfsbereitschaft des TSV 1860 München dafür, dass die Torhüter der "Albiceleste" am Dienstagvormittag kurzfristig eine Trainingseinheit auf dem Gelände der "Löwen" abhalten konnten.

Maradona stand dabei im Trainingsanzug samt Mütze auf dem Rasen und schaute den Schlussleuten mit einer Zigarre im Mund bei der Arbeit zu.

Am Nachmittag schließlich verlegte "El Diez" (die Zehn), wie er in Anlehnung an seine frühere Rückennummer bis heute genannt wird, nach ausgiebigem Mittagsschlaf das zunächst für 16, dann für 17 Uhr angesetzte Training mit der ganzen Mannschaft um eine Stunde nach hinten.

Mit absehbaren Folgen für den für 20 Uhr vorgesehenen Pressetermin.

Gewinnende Art

Doch als Maradona um 20.57 Uhr dann endlich erschien, erhielt man eine Vorstellung davon, dass ihn nicht nur seine an Höhenflügen und Abstürzen reiche Lebensgeschichte zum Liebling der Massen in seinem Heimatland gemacht hat, sondern auch seine durchaus gewinnende Art.

Lächelnd hielt er ein Kissen in die Höhe, das er dann auf den für ihn vorgesehenen Stuhl legte: "Das macht mich größer, oder?" Dann nahm er Platz und sagte mit Hundeblick:

"Ich möchte mich zunächst dafür entschuldigen, dass es etwas später geworden ist. Wir haben noch trainiert, danach habe ich geduscht. Aber jetzt stehe ich Ihnen voll zur Verfügung."

[image id="13dd8a44-635e-11e5-acef-f80f41fc6a62" class="half_size"]

Respekt vor Deutschland

Charmant lobte Maradona die deutsche Auswahl als "eine große Mannschaft in der Geschichte des Fußballs, vor der wir Respekt haben. Die Spieler kämpfen bis zur letzten Minute".

Die Stärke des DFB-Teams seien die "deutschen Tugenden und ihre großartigen Spieler wie Michael Ballack und Lukas Podolski sowie die gute Abstimmung zwischen den Mannschafsteilen".

Die Schwächen werde man während des Spiels feststellen. "Ich habe keine Zweifel daran, dass das Spiel ein großes Spektakel wird." Nach Rache für das Viertelfinal-Aus bei der WM 2006 nach Elfmeterschießen samt unschöner Begleitumstände dürstet es Maradona nicht: "Das Spiel ist Vergangenheit."

Begnadet im Spiel mit den Emotionen

Worauf sich der 49-Jährige zweifelsohne versteht, ist ein Pathos, der ihm die Herzen seiner Landsleute zufliegen lässt.

"Argentinien soll nicht immer 24 Jahre zurückdenken", spielte er auf den letzten WM-Triumph 1986 an, zu dem er als Kapitän wesentlich beigetragen hat. "Nicht an die Hand Gottes und auch nicht an das Tor von Mario Kempes 1978. Ich will, dass Argentinien neue WM-Helden bekommt."

Schließlich habe die "Albiceleste" zuletzt häufig genug nur an den großen Erfolgen gerochen. Welcher seiner Landsleute wollte ihm da widersprechen? "Ich sehe bei meinen Spielern, dass sie darauf brennen, die WM zu bestreiten", sagte Maradona.

"Das ist ein geiles Gefühl, das mich motiviert. Die Menschen auf der Straße geben mir Kraft. Das Volk ist mit uns. Aber wenn es nach den argentinischen Journalisten geht, werden wir Letzter."

Keine Antworten auf konkrete Fragen

Sein Problem mit den Medienvertretern ist, dass sie von ihm Antworten verlangen, die Maradona nicht zu geben in der Lage ist. Wie zum Beispiel nach dem genauen Fahrplan bis zur WM, den andere Verbände längst festgezurrt haben.

"Es ist noch nicht ganz sicher, vielleicht spielen wir noch ein Spiel in Frankfurt und eins in Dubai", sagte der Trainer. "Es kann auch sein, dass wir im April noch eine Begegnung nur mit Spielern der argentinischen Liga bestreiten." Kann sein, muss aber nicht.

Mit welcher Taktik er gegen Deutschland spielen zu lassen gedenke? "Ich habe die Spieler noch nicht lange gesehen, ich kann Ihnen dazu nichts sagen."

Mix aus Menotti und Bilardo

Welche Spielphilosophie er vertrete? "Ich mische die Philosophie von Cesar Menotti von 1978 mit der von Carlos Bilardo von 1986", antwortete Maradona. "Nein, das richtet sich danach, welche Spieler ich zur Verfügung habe und wie lange ich sie vorbereiten kann."

102 Profis hat er als Nationalcoach für seine 16 Spiele seit Oktober 2008 nominiert. Zu 80 Prozent stehe sein WM-Kader, sagt er. Und die übrigen 20? "Schauen wir mal, das entscheide ich kurzfristig."

Schaun mer mal, dann sehen wir schon - diese Maxime hat ja durchaus schon mal funktioniert. Man kann sich des Eindrucks allerdings nicht erwehren, dass Maradonas einziger Plan in der individuellen Klasse seiner Spieler besteht.

Zum Forum - jetzt mitdiskutieren! Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel