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Raymond Domenech (r.) wird nach der WM von Laurent Blanc als Nationaltrainer abgelöst © imago

Die Experten gehen mit der französischen Nationalmannschaft hart ins Gericht. Selbst die Anhänger glauben nicht an einen Erfolg.

Von Rainer Nachtwey

München - D'Artagnan und die drei Musketiere, Athos, Porthos und Aramis haben das Credo "Einer für alle, alle für einen" geprägt.

Aber alles was die Franzosen derzeit eint, ist die Kritik an der Nationalmannschaft - allen voran an Trainer Raymond Domenech.

Die Helden von 1998 trauen der Mannschaft um Bayern-Star Franck Ribery nichts zu, die Sportstaatssekretärin beschwert sich über die Wahl der Luxusunterkunft und selbst in den eigenen Reihen wächst der Unmut gegenüber dem unter Dauerkritik stehenden Trainer:

Frankreichs Stolz, der Equipe Tricolore, bläst vor dem Auftaktspiel bei der WM in Südafrika gegen Uruguay (Fr., ab 20 Uhr im LIVE-Ticker) scharfer Wind entgegen.

"Frankreich wird nicht Weltmeister"

"Ich habe die Niederlage gegen China gesehen. Es ist völlig unmöglich, dass Frankreich Weltmeister wird", stapelt Marcel Desailly, 1998 Weltmeister mit "Les Bleus" im eigenen Land, tief. "Ich denke, dass sich in unserer Gruppe Uruguay und Südafrika qualifizieren werden."

Jenes von Desailly angesprochene 0:1 auf der französischen Insel La Reunion im indischen Ozean offenbarte erneut, dass die Equipe von Trainer Domenech die Durchschlagskraft in der Offensive fehlt und die Verteidigung nicht aufeinander abgestimmt ist.

Kritik wegen Systemänderung

Und vor allem die Systemumstellung befeuert Domenechs Kritiker. "Ich halte es nicht für gut, die Taktik kurz vor einem Turnier umzustellen", hatte der Ex-Münchner Bixente Lizarazu vor den Testspielen gegen Costa Rica (2:1), Tunesien (1:1) und China bereits angemerkt.

Und auch Christian Karembeu schlägt in dieselbe Kerbe: "Man kann nicht in einem Monat das System umstellen. Das erfordert viel mehr Zeit ", sagt der Weltmeister von 1998.

Keine Durchschlagskraft in der Offensive

Domenech, der nach der WM von Laurent Blanc als Nationaltrainer abgelöst wird, sah sich nach der Verletzung von 242946Lassana Diarra zum Handeln gezwungen, sein System von 4-2-3-1 auf 4-3-3 mit nur einem defensiven Mittelfeldspieler umzustellen (die WM-Kader im Überblick).

Aber ausgerechnet die offensivere Ausrichtung bringt nicht den gewünschten Erfolg.

Bester Beweis: Gegen Tunesien erzielte mit William Gallas bezeichnenderweise ein Abwehrspieler nach einer Standardsituation den Ausgleich, und auch gegen China war es ebenfalls der Innenverteidiger, dem sich erneut nach ruhenden Bällen die größten Chancen boten.

Domenech verärgert Gallas

Ausgerechnet Gallas sorgt nun, wenige Tage vor dem Auftakt gegen Uruguay für Ärger. Der 32-Jährige meidet jeglichen Umgang mit der Presse (Der WM-Spielplan).

Es wird spekuliert, dass der Routinier, der 81 Länderspiele für Les Bleus absolviert hat, über Domenechs Entscheidung, Patrice Evra (30 Länderspiele) zum Kapitän zu ernennen, verärgert ist.

In Frankreich regiert der Pessimismus

"Les Bleus liegen am Ende des Peletons", titelt "L'Equipe" in Anspielung an die Tour de France. Spanien, Brasilien, Niederlande, Argentinien, England, Deutschland, Italien und Portugal rangieren nach Einschätzung der Sporttageszeitung vor den Franzosen.

Und auch bei den Anhängern regiert "le pessimisme": Laut einer Umfrage der Boulevardzeitung "Le Parisien" glauben 81 Prozent der Befragten nicht an den WM-Titel, 50 Prozent gehen von einem Scheitern im Viertelfinale aus.

Staatsekretärin kritisiert Hotelwahl

Abseits der sportlichen Kritik hatte sich die energische französische Sportstaatssekretärin am Wochenende über das luxuriöse WM-Quartier der Equipe Tricolore in Knysna am indischen Ozean echauffiert. (GAMES: Das WM-Tippspiel)

"Ich hätte dieses Hotel nicht gewählt. Bei einem frühen Scheitern bestünde Erklärungsbedarf", sagte Rama Yade, die "den nötigen Anstand" in schwierigen finanziellen Zeiten vermisst.

Govou reagiert gereizt

Zwar versicherte die Politikerin, sie werde die Mannschaft "voll und ganz unterstützen", dennoch hat die Kritik Spuren bei "Les Bleus" hinterlassen.

"Es ist derzeit wohl Mode, gegen die französische Mannschaft zu stänkern", reagiert Sidney Govou dünnhäutig.

Der Offensivakteur von Olympique Lyon will mit einer Trotzreaktion antworten. "Das alles steigert nur unsere Konzentration. Wir wollen die bösen Zungen zum Schweigen bringen."

Von Niederlage angestachelt

Auch Weltmeistermacher Aime Jacquet spricht der Auswahl Mut zu. Er sieht in der Niederlage gegen China "eine sehr gute Sache". "Die Spieler werden jetzt richtig heiß sein", sagt der Trainer von 1998.

Man kann es aber auch anders formulieren: Schlimmer geht's nimmer.

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