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SPORT1-Kolumnis Huub Stevens (r.) setzt vor allem auf Oranje-Stürmer Robin van Persie © getty

Huub Stevens glaubt an den Landsmann, sieht aber die Chancen der Niederlande ebenso skeptisch wie die von Deutschland und Italien.

Von Christian Paschwitz

München - Es ist immer dasselbe: Die Niederlande verzücken bei den Großturnieren mit erfrischendem Offenisvfußball.

Und doch hat Holland bei einer WM noch nie den Titel geholt - sehr zum Leidwesen auch von Huub Stevens.

Der SPORT1-WM-Kolumnist kann selbst nicht ganz verstehen, warum sich seine Landsleute stets um den Lohn der eigenen Angriffsqualitäten bringen:

"Wir haben leider dieses Naturell - das ist abenteuerlich."

Im Interview mit SPORT1 erklärt der langjährige Bundesliga-Coach, warum der Ausfall von Arjen Robben die Elftal beim Turnier in Südafrika besonders hart träfe - und wieso er Deutschland nicht zu den Titel-Kandidaten zählt. (der WM-Spielplan)

Hohe Meinung von Südafrika

Der Trainer von Red Bull Salzburg hat auch eine Meinung zu den afrikanischen Teams, besonders dem Gastgeber traut er viel zu.

Zum Turnier-Superstar könnte laut Stevens ein Oranje-Angreifer avancieren.

SPORT1: Herr Stevens, wie groß ist die Sehnsucht in den Niederlanden, endlich einmal Weltmeister zu werden?

Huub Stevens: Bei allen Turnieren spielen die Niederlande fast immer attraktiven Offensivfußball. Natürlich ist die Sehnsucht groß, mal ganz oben zu stehen. Man darf aber nicht vergessen, dass man mit soviel Offensivkräften auch Probleme bekommen kann. Es ist immer einfacher, aus einer guten Abwehr heraus zu spielen. Bei uns ist immer die Gefahr, dass hinter dem Rücken etwas passiert.

SPORT1: Wenn man das weiß, könnte man's doch abstellen, oder?

Stevens: Wir haben leider dieses Naturell - das ist abenteuerlich, dass wir das in uns haben, aber es ist eben so. Die Spieler müssen selbst so schlau sein, zu wissen, dass sie sich zurücknehmen müssen. Andere Länder schonen ihre Kräfte, Holland eben nicht. Und dass kann in einem Turnier über sieben Spiele bis zum Titel eben entscheidend sein. Ich bin sehr gespannt, wie Bondscoach Bert van Marwijk damit umgeht.

SPORT1: Arjen Robben laboriert an einem Muskelfaserriss. Wie sehr würde Oranje sein Ausfall treffen?

Stevens: Eins ist klipp und klar: Es ist natürlich ein großer Unterschied, ob Robben spielt oder nicht. Wenn ich Robben auf der rechten Seite habe anstatt Dirk Kuijt, dann hast du noch mehr Kreativität, Schnelligkeit und Positionswechsel. Immerhin aber haben wir Alternativen - dazu zähle ich neben Kuijt auch Ibrahim Affelay und Eljero Elia.

SPORT1: Wer sind für Sie die Titel-Favoriten - auch Deutschland? 239581(DIASHOW: Deutsche WM-Kapitäne)

Stevens: Ich habe vor kurzem noch gesagt: Spanien, Brasilien, Argentinien - und auch Deutschland. Jetzt aber glaube ich, dass es wegen der vielen Ausfälle und Verletzungen - Michael Ballack ist ja nur einer davon - mehr als schwierig wird. Auch wenn Deutschland eine Turnier-Mentalität und Charakter hat.

SPORT1: Ein schönes Stichwort: Was heißt für Sie als Niederländer eigentlich "Turnier-Mannschaft"?

Stevens: Das ist eben die typische deutsche Mentalität. Jedes Mal in einem Turnier steigert sich eine deutsche Mannschaft. Das liegt vielleicht auch an der sehr kritischen Öffentlichkeit in Deutschland: Darüber ärgern sich die Spieler, es hört sich für sie immer so an, als gehe es ums Überleben - und dann plötzlich sind die Deutschen wieder ganz stark.

SPORT1: Die WM-Vorbereitung zeigt, dass Italien als amtierender Weltmeister diese Mentalität momentan eher nicht hat.

Stevens: Ich sehe die Italiener auch nicht als Titel-Kandidaten, die scheinen davon weit weg. Dass Team ist zum einen wohl zu alt, vor allem aber fehlt diesmal die Qualität. Mich hat das bisher alles nicht überzeugt, wenn man beispielsweise sieht, was Spanien, Brasilien und die Niederlande zuletzt gebracht haben.

SPORT1: Was erwarten Sie von den afrikanischen Mannschaften?

Stevens: Ich glaube, dass die Südafrikaner als Gastgeber für eine Überraschung sorgen könnten. Die habe ich ganz oben auf dem Zettel. Kamerun und Ghana sind bisher dagegen enttäuschend, Nigeria geht gerade noch. Den Titel traue ich einer afrikanischen Mannschaft aber nicht zu. Schwer zu sagen ist, was die Elfenbeinküste macht, nachdem Didier Drogba sehr wahrscheinlich ausfällt.

SPORT1: Drogba wäre auch einer der Topstars des Turniers gewesen. Was meinen Sie, wer die ganz große Nummer der WM wird?

Stevens: Ach, es gibt so viele Namen wie Messi, Xavi oder Ronaldo. Ich aber sehe auch einen Robin van Persie. Er war zwar lange verletzt, wie er jetzt aber auftrumpft im Sturm, ist großartig. Ich kann mir vorstellen, dass er der große WM-Star wird.

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