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Pablo Thiam gewann 2001 mit dem FC Bayern den Weltpokal © imago

Der frühere Bayern-Profi Pablo Thiam spricht im SPORT1-Interview über die Probleme der afrikanischen Mannschaften bei der WM.

Von Daniel Rathjen

München - Vor 20 Jahren sorgte erstmals eine afrikanische Mannschaft bei einer WM für Furore.

Die "unbezähmbaren Löwen" aus Kamerun um den Torjäger-Oldie Roger Milla verblüfften die Fußballwelt mit dem Einzug ins Viertelfinale.

Seitdem wartet der Kontinent vergeblich darauf, dass eines seiner Teams den nächsten Schritt vollzieht.

Wie es aussieht, wird dieser Schritt aber auch bei der Heim-WM in Südafrika ausbleiben.

Fast alle afrikanischen Mannschaften bleiben unter ihren Möglichkeiten geblieben.

Millas Erben aus Kamerun sind gar als erstes Team schon aus dem Turnier ausgeschieden.

Gastgeber Südafrika hat nur noch geringe Chancen aufs Weiterkommen.

Auch alle anderen afrikanischen Teams inklusive der hoch eingeschätzten Elfenbeinküste laufen Gefahr, das Achtelfinale zu verpassen (Der WM-Spielplan).

Ein Kenner der Eigenheiten

SPORT1 sprach mit einem Kenner des afrikanischen Fußballs über die Gründe des enttäuschenden Abschneidens: Pablo Thiam.

Der ehemalige Bayern-Profi nahm mit Guinea an drei Afrika-Cups teil und erlebte auch allerhand Kuriositäten.

2001 etwa wurde seine Mannschaft wegen sportlicher Misserfolge vom Sportminister einfach aufgelöst, was auch im vergangenen Jahr nach der verpassten WM-Qualifikation wieder passierte.

Thiam, aktuell im Management des VfL Wolfsburg beschäftigt, kennt also die Eigenheiten des afrikanischen Fußballs aus eigener Erfahrung.

Im Interview spricht der 36-Jährige über die Probleme, aber auch die Fortschritte des Kontinents (Die WM-Kader im Überblick).

SPORT1: Herr Thiam, wie erleben Sie die erste WM auf afrikanischem Boden?

Pablo Thiam: Sie ist natürlich anders als das, was wir gewohnt sind bei einer Weltmeisterschaft. Sie ist bunt und laut. Die Spiele waren mal gut, mal schlecht. Jetzt, wenn die Entscheidungen anstehen, wird es erst richtig interessant.

SPORT1: Wird das Turnier einen nachhaltigen Effekt haben?

Thiam: Südafrika wird in jeglicher Hinsicht profitieren. Sei es aus finanzieller, kultureller oder ethnischer Sicht. Die Leute rücken enger zusammen.

SPORT1: Sportlich läuft es allerdings für die afrikanischen Teams eher mau...

Thiam: Es war vorher klar, dass das Leistungsgefälle sehr groß ist. Kamerun hat nicht mehr das Niveau alter Tage, Ghana und die Elfenbeinküste hatten Lospech, Nigeria tut sich schwer, Südafrika ist zwar motiviert, hat aber nicht die nötige Qualität. Mit ein bisschen Glück kommt Algerien vielleicht noch weiter.

SPORT1: Wo liegen die Schwierigkeiten?

Thiam: Den Mannschaften fehlt es noch in der Breite. Vereinzelt sind zwar Spieler in europäischen Topklubs, aber längst nicht alle. Sie haben nicht alle das gleiche Level. Und auf diesem Topniveau ist es schwer, die Unterschiede zu kompensieren.

SPORT1: Haben Sie dennoch eine Weiterentwicklung des afrikanischen Fußballs festgestellt?

Thiam: Ja, es ist weniger "Hau-Ruck", weniger Show. Die Taktik, die Organisation, die Disziplin ist besser. Die Teams sind relativ stabil. Es geht mehr um die Gemeinschaft. Bis auf das 3:0 von Uruguay gegen Südafrika war kein eindeutiges Ergebnis dabei.

SPORT1: Hat Sie das Aus von Kamerun überrascht?

Thiam: Nein, nicht wirklich. Von den physischen Voraussetzungen her hätten sie wesentlich mehr Möglichkeiten gehabt. Aber die Mannschaft befindet sich im Umbruch. Das kann gut gehen, geht aber während einer WM meist schief. Kamerun war nicht geradlinig und hat viele taktische Fehler gemacht. Einer davon war, dass sich die Spieler zu sehr auf Eto'o verlassen haben.

SPORT1: Woran haperte es bei Nigeria?

Thiam: Da war es ähnlich. Noch dazu fehlt denen ein richtiger Star.

SPORT1: Die große Hoffnung des Kontinents lag auf der Elfenbeinküste, für die es aber nach der Niederlage gegen Brasilien schlecht aussieht. Ist das Team trotzdem das stärkste Team Afrikas?

Thiam: Mein Favorit ist eigentlich Ägypten, das ja regelmäßig den Afrika-Cup gewinnt, sich aber komischerweise nicht für die WM qualifiziert hat. Jetzt beim Turnier hat die Elfenbeinküste natürlich von allen afrikanischen Mannschaften prinzipiell die besten Möglichkeiten. Es gibt nun aber vor dem Endspiel der Ivorer gegen Nordkorea noch offene Fragen: Inwieweit erholen sich die Spieler? Wie kommt Drogba mit seiner Verletzung klar? Eine große Stärke der Elfenbeinküste ist allerdings, dass sie auch mal auswechseln kann, ohne Qualität einzubüßen.

SPORT1: Es stand noch nie ein afrikanisches Team in einem WM-Halbfinale. Wann ist die Zeit reif?

Thiam: Ich wünsche mir, dass es endlich passiert. Potenzial ist da. Aber für ein solches Niveau reichen 90 Minuten Fußball eben einfach nicht aus. Dazu gehört auch das ganze Drumherum: Abläufe, Organisation. Da hinken sie alle noch hinterher.

SPORT1: Welche Erfahrungen haben Sie als Nationalspieler von Guinea mit mangelnder Organisation gemacht?

Thiam: Es fängt schon bei der Pünktlichkeit an. Wenn in Deutschland um 15.30 Uhr Training ist, sind die Spieler um 15 Uhr da. Dann ist Abfahrt. In Guinea kam es dann oft vor, dass Spieler noch im Hotel oder sogar noch in der Stadt waren.

SPORT1: Sind Sie da nicht sauer geworden?

Thiam: Doch. Ich habe den Spielern versucht zu erklären, dass Fußball kein Zufall ist, sondern auch Arbeit. Aber die afrikanische Mentalität ist nun mal eine andere als ein Deutschland. Deswegen wird das immer wieder vorkommen.

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