Endlich mehr WM erleben: SPORT1-Redakteur Martin van de Flierdt freut sich paradoxerweise auf mehr Fußball in der K.o.-Phase.

Ich gebe es zu: Ich bin ganz froh, dass die Gruppenphase zu Ende geht.

Und zwar nicht, weil es in der Anfangsphase des Turniers so viel allenfalls durchschnittlichen Fußball gegeben hätte.

Nein, ich werde dann nicht mehr so viel von der WM verpassen.

Denn, so seltsam sich das anhört, viele Journalisten - ich eingeschlossen - bekommen in Südafrika deutlich weniger mit als die meisten Fans zu Hause.

Warum das so ist, sei hier erklärt. Der Tag beginnt früh, im Normalfall zwischen 6 Uhr und 7.15 Uhr. Das für sich genommen ist kein Problem.

Doch in der Nacht ist man selten vor 1 Uhr vom Spätspiel des Vorabends "heimgekommen". In zwei Wochen häuft sich dadurch also ein ordentliches Schlafdefizit an.

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Ausschlafen ist aus dem Grund unmöglich, weil der Nachbericht zum Abendspiel ja möglichst früh auf die Seite soll.

Text eins schreibe ich also auf meiner Hütte, wo Fußbodenheizung und Heizdecke den winterlichen Temperaturen entgegenzuwirken versuchen.

Bis zum Frühstück zwischen 8.30 Uhr und 9.30 Uhr muss das Ding verschickt sein.

Schließlich bleiben im Anschluss nur noch rund zwei Stunden, um das erste Stück des Tages zur Nationalmannschaft zu schreiben oder Interviews vorzubereiten.

Um 12 Uhr steht unser Fahrer Henry vor der Tür, eine Seele von Mensch und konkurrenzlos unser "Mr. World Cup".

Sein rollender Schlaglochdetektor, ein erst zwei Jahre alter Toyota-Kleinbus, bringt uns 14 Kollegen täglich die gute Viertelstunde von unserer Lodge mitten im Nirgendwo zwischen Johannesburg und Pretoria ins nahegelegene DFB-Quartier Velmore Grande.

Das liegt nämlich auch dort, im Nirgendwo. Da die Zahl der Arbeitsplätze im Velmore äußerst überschaubar ist, fährt uns Henry gegen 13.30 Uhr zurück auf die Lodge.

An den ersten zwei Spieltagen lief zu dieser Zeit schon Live-Fußball. Davon bekommen wir nichts mit, denn die Pressekonferenz oder das Interview muss zügig verarbeitet sein.

Also "högschde Konzentration", würde Joachim Löw sagen, denn bis 15.30 Uhr sollte das aktuelle Stück die Heimat erreichen.

Dann bleibt einen Moment Zeit für ein "Light Meal" - bei mir ist das meist ein Hähnchensandwich ? bevor ich meinen Kram zusammenpacke. Lange Unterhose an, Mützen in die Winterjackentasche und los.

Das Spätspiel wartet, in dieser Woche fast immer in Johannesburg oder Pretoria, also unserem Einzugsbereich. Läuft's gut, reicht eine Stunde für die Fahrt in die Stadien.

Das tut es aber selten, denn der Südafrikaner tendiert zur unvorhersehbaren Verkehrssteuerung im Umfeld von Soccer City, dem Loftus Versfeld und ganz besonders dem Ellis Park.

Fast überflüssig zu erwähnen, dass wir bei unserer Ankunft mit der fahrenden Sardinenbüchse auch das Nachmittagsspiel komplett versäumt haben.

Doch ich bin genügsam geworden und freue mich, wenn ich die Frist zum Abholen der Matchtickets einhalte, bevor sie anderweitig vergeben werden.

Also rauf auf die Pressetribüne, Rechner anschließen, Spielbericht vorbereiten. Den mit Schlusspfiff zu senden, hat bislang fast immer reibungslos geklappt.

Nur beim brasilianischen Auftakt gegen Nordkorea hatte ich Schwierigkeiten. Nicht mit der Internetverbindung, sondern meinen zitternden und fast eingefrorenen Fingern, die kaum die richtigen Tasten trafen.

So tief wie in jener Nacht sind die Temperaturen seither nicht mehr gefallen. Aber im Soccer City zieht's bisweilen dermaßen kalt rein, dass man einen Ohrenstöpsel in den Lauscher der betroffenen Seite steckt.

Nicht der Vuvuzelas wegen, sondern um eine Mittelohrentzündung zu vermeiden. Ist das Spiel rum, geht es ab in die Mixed Zone für Kurzinterviews mit den Spielern, alternativ zur Pressekonferenz.

Gegen 23.30 Uhr sind wir wieder bei Henry. Verlassen wir bei der Rückfahrt die beleuchtete Autobahn, geht es durch dunkelstes Schwarz, das man in Deutschland so kaum noch kennt.

Aufgehellt wird das nur noch von brennenden Feldern. Daran haben wir uns inzwischen gewöhnt, nachdem sie uns anfangs gespenstisch erschienen.

Brandrodung, hat uns Henry erklärt, wird im Winter der Provinz Gauteng überall betrieben.

Zurück in der Lodge reicht mein Antrieb nur noch für waschen, Zähne putzen und das Klettern unter die Heizdecke.

Schon schlafe ich. Und träume. Von einem Morgen ohne Nachdreh, von zwei Stunden mehr Schlaf. Die K.o.-Phase kann kommen. Ich wäre so weit.

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