Nach dem nicht gegebenen Tor Englands werden die Rufe nach dem Videobeweis lauter. Doch raubt dieser dem Spiel den Reiz?

WM 1966, Finale im Londoner Wembley-Stadion zwischen England und Deutschland (4:2) am 30. Juli. Es steht 2:2. Geoff Hurst schießt aus der Drehung den Ball unter die Latte, der springt auf der Linie des deutschen Tores auf und wird anschließend von Wolfgang "Bulle" Weber ins Tor-Aus geköpft.

Eine Szene, die unvergessen bleibt. Wir saßen damals mit Spannung vor dem damals noch schwarz-weißen TV-Bildschirm. War es ein Tor - oder nicht? Die deutschen Spieler diskutieren.

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Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst hat die Szene nicht genau gesehen. Er erkundigt sich bei seinem Linienrichter Tofiq Bahramov aus Aserbaidschan. Nach kurzen Diskussionen und Zeichensprache zeigt Dienst auf den Mittelpunkt - Tor! England führt 3:2 und gewinnt später durch ein erneutes Tor von Hurst das Finale.

Das "Wembley-Tor" war geboren. Tage-, wochen-, monate- und jahrelang wurde noch über dieses angebliche Tor diskutiert, gestritten und der Treffer ballistisch analysiert. Gottfried Dienst verfolgte dieses kuriose Tor bis zu seinem Tod.

Der Schweizer Postbeamte ist zeit seines Lebens nicht damit fertig geworden. Noch auf dem Sterbebett am 1. Juni 1998 erklärte er seinem Sohn: "Es war doch ein Tor."

Heute werden wir durch den Treffer von Frank Lampard beim 1:4 der Engländer gegen Deutschland im WM-Achtelfinale von Südafrika von der Diskussion eingeholt. Der Ball war klar hinter der Linie. Das "umgekehrte Wembley-Tor" war geboren. Doch der Schiedsrichter aus Uruguay, Jorge Larrionda, hatte es im Gegensatz zu vielen Zuschauern, Experten und den Spielern nicht gesehen.

Stunden später unterläuft dem italienischen Referee Roberto Rosetti beim Spiel Argentinien gegen Mexiko (3:1) eine ähnliche Panne. Der Schiri und sein Linienrichter übersahen eine klare Abseitsstellung des Argentiniers Tevez und erkannten fälschlicherweise auf Tor.

Die Diskussion um den Videobeweis, technische Hilfsmittel oder Torrichter ist voll entbrannt.

Eine Blamage für die Pfeifenmänner. Und dann stellt sich Ex-Nationalspieler Günter Netzer vor die Kamera und betont das, was so vielen Fußball-Fans doch aus dem Herzen spricht: Der Fußball müsse mit solchen Entscheidungen leben und die Diskussionen seien das, was den Fußball ausmacht.

Ja, warum reagieren die anderen Sportarten nicht, wenn die vielen Diskussionen um Fehlentscheidungen der Schiedsrichter den Fußball so beleben und beliebt machen?

Ab sofort verzichten die Basketballer auf zwei zusätzliche überflüssige Schiedsrichter und lassen nur einen pfeifen.

Im Feldhockey, Eishockey und Football wird der Videobeweis wieder abgeschafft. Ein Schiedsrichter reicht auch beim Handball. Wofür brauchen wir Linienrichter beim Volleyball?

Bei großen Tennis-Turnieren wird ab sofort das elektronische "Hawk-Eye", das bei strittigen Bällen zum Einsatz kommt, wieder abgeschafft. Die Linienrichter sind überflüssig, der Stuhlschiedsrichter reicht doch.

In der Leichtathletik wird das Zielfoto eingestampft, der Sieger durch Augenmaß ermittelt. Die elektronische Weitenmessung könnte man sich ersparen, wenn wir Kampfrichter haben, die eine Weite gut schätzen können. Sind es nur acht Meter im Weitsprung, oder doch 8,10 Meter?

Die Zuschauer könnten dann bei vielen Entscheidungen diskutieren, das belebt den Sport.

Der Netzer hat doch irgendwie den Nerv getroffen.

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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