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Fabio Capello beerbte 2007 den heutigen Wolfsburg-Coach Steve McClaren © getty

Der "Three-Lions"-Coach will nach dem WM-Aus gegen Deutschland weitermachen. Aber die FA erbittet sich zwei Wochen Bedenkzeit.

Von Martin Hoffmann

München - Der größte Meinungsmacher auf der Insel hat sein Urteil schon gefällt.

"Zeit zu gehen, Fabio", ist am Morgen nach dem englischen WM-Aus bei der "Sun" zu lesen: "Verzieh dich, und nimm' die Spieler mit."

Englands Trainer will dem Boulevard-Befehl nicht folgen: Er will weitermachen. Aber Englands Verband FA zögert auch nach einem Krisentreffen Capellos mit dessen Chef Sir David Richards noch, den Italiener im Amt zu belassen.

"Ich habe am Morgen mit Sir David Richards gesprochen", berichtete Capello bei einer Pressekonferenz am Tag nach dem 1:4 im Achtelfinale gegen Deutschland 255871(DIASHOW: Bilder des Spiels): "Er hat mir gesagt, dass er zwei Wochen brauchen wird, um zu entscheiden."

"Keinen Schnellschuss"

Die FA überlegt also, Capello, der bis 2012 unter Vertrag steht und rund 5,8 Millionen Euro jährlich verdienen soll, vor die Tür zu setzen.

Auch wenn ihr Geschäftsführer Adrian Bevington eilig versicherte, dass die Bedenkzeit nicht als Misstrauensbeweis gemeint sei.

"Es ist jetzt sinnvoll, nach London zurückzugehen, die Situation zu bewerten und dann eine vernünftige Entscheidung zu treffen - und keinen Schnellschuss nach dem enttäuschenden Ergebnis."

Redknapp würde zugreifen

Über Nachfolgekandidaten für Capello wird schon spekuliert: Am häufigsten werden Fulham-Coach Roy Hodgson und Tottenhams Harry Redknapp genannt.

Letzterer hat schon offenherzig erklärt, dass er den Job annehmen würde. "Ich bin Engländer, wer würde England nicht trainieren wollen?", erklärt er in beim Radiosender "Talksport".

Und er wundert sich zugleich auch darüber, warum nicht jetzt schon ein Engländer die "Three Lions" coacht: "Kann man sich einen Engländer vorstellen, der Italien trainiert? So etwas gibt es nicht."

Fraglich allerdings, ob Redknapps öffentliche Quasi-Bewerbung seine Chancen nicht eher verschlechtert.

"Wir haben gut gespielt"

Capello werden laute Vorwürfe für den schwachen WM-Auftritt seines Teams gemacht. Sie reichen von der erschreckend schwachen Abwehrleistung beim Deutschland-Spiel im Speziellen bis zu taktischer Unflexibilität im Allgemeinen.

Kritik, die Capello nicht verstehen mag: "Wir haben gut gespielt", behauptet er: "Und Deutschland hat auch gut gespielt, weil es eines der besten Teams hier ist."

Sein Team habe "Fehler gemacht, als wir auf Konter gespielt haben, aber der Schiedsrichter hat den größeren Fehler gemacht".

Der nicht gegebene Treffer von Frank Lampard sei "einer der wichtigsten Dinge" im Spiel gewesen: Es hätte einen anderen Verlauf genommen, wäre der Treffer anerkannt worden.

"Das Ergebnis lügt nicht"

Ein Standpunkt, der in der englischen Öffentlichkeit weniger verbreitet ist, als man denkt: Dort ist die Wut über das "Wembley-2.0-Tor" kleiner als die auf die eigene Mannschaft.

Denn trotz der anfänglichen Empörung sind sich Englands Medien weitgehend einig, dass es nicht als Entschuldigung für das Aus herhalten darf.

"Es bringt nichts, sich über das nicht gegebene Tor aufzuregen - das Ergebnis lügt nicht", meint die "Daily Mail".

"Die Entscheidung kann eine furchterregende Vorstellung unserer Nationalmannschaft nicht entschuldigen", schreibt auch der "Daily Mirror".

Am deutlichsten wird der "Daily Telegraph", der appelliert, sich nicht von Capellos "Vernebelungsmanöver" zu Lampards Nicht-Treffer täuschen zu lassen:

"Selbst wenn das außergewöhnliche Tor des Mittelfeldmannes gegolten hätte, was es hätte sollen, kann sich England nicht der brutalen Erkenntnis entziehen, dass Deutschland in allen Belangen überlegen war."

Negative Superlative

Und auch die "Sun" berichtet über die Stimmung bei den heimischen Fans: "Wütende Anhänger bestehen darauf, dass es KEINE Entschuldigung war, dass Fabio Capellos zahnlose Three Lions aussahen wie Pussycats."

Ihr vernichtendes Fazit: "There is no defence." Das lässt sich auf zwei Arten verstehen: Keine Entschuldigung - und keine Verteidigung.

Beim Thema Abwehrleistung überbieten sich die Kritiker mit negativen Superlativen: "Awful", "appalling", "abysmal" - Worte, die nicht übersetzt werden müssen.

In Erklärungsnot

Matthew Upson, der zu der Verteidigung gehört, fiel nicht viel ein, um sich und seine Teamkollegen zu verteidigen:

"Ich würde es gern erklären. Aber ich weiß es nicht. Ich kann die Leistung nicht erklären."

Erklärungsbedürftig sind für die Engländer vor allem die schwachen Leistungen von Stars wie dem abgetauchten Stürmerstar Wayne Rooney, dem unsicheren Abwehr-Leader John Terry und dem blassen Kapitän Steven Gerrard.

Der allerdings empfindet es als "unfair, Einzelne herauszupicken. Es ist die Gruppe. Jeder hat Verantwortung".

Heskey lobt die Deutschen

Der verletzte Kapitän Rio Ferdinand machte den nicht anerkannten Lampard-Treffer als klaren Knackpunkt aus: "Das 2:2 hätte das Spiel auf den Kopf gestellt."

Emile Heskey dagegen wollte sich darüber keine Gedanken machen: "Das ist alles hätte, wäre, wenn."

Der Angreifer meinte, dass sein Team an einer "sehr starken deutschen Mannschaft" gescheitert wäre - und wollte auch die harte Premier-League-Saison nicht als Ausrede gelten lassen:

"Die deutsche Liga ist genauso hart wie unsere - vielleicht sogar härter."

Klare Worte fand auch Mittelfeldmann Joe Cole: "Wir waren nicht gut genug - schon seit den Testspielen vor dem Turnier."

Sein Team habe das Gefühl, "uns, unseren Trainer und unsere Fans im Stich gelassen zu haben".

Er wolle nichts über die Taktik sagen: "Ich bin einfach enttäuscht und entschuldige mich bei den Fans, die hierher mitgereist sind."

Mitgereiste Fans in Rage

Bei diesen Anhängern ist der Zorn auch am größten.

Capello bekam beim Verlassen des Stadions "5000-Pfund!"-Rufe zu hören ? die Summe, die sich die Fans die Reise an den Kap haben kosten lassen.

"Ich brauche Jahre, um das abzubezahlen", zitiert die "Sun" einen jungen Fan: "Ich habe das Gefühl, dass ich ausgeraubt wurde. Was für ein Haufen Müll!"

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