Der Bus-Trip zum Achtelfinal-Spiel des DFB-Teams geht durch wenig abwechslungsreiche Landschaften und an skurrilen Ortsnamen vorbei.

Henry fühlt inzwischen den Adler auf der Brust.

Unser südafrikanischer Fahrer hat nach dem Aus von Bafana Bafana die DFB-Auswahl für sich entdeckt.

Dass ein gewisser Zusammenhang mit den Menschen besteht, die er durch die Gegend kutschiert, lässt sich natürlich nicht bestreiten.

Doch das Maß an Identifikation, das er inzwischen an den Tag legt, ist schon bemerkenswert.

"We?ll go there and send the English home. Yes, ja", begrüßte uns Henry, als wir uns mit 14 Leuten in seinen Toyota-Kleinbus zwängten, um die 450 Kilometer von Centurion nach Bloemfontein hinter uns zu bringen.

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Wer die Bill Cosby Show gesehen hat, kann sich Henrys anschließendes kehliges Lachen in etwa vorstellen.

Es klingt wie das von Cosby alias Dr. Cliff Huxtable und wird stets von einem "thank you, thank you" abgelöst.

Warum sich Henry immer bei uns bedankt, obwohl wir vielmehr ihm zu Dank verpflichtet sind, hat sich übrigens noch nicht klären lassen.

Vor der Fahrt in die Stadt der Rosen hatten wir durchaus Respekt.

Zum einen, weil fünf Stunden Fahrt ohne jede Beinfreiheit quälend lang werden können.

Zum Zweiten, weil auf genau dieser Strecke im Vorjahr ein Kollege während des Confed Cups tödlich verunglückt war.

Es ist nicht so, dass man beim Blick aus dem Fenster viel anderes zu sehen bekommt als sandfarbene Gräser auf sanften Hügeln.

Ab und an stehen mal ein paar Rinder herum, bei denen man sich fragt, ob sie herrenlos sind, weil in Sichtweite keinerlei Besiedelung zu erkennen ist.

"Kann mal bitte einer die Fototapete wegnehmen?", sprach der Kollege von der "Süddeutschen Zeitung" uns aus der Seele.

Nach der Pause in Kroonstad auf halber Strecke passieren wir auf den gut 200 Kilometern bis kurz vor Bloemfontein nur ein Township. Ansonsten keine Menschenseele.

Die muss es aber irgendwo unweit der N1 geben, unserer Autobahn, die ab Kroonstad eher eine ungesicherte Landstraße ist.

Denn den Straßenschildern zufolge kann man von der N1 nach Monte Video (zugegeben, zusammengeschrieben wäre es schöner gewesen) oder Virginia abbiegen, auch nach Heilbron (leider nur mit einem "n") und Emden, schließlich sogar nach Betlehem.

Trotz dieser Verlockungen fahren wir weiter stur geradeaus.

Plötzlich steht gleich am Straßenrand ein kleines Flugzeug.

Wie wir später erfahren, sind sechs Fans auf dem Weg nach Bloemfontein mit dem Vogel auf unserer schmalen Autobahn notgelandet. Passiert ist nichts, die Straße war lediglich zwei Stunden gesperrt.

Gut, dass der Stau sich schon aufgelöst hatte, ehe wir des Weges kamen.

Denn sonst hätten wir es nicht mehr rechtzeitig zum Free State Stadium geschafft.

Was schade gewesen wäre, wie wir jetzt ja alle wissen. "I told you, we?ll send them home, yes ja", sagt Henry zu Beginn der Rückfahrt und klatscht in die Hände. Lachen. "Thank you, thank you."

Das notgelandete Flugzeug steht auf der Rückfahrt immer noch am Straßenrand. "It?s waiting for the English crew", scherzt Henry.

Die zweite Fünf-Stunden-Strecke zieht sich gefühlt endlos in die Länge.

Kurz vor der Ankunft um 2.40 Uhr werden wir noch einmal aufgeschreckt, als Henrys Sohn De, der inzwischen das Steuer übernommen hat, in die Bremsen steigt, weil ein Wahnsinniger zu einem entsprechend gewagten Überholmanöver ansetzt.

Dessen Pkw sehen wir schon nach wenigen Kilometern wieder: Demoliert in einer Staubwolke in der Böschung neben der Straße.

Sein Fahrer, offenbar wohlauf, versucht, ihn wieder auf den Asphalt zu schieben.

Anhalten und helfen ist nachts in Südafrika übrigens kein Thema. Der Fluch des Hijackings, bei dem Menschen Verletzungen markieren, um hilfsbereite Autofahrer dann auszurauben, ist hier sicher schon einigen wirklich Verletzten zum Verhängnis geworden.

Der Umstand, dass es dem Crashpiloten gut geht, lässt mich wenige Minuten später entspannter ins Bett fallen.

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