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Schiedsrichter Jorge Larrionda geriet nach dem nicht gegebenen Tor für England in Kritik © getty

Das nicht gegebene Tor für England löst große Empörung aus. SPORT1 analysiert weitere Defizite der Referees bei der WM.

Von Daniel Michel

München - Nicht Messi, Kaka oder Ronaldo dominieren die WM, sondern die Leistungen der Schiedsrichter.

Der Sonntag war buchstäblich ein schwarzer Tag für die Zunft der Unparteiischen: Erst übersahen sie das klare Tor von Frank Lampard im Achtelfinale Deutschland gegen England, am Abend wähnten sie Carlos Tevez bei seinem Treffer in regelgerechter Position.

Dabei stand der Argentinier gegen Mexiko gut zwei Meter im Abseits.

Sport1 analysiert, was bei den Unparteiischen schief läuft und erklärt auch die strukturellen Probleme.

Die Fehler der Assistenten

Die Assistenten schaffen es bei der WM nicht, sich ausreichend zu konzentrieren. Auch wegen der Vuvuzuelas?

"Shame on you, Ref!" rief Englands David Beckham dem Schiedsrichter-Gespann um Jorge Larrionda aus Uruguay zu. Das "umgekehrte Wembley-Tor" von Lampard hätte das 2:2 für die "Three Lions" gegen Deutschland sein müssen.

Assistent Espinosa war im Grunde korrekt positioniert und stand auf Höhe des vorletzten Verteidigers. Ein "menschlicher" Fehler, dass er den Ball nicht hinter der Linie sah.

Korrekt entschied sein Assistent Pablo Fandino auf der Gegenseite beim 1:0 von Miroslav Klose. Bei Abstoß, Eckstoß und Einwurf tritt die Abseits-Regel außer Kraft.

Die Pannen-Serie der Assistenten ist dennoch lang: Das 1:0 der Slowakei gegen Neuseeland etwa, oder das 1:0 der Argentinier im Achtelfinale gegen Mexiko waren deutliche Abseitstore.

Das Technik-Verbot der FIFA

Der deutsche Schiri-Boss Herbert Fandel betont auf Sport1-Nachfrage: "Wir Schiedsrichter haben uns klar positioniert: Technische Hilfe im Falle einer knappen Torerzielung."

Vor den Spielen am Sonntag hatte FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke eingeräumt: "Es gab Entscheidungen, die keine guten waren."

Und er ergänzte: "Wir haben keine Zeit, Veränderungen sofort einzuführen. Das kann für die WM 2014 passieren."

Die FIFA denkt dabei an die Einführung von Tor-Assistenten. Das Modell hat die UEFA in der Europa League bereits erfolgreich getestet.

Der Chip im Ball oder die Torkamera scheiterte bislang am Veto der FIFA-Funktionäre. Viele Szenen lassen sich auch mit moderner Technik nicht eindeutig entscheiden, so die Meinung der FIFA.

Hinzu kommt der Gleichheitsgedanke: Ob WM, Bundesliga oder Kreisklasse, ob in Deutschland oder in Honduras, die Schiedsrichter sollen überall mit dem gleichen Handwerkszeug die Spiele leiten.

Videoleinwand bringt zusätzlichen Streit

Zu welchen Auswüchsen diese Haltung führen kann, zeigte das Spiel zwischen Mexiko und Argentinien.

Dem 1:0 für Argentinien ging einer klaren Abseitsposition voraus. Schiedsrichter-Assistent Stefano Ayroldi konnte wohl in der Zeitlupe auf der Anzeigentafel seinen Fehler erkennen.

Doch ein Video-Beweis ist bei der FIFA nicht zulässig. Hätte der Assistent seine Entscheidung geändert, wäre er in Erklärungsnot gekommen.

Das Versagen der Routiniers

Bleibt die Frage, warum auch routinierte Schiedsrichter wie der Spanier Alberto Undiano oder der Franzose Stephane Lannoy bei dieser WM versagen?

Ex-Schiedsrichter Markus Merk sieht den Schiri-Boss der FIFA, Jose Maria Garcia-Aranda, in der Verantwortung.

"Die Diskrepanz in der Regelauslegung bei der WM ist gravierend", meinte Merk und sprach gar von "Wettbewerbsverzerrung".

Viele Unparteiische zücken schnell Gelb, einige Schiedsrichter lassen die Karten lieber stecken.

Seitdem Garcia-Aranda 2003 das Zepter bei der schwarzen Zunft übernommen hat, fordert der Spanier eine einheitliche, aber kleinliche Linie seiner Schiedsrichter ein.

Erfahrene Schiedsrichter wirken verunsichert: Pfeifen sie den Stil, den sie gewohnt sind, fliegen sie möglicherweise aus dem WM-Kader oder erhalten kein weiteres WM-Spiel.

Stellen sie ihre gewohnte Linie aber um, fehlt ihnen die Sicherheit, die ein Schiedsrichter für klare Entscheidungen braucht.

"Die Strandschiris"

"Ich finde, dass bei einer WM nur die besten Schiedsrichter pfeifen sollten, die auch sonst in den großen Ligen pfeifen - und nicht irgendwo am Strand", schimpfte Schweiz-Coach Ottmar Hitzfeld, nachdem sein Team in Unterzahl 0:1 gegen Chile verloren hatte.

Schiedsrichter Khalil Al Ghamdi aus Saudi-Arabien wirkte übermotiviert und zeigte dem Schweizer Valon Behrami wegen einer vermeintlichen Tätlichkeit die Rote Karte.

Die Exoten als Leiter von WM-Spielen sind ein hausgemachtes Problem der FIFA. Der Fußball-Weltverband nominiert Unparteiische aus allen Kontinenten für die Weltmeisterschaft.

Die europäischen Schiedsrichter gelten auch wegen der Champions-League-Erfahrung jedoch als die Besten der Welt. Bei der WM kommen aber nur zehn der 29 Schiedsrichter aus Europa.

So besteht ein Schiedsrichter wie Koman Coulibaly aus Mali die Theorie- und Fitnessprüfungen der FIFA, die wöchentliche Praxis mit Superstars wie Christiano Ronaldo fehlt ihm.

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