Die Fans in Deutschland jubeln, die Journalisten in Südafrika dagegen müssen erklären, warum sie nicht endlich nach Hause kommen.

Die deutsche Mannschaft hat Argentinien gerade mit 4:0 vom Platz gefegt, das ganze Land liegt sich feiernd in den Armen. Nun gut, fast das ganze Land.

"Was ist das denn für eine Scheiße? Ich kotz' gleich!"

Nein, diese drastische Ausdrucksweise passt so gar nicht zur allgegenwärtigen Hochstimmung.

Es ist die Reaktion der Lebensgefährtin eines der elf Kollegen, mit denen ich während der WM auf einer Lodge im Niemandsland zwischen Johannesburg und Pretoria untergebracht bin.

Sie muss nun noch eine weitere Woche alleine den Nachwuchs umsorgen. Und ihr geht das unüberhörbar gegen den Strich.

Sobald sich die deutsche Mannschaft aus dem Turnier verabschiedet hat, so war die Ansage für fast die Hälfte von uns, geht es zurück nach Hause.

Also wurde der Anhang zunächst nach der Gruppenphase auf später vertröstet, dann nach dem Achtelfinale.

Nach dem Argentinien-Spiel war klar, dass die komplette Gruppe bis zum Ende in Südafrika bleibt.

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Natürlich freuen wir alle uns darüber, dass das Team so begeisternd aufspielt. Welcher Fußballfan würde das nicht tun?

Aber so ein Arbeitsaufenthalt fern der Heimat hat auch seine Schattenseiten.

Zumal die meisten schon die Trainingslager im Vorfeld des Turniers mitgemacht haben.

So wird nun der eine Kollege per Telefon von seiner Tochter immer häufiger und für uns alle im Arbeitsraum zunehmend hörbar bedrängt, doch endlich nach Hause zu kommen.

Der andere bekommt von der seinigen zu hören, dass "zu Hause alles in Ordnung" sei und er "ruhig noch ein bisschen wegbleiben" könne. Woraufhin er sich natürlich seine Gedanken macht.

"Ach, übrigens, bei Mama wohnt jetzt dieser Mann, den ich Papa nennen soll. Kennst du den? Ich finde den gut. Tschüß!", hat seine Tochter übrigens nicht gesagt.

Über derartige Witze unsererseits konnte der Kollege vor ein paar Tagen noch herzhaft lachen. Jetzt nicht mehr.

Einem anderen schlägt aufs Gemüt, dass er nun nicht wie versprochen zum Geburtstag seines Sohnes zurück in Hamburg sein kann. Der wird am Endspieltag vier.

Auch ich habe mittlerweile das Gefühl, kein Leben vor der Lodge gehabt zu haben.

Auch "Waka Waka" und "Wave your flag" kann ich wirklich nicht mehr hören, und Hannes, den General Manager der Lodge, erscheint mir inzwischen im Traum, um nasal zu fragen:

"Hey, guys, at what time do you guys want your light meal?"

Bei mir war von vorneherein klar, dass ich bis zum Turnierende in Südafrika bleiben werde. Dementsprechend hatte ich mich darauf eingestellt.

Aber ich gebe gerne zu: Es ist gut, dass das Ende in Sicht ist.

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