DFB-Pressesprecher Harald Stenger ist weg. Aber seine Stimme klingt noch immer in meinen Ohren. Sonst ist nur noch wenig los.

Harald Stenger ist schon weg.

Das ist schon ein bisschen verantwortungslos von ihm. Denn nun sitze ich hier. Es ist 12.30 Uhr in Centurion, irgendwo in der Hochebene von Gauteng.

"Ich begrüße Sie zu der heutigen Pressekonferenz", klingt der hessische Singsang schon der Gewohnheit wegen in meinen Ohren. Aber Stenger sagt es nicht.

Er ist längst wieder in Deutschland, und ich bin hilflos: Wer strukturiert mir nun meinen Tag? Die Fragestunde im DFB-Mannschaftsquartier war mehr als einen Monat lang mein täglicher Anker.

Aufstehen, Text eins schreiben, frühstücken, Text zwei und dann der Harald.

Schließlich braucht man neuen Stoff für Nachmittag und Abend. Das war einmal. Denn nun ist kaum noch etwas los rund um das Velmore Grande.

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Das allerdings entbehrt jeglichen Neuigkeitswerts. Denn "rund um" das Hotel war sicher noch nie etwas los.

Irgendein mutiger Mensch hatte allerdings schon vor den Eignern des Velmore die Idee, wenige Meter weiter eine Herberge an die schlaglochdurchsetzte Straße mitten ins Nichts zu bauen.

Mit dem zu erwartenden Erfolg. Das rostige Schild zum "Polaris Hotel" steht noch am Straßenrand, dahinter liegt jede Menge Gerümpel auf dem Boden herum.

Der Name der Unterkunft, das muss ich allerdings zugeben, ist brillant gewählt. Denn kaum irgendwo sonst in der Welt wird man den Polarstern mangels künstlicher Beleuchtung in der erweiterten Umgebung so hell erstrahlen sehen.

Das Velmore wird nun wieder zu einem Schauplatz für Tagungen und Hochzeitsfeiern. In der kleinen Kapelle, wo wir uns während der WM zu Interviews mit den Spielern getroffen haben, wird nun also wieder göttlicher Segen erteilt.

Dass man im Velmore bestens feiern kann, glaube ich sofort. Ist ja keiner im Umkreis, der sich wegen des Lärms beklagen könnte.

Außer dem Besitzer eines kleinen Ladens ein paar hundert Meter weiter vielleicht. Der hat sich allein am Umsatz für den Verkauf von Kekspackungen an deutsche Journalisten sicher auf Jahre gesundgestoßen.

"When do you guys want to have your light meals?" höre ich beim Gedanken an Essen die inzwischen vertraute nervig-nasale Stimme von Hannes, dem General Manager unserer Lodge.

Auch sie ist nur eine Halluzination. Man wird doch ein wenig verschroben, wenn man die Welt rund zwei Monate - Vorbereitung inklusive - nur im Schatten von Jabulani wahrnimmt.

Das Chicken Sandwich werde ich mir heute noch einmal gönnen, ein letztes Mal. Dann heißt es Koffer packen, in den Kleinbus zu unserem Fahrer Henry und ab zum Flughafen, vorbei am Township Diepsloot mit seinen Wellblechhütten und zahllosen brandgerodeten Flächen.

In der Nacht habe ich dann im Flieger reichlich Zeit, mir zu überlegen, wer mir künftig meine Tage strukturiert. Ich hätte da auch schon eine konkrete Idee.

Harald Stenger, das verrate ich gerne, wird es nicht sein.

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