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Ganz Spanien stand nach dem Finale Kopf und feierte den ersten WM-Titel im Fußball © getty

Spaniens Sport war vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten noch fast bedeutungslos. Nun ist er obenauf. Und das nicht nur im Fußball.

Aus Südafrika berichtet Thorsten Mesch

Johannesburg - Europameister, Wimbledonsieger, Basketball-Weltmeister, NBA-Champion und jetzt auch noch Fußball-Weltmeister - der spanische Sport war vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten noch fast bedeutungslos.

Nun ist er obenauf.

"Der WM-Titel der Fußballer ist ein weiterer Beweis, dass Spaniens Sport alles hat", schrieb die brasilianische Zeitung "Diario de Sao Paulo" nach dem WM-Triumph der "Furia Roja".

Ob auf den Rennstrecken der Formel 1 oder auf den Straßen der Tour de France - überall sind Spanier ganz vorn dabei.

Das Land, das lange unter der Franco-Diktatur und ihren Auswirkungen litt und aktuell von der Wirtschaftskrise arg gebeutelt ist, hat im Sport seine Erfüllung gefunden.

Im Schatten der großen Vereine

Millionen Menschen feierten den WM-Triumph der "Seleccion". Doch den Erfolg und die Gunst der Massen musste sich Spaniens Nationalmannschaft über Jahre hinweg hart erarbeiten.

Während Real Madrid und der FC Barcelona schon immer große Triumphe feierten und von den Fans geliebt wurden, fristete die "Seleccion" ein Dasein im Schatten der großen Vereine.

Bei Turnieren galt sie immer wieder als Mitfavorit - und schied regelmäßig spätestens im Viertelfinale aus. Bis zur EURO 2008 war der Gewinn der EM 1964 im eigenen Land der einzige Titel der Nationalmannschaft.249109(DIASHOW: Die Schönheiten der WM)

Doch auch die Vereine mussten nach den Erfolgen der Fünfziger und Sechziger Jahre, in denen Real Madrid fünf Mal in Folge den Landesmeister-Pokal und Barcelona dreimal den Messe-Pokal gewann, durch eine lange Durststrecke gehen.

Diese wurde erst mit Barcas Sieg im Landesmeister-Finale 1992 beendet. Im selben Jahr wurde die Nationalmannschaft in Barcelona Olympiasieger.

Als nach dem so genannten Bosman-Urteil ab 1995 immer mehr Ausländer in die spanische Liga drängten, war zu befürchten, dass die jungen einheimischen Talente ins Hintertreffen geraten könnten.

Doch es kam anders.

Die Wende

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Zwar spielten immer mehr Ausländer in der Primera Division, aber Vereine wie Barcelona oder Athletic Bilbao setzten ihre immer schon hervorragende Jugendarbeit fort.

Der Siegeszug der spanischen Fußballer begann in den Junioren-Kategorien. Ob U15, U16, U19, U20 oder U21 - überall waren sie erfolgreich.

Xavi, das Hirn Spaniens bei der EM 2008 und nun auch bei der WM, wurde 1999 mit Spanien U-20-Weltmeister.

Sein kongenialer Partner Andres Iniesta wurde mit der U16 und der U19 Europameister - zusammen mit Fernando Torres.

Beim WM-Triumph in Südafrika war der Stürmer vom FC Liverpool neben Cesc Fabregas, der beim FC Arsenal in London spielt, der einzige Profi, der im Ausland unter Vertrag steht.

FIFA-Chef Sepp Blatter sieht Spanien daher als Vorbild für andere Länder an.

Der feine Unterschied

"Alle elf Spanier in der Anfangsformation spielen in der Primera Division", erklärte Blatter auf die Frage eines Medienvertreters, weshalb England bei der WM so schwach abgeschnitten habe:

"Sie sind ein intelligenter Journalist und können ihre Schlüsse aus meiner Antwort ziehen."

Die Spanier haben viel von ausländischen Trainer und Spielern gelernt, es für sich umgesetzt und ihren eigenen Stil entwickelt.

Den Engländern ist das bisher nicht gelungen. Sie warten seit 1966 auf einen zweiten internationalen Erfolg.

Noch steht die englische Premier League in der Fünfjahreswertung der UEFA knapp vor Spanien auf Platz eins, doch die Primera Division ist auf dem besten Weg, ihre Spitzenposition zurückzuerobern.262177(DIASHOW: Das Finale)

In der vergangenen Saison gewann Atletico Madrid die Europa League, der FC Barcelona verstärkte sich zur neuen Spielzeit mit dem von englischen Vereinen umworbenen Torjäger David Villa, und Real Madrid will mit Startrainer Jose Mourinho zurück auf Europas Thron.

Bis zum Saisonstart müssen sich die Fans in Spanien noch ein paar Wochen gedulden. In der Zwischenzeit können sie sich mit Radsport ablenken.

Alberto Contador, der große Favorit auf den Sieg bei der Tour de France, liegt momentan hinter Andy Schleck auf Platz zwei.

Doch damit gibt sich ein spanischer Sportler schon lange nicht mehr zufrieden.

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