SPORT1-Redakteur Thorsten Mesch erlebt am Kap ein Fußball-Fest. Er erzählt von einmaligen Erfahrungen und einem wunderbaren Land.

Mit vielen Erwartungen und einer großen Portion Respekt traten wir Anfang Juni die Reise zur WM in Südafrika an.

Und bei der Ankunft am Flughafen erlebten wir gleich den ersten Schock:

Jethro, der uns die ersten Tage durch Johannesburg chauffieren sollte, wurde von Zivilpolizisten in Gewahrsam genommen.

Statt im Auto saß unser südafrikanischer Fahrer, ein kleiner, dunkelhäutiger und äußerst liebenswerter Mann, aber plötzlich in einer Zelle. Erst als Andy, ein deutscher Mitarbeiter aus Jethros Firma in die Flughafen-Polizeistation kam und sich für seinen Fahrer verbürgte, wurde er wieder auf freien Fuß gelassen.

Der kleine Zwischenfall gleich am ersten Tag war jedoch der einzige dieser Art.

Die restlichen sechs Wochen in Südafrika waren ein wunderbares Erlebnis, von dem man, wie es immer so schön heißt, später einmal seinen Kindern oder Enkeln erzählen kann.

Etwas ungewohnt war es zunächst, in Begleitung eines "Unbekannten" wochenlang durch ein fremdes Land zu reisen, aber zum Glück erwiesen sich unsere beiden Sony-Ericsson-Fanreporter, zuerst Christian und später Anuscha, ganz schnell als äußerst pflegeleicht.

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Okay, eine Macke hatten beide, aber deshalb waren sie ja in Südafrika: Christian und Anuscha waren - und sind es immer noch - absolut fußballverrückt!

Schon beim ersten Training der deutschen Mannschaft in Pretoria und der Australier in Johannesburg war Christian mit vollem Einsatz dabei und hatte schon fünf Videos gedreht. Das Problem war nur, dass wir die Filme nicht nach Deutschland schicken konnten, weil unsere Internet-Surfsticks nicht funktionierten.

Nach zwei Tagen Technik-Dauerstress hatten wir das Problem aber gelöst, und wir konnten uns wieder auf den Fußball konzentrieren.

Vor unserem ersten Spiel live im Stadion in Kapstadt zwischen Uruguay und Frankreich ergatterte Christian blitzschnell eine Karte für nur 20 Euro, ähnlich erfolgreich war er später auf der Fanmeile in Durban.

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In der Stadt am Indischen Ozean erlebten wir u.a. Deutschlands 4:0-Sieg gegen Australien und Spaniens 0:1-Niederlage gegen die Schweiz. Besonders positiv blieben uns die Fans der "Aussies" in Erinnerung. Die wissen, wie man feiert!

Legendär war auch das Fan-Fest am Strand, wo wir "oben ohne" in der prallen Mittagssonne Deutschlands 0:1 gegen Serbien sahen.

Es folgte das große Zittern und Bangen: Christians Zeit war um, er musste zurück nach Deutschland. Ich flog am frühen Morgen nach Bloemfontein, um über Südafrikas letztes Gruppenspiel gegen Frankreich zu berichten.

In Bloemfontein durfte ich mit einem Party-Bus, der die Menschen auf das große Spiel einstimmen sollte, durch die Townships fahren. Die Freude der Kinder über die Tanzeinlagen der Animateure und Plastikflaschen in Form von Fußballschuhen war unbeschreiblich.

Doch trotz des 2:1 schied Südafrika aus, enttäuscht gingen die Fans der Bafana Bafana nach Hause.

Der deutschen Mannschaft drohte gegen Ghana ebenfalls das Aus, doch zum Glück kam Anuscha rechtzeitig als Glücksbringer in Johannesburg an.

Die Erleichterung über den glücklichen 1:0-Sieg war riesig, aber was Jogis Jungs anschließend zeigten, raubte uns fast den Atem. Das 4:1 im Achtelfinale gegen England sahen wir zusammen mit Briten und Brasilianern in einer Bar in Durban.

Nach dem Spiel wurden die deutschen Fans auf der Straße beglückwünscht und gefeiert - es war ein bisher kaum gekanntes Gefühl von Stolz, das aber beim 4:0 gegen Argentinien noch übertroffen wurde.

Nie zuvor habe ich als Journalist in einem Fußballstadion so entspannt und zufrieden gearbeitet wie an jenem sonnigen Nachmittag in Kapstadt. Es war einfach perfekt!

Umso bitterer war das 0:1 im Halbfinale gegen Spanien. Anuschas Tränen wollten nach dem Spiel gar nicht aufhören zu fließen.

Fast noch schlimmer waren die "Beileidsbekundungen", die wir uns quasi bis zum Abflug nach Deutschland anhören durften. "Deutschland war die beste Mannschaft, ihr habt den besten Fußball gespielt." Alles schön und gut ? kaufen konnten wir uns dafür aber nichts. Auch Spaniens Sieg im Endspiel über die tretenden Niederländer war kein echter Trost.

Es bleibt die Hoffnung auf ein besseres Ende bei der WM 2014 in Brasilien. Und es bleiben die Erinnerungen an ein wunderbares Land, den Strand in Durban, den Tafelberg in Kapstadt und viele kleine Begegnungen mit netten Menschen, egal, ob sie aus Südafrika oder allen Teilen der Welt kamen.

Nur eins will mir nicht in den Sinn: Die WM fand in einem Land mit riesigen Nationalparks, in denen die legendären "Big Five" (Löwe, Leopard, Nashorn, Büffel und Elefant) leben, statt. Und das bekannteste Tier des Turniers war ein kleiner Tintenfisch aus einem Aquarium in Oberhausen.

Möge Paul in Frieden ruhen.

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