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Ernst Middendorp war fast zwei Jahre lang Trainer in Johannesburg © getty

Der Ausrichter der Endrunde hat die Kriminalität nicht unter Kontrolle. Sport1.de sprach mit Südafrika-Kenner Ernst Middendorp.

Von Jessica Pulter

Durban/München - Ein österreichischer Ex-Profi ist erschossen worden, Oliver Bierhoff wurde in seinem Hotel beklaut.

Nach den Vorfällen im November 2007 während der Auslosung der WM-Qualifikationsgruppen fragt sich die Fußballwelt: Wie sicher ist die Endrunde 2010 in Südafrika?

Könnten in rund zweieinhalb Jahren nicht nur Fans, sondern auch Spieler dort in Gefahr geraten?

Fifa-Präsident Joseph Blatter versuchte, den Raubmord an Burgstaller herunterzuspielen.

"Er ist ein Tourist. Er ist kein Mitglied der Delegation. Wir beklagen den Tod, so wie wir in unserer Organisation jeden Tod beklagen", sagte der Chef des Weltverbandes.

Löw skeptisch

Joachim Löw, der aufgrund einer Zahn-OP nicht bei der Auslosung weilte, ist anderer Meinung: "Kriminalität gibt es überall", sagte der Bundestrainer.

"Dennoch werden wir das Thema Sicherheit vor der WM 2010 ganz bewusst in den Vordergrund rücken. Man weiß, dass es in Südafrika enorme Armut und Kriminalität gibt. Darauf müssen wir vorbereitet sein."

Warnung von Middendorp

Ähnlich sieht es auch Südafrika-Kenner Ernst Middendorp, zwischen 2005 und 2007 Trainer beim Traditionsverein Kaizer Chiefs aus Johannesburg.

"Man muss schon wissen, wo man sich insbesondere nachts bewegen kann", erklärt der Ex-Trainer von Arminia Bielefeld im Gespräch mit Sport1.de. "Es gibt Orte, wo man sich nicht aufhalten sollte."

Aufklärung muss geleistet werden

Für Middendorp ist die Aufklärung vor der WM entscheidend, um Risiken für Spieler und Zuschauer weitestgehend zu vermeiden.

"Das ist ein Aspekt, der muss einfach geleistet werden. Jeder muss wissen, dass an bestimmten Plätzen die Gefahren, dort überfallen zu werden, einfach größer sind", meint der Coach.

Insbesondere die "Bereitschaft, von diesen Risiken Kenntnis zu nehmen", mahnt Middendorp an.

"Viele Dinge, die man nicht unterschätzen darf"

Das sieht auch DFB-Teammanager Oliver Bierhoff so: "Die Fans, aber auch wir als Mannschaft müssen uns darauf einstellen, dass es eine andere WM als 2006 in Deutschland wird", sagte er.

"Es sind sicherlich viele Dinge, die wir in Südafrika nicht unterschätzen dürfen."

Erschreckende Zahlen

Die Situation bleibt auf jeden Fall alarmierend. Mehr als 50 Morde passieren durchschnittlich in Südafrika pro Tag.

Im vergangenen Jahr wurden 19.202 Morde registriert. Etwa gleichhoch ist die Zahl der versuchten Morde.

Die Zahl der schweren Raubüberfälle lag 2006/07 bei 126.558, die Zahl der angezeigten Vergewaltigungen liegt bei mehr als 50.000 pro Jahr.

Erschreckend: Nur etwa 30 Prozent aller Straftaten enden mit einer Verurteilung der Täter.

Gefahr droht in den Großstädten

Das Auswärtige Amt warnt deshalb bereits zu diesem frühen Zeitpunkt vor Besuchen der Innenstädte von Johannesburg, Durban und Kapstadt nach Ladenschluss.

Die Vororte dieser Städte sollten zu keiner Zeit ohne ortskundigen Führer aufgesucht werden, und beim Durchfahren dieser Plätze wird geraten, Türen und Fenster des Wagens immer geschlossen zu halten.

Raubmord auf dem Golfplatz

Peter Burgstaller, der ehemalige Torwart des SV Austria Salzburg, befolgte diese Anweisungen. Er wurde nicht auf offener Straße erschossen, sondern beim Golfspielen auf einem abgesperrten Gelände eines luxuriösen Klubs.

Die Beute seines Mörders: Ein Handy und die Golfausrüstung.

Auch Oliver Bierhoff war nicht unterwegs, als ihm seine Aktentasche mit Handy und Reisepass abhanden kamen. Er bediente sich gerade am Frühstücksbüfett im offiziellen Fifa-Hotel, seine Tasche lag an seinem Tisch.

"Ermordung ist sehr tragisch"

Middendorp fordert, diese beiden Situationen differenziert zu betrachten. Denn der Diebstahl von persönlichen Gegenständen aus dem Hotel könne einem auch in jedem anderen Land passieren.

Auch Bierhoff, der den Toten aus gemeinsamen Zeiten bei Salzburg kannte, will keine Verbindung der beiden Vorfälle herstellen.

"Mein Pech ist mit der Ermordung nicht zu vergleichen. Das ist natürlich sehr tragisch", erklärte der Teammanager. "Aber wir müssen trotzdem den afrikanischen Kontinent unterstützen und mit dazu beitragen, dass es 2010 eine tolle WM gibt."

13 Jahre nach Ende der Apartheid

Nun ist die südafrikanische Regierung in der Pflicht die Sicherheit während der WM-Endrunde zu gewährleisten.

Trotz der Ankündigung, mit tausenden zusätzlichen Polizisten die Sicherheit zu gewährleisten, gestaltet sich die Umsetzung dieser Versprechen 13 Jahre nach Ende der Apartheid anscheinend schwierig.

Die liegt vor allem an der großen Kluft zwischen den sozialen Schichten, von denen auch Middendorp berichtet.

Emotionsgeladene Südafrikaner

Der Arminen-Coach hofft daher, dass die WM die schwarze und weiße Bevölkerung des Landes einander näher bringt.

"Fußball ist immer noch der beliebteste Sport bei den Farbigen, die sehr emotionsgeladen das Geschehen verfolgen. Während die weiße Bevölkerung eher Rugby und Cricket bevorzugt. Doch bereits bei der WM 2006 konnte man sehen, dass die Begeisterung überschwappt. Der Fußball kann schwarz und weiß zusammenbringen."

Aufgrund der derzeitigen Sicherheitslage sind Zweifel berechtigt.

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