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Vicente del Bosque schoss in 18 Länderspielen für Spanien ein Tor © getty

Vicente del Bosque, ein Ruhepol im hektischen Fußballgeschäft, steht mit Spanien vor dem größten Triumph seiner Karriere.

Aus Südafrika berichtet Thorsten Mesch

Kapstadt/Johannesburg - Er ist ein ruhender Pol im hektischen Fußballgeschäft und für seine Spieler eine Vaterfigur, zu der alle mit Respekt aufschauen.

Vicente del Bosque steht als Trainer der spanischen Nationalmannschaft kurz vor dem größten Erfolg seiner Karriere und kann sich mit einem Sieg im WM-Finale (So., ab 20 Uhr im LIVE-TICKER) gegen die Niederlande selbst ein Denkmal setzen.

Doch von Heldenverehrung hält der 59-Jährige mit dem altmodischen Schnauzbart nichts.

Nichts liegt im ferner als Glamour oder Übertreibung.

Del Bosque ist ein bescheidener Mann der leisen Töne, der lieber Taten sprechen lässt als große Reden zu schwingen.

In Madrid gefeiert, und dann fortgejagt

Mit Real Madrid gewann er 2000 und 2002 die Champions League, wurde nach dem zweiten Triumph zum "Weltklubtrainer des Jahres" gekürt und führte die "Königlichen" 2001 und 2003 auch zur spanischen Meisterschaft.

Dennoch wurde er anschließend vom damaligen Real-Präsidenten Florentino Perez in die Wüste geschickt.

"Wir brauchen einen Trainer, dessen Profil besser zu unserem Image passt", begründete Perez die Entlassung des Mannes, der dem Verein bereits als Spieler und anschließend als Jugendkoordinator treue Dienste geleistet hatte.

"Ich habe geweint"

"Ich habe geweint", sagte del Bosque nach seinem Abschied. "Nach 35 Jahren auf diese Art aus dem Klub zu scheiden war für mich undenkbar. Der Bruch hat sich angefühlt, als wäre er mit einem Bruder passiert."

Del Bosque, dessen Sohn Alvaro am Down-Syndrom leidet, widmete sich zunächst seiner Familie und heuerte 2004 bei Besiktas Istanbul an.

Doch nach einem enttäuschenden Halbjahr verließ er die Türkei im Januar 2005 wieder.

Gegenentwurf zu Aragones

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Er kehrte nach Spanien zurück und arbeitete ab Juni 2007 als Sportdirektor beim Zweitligaklub FC Cadiz.

Schon vor Spaniens EM-Sieg stand er als Nachfolger von Luis Aragones fest, dessen Posten er im Juli 2008 übernahm.

Anders als der kauzige, grimmige und häufig vulgär auftretende Aragones füllt del Bosque den Posten des Nationaltrainers mit großer Ruhe und Besonnenheit aus - ganz seinem Charakter entsprechend.

Erfahren im Umgang mit Stars

Wie einst in Madrid, wo er Superstars wie Zinedine Zidane, Raul, Luis Figo, Ronaldo und Roberto Carlos zum Erfolg führte, dirigiert er nun wieder ein Ensemble aus lauter Weltklassespielern.

"Ich habe meine Vorstellung, wie das Spiel im Idealfall aussehen sollte", erklärt er. Del Bosque verordnete der "Seleccion" ein neues taktisches System mit den beiden "Sechsern" Xabi Alonso und Sergio Busquets.

Bewunderung für Busquets

Besonders das unauffällige, aber technisch versierte und effiziente Spiel des jungen Mannes vom FC Barcelona gefällt dem Coach.

"Wenn ich noch Spieler wäre, würde ich gern wie er sein", sagt der ehemalige Mittelfeldarbeiter, der einst in Madrid zusammen mit Günter Netzer und Paul Breitner spielte und als Profi fünf Meistertitel und viermal den Pokal gewann.

"Weltklasse-Fußball gespielt"

Zwar hat Spanien bei der WM nicht so glanzvoll und dominant wie beim EM-Gewinn vor zwei Jahren gespielt, trotzdem sagt del Bosque:

"Wir haben bis hierhin Weltklasse-Fußball gespielt, auch gegen die ganz starken Deutschen. Gegen Holland wollen wir noch besser werden und den Pokal nach Hause bringen." 260484(DIASHOW: Bilder des Halbfinals).

Vicente del Bosque hätte dann seinen Platz in der Fußballgeschichte sicher.

Er würde es gelassen zur Kenntnis nehmen und zufrieden lächeln.

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