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Jupp Heynckes gewann 1998 mit Real Madrid die Champions League © getty

Jupp Heynckes ist angetan vom spanischen Stil, traut im SPORT1-Interview aber auch den Niederlanden Großes zu.

Aus dem Zillertal berichtet Mathias Frohnapfel

Zell am Ziller - Das WM-Finale Niederlande - Spanien (So., ab 20 Uhr im LIVE-TICKER) ist für Jupp Heynckes eine höchst spannende Angelegenheit - und das nicht nur aus der Sicht eines Fußballexperten.

Der Trainer von Bayer Leverkusen spricht nach seinen Trainerstationen in Bilbao, Madrid und Teneriffa fließend spanisch.

Per Decoder schaut er, wann immer möglich, die Partien der Primera Division live. Sein Domizil in der Gemeinde Schwalmtal - übrigens nur gut 25 Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt - ähnelt einem spanischen Landhaus.

Heynckes liebt den spanischen Fußball und doch bezeichnet er sich vorm großen Endspiel "zweigeteilt". Auch weil er sich in seiner Zeit beim FC Bayern bestens mit Hollands Mark van Bommel verstand.

SPORT1 hat Heynckes im Bayer-Trainingslager im Zillertal getroffen. Im Interview schildert er die Vorzüge der Spanier, die Ansatzpunkte für Oranje und kritisiert vehement die Debatte um das Kapitänsamt in der deutschen Nationalelf.

SPORT1: Herr Heynckes, wen sehen Sie im WM-Finale am Sonntag als Favoriten an?

Heynckes: Gegen Deutschland hat man gesehen, dass die spanische Mannschaft fast so gespielt hat wie während der Europameisterschaft. Denn bis dato hatten sie in der WM nicht so flüssig und elegant agiert. Gegen uns haben sie ihre beste Turnierleistung geboten. Wenn es darauf ankommt, sind die Spanier also da.

SPORT1: Was macht Spaniens Stärke aus?

Heynckes: Es ist einfach eine Weltklassemannschaft. Man hat gesehen, dass sie einen taktisch sehr guten Fußball spielen und sehr gut organisiert sind, auch wenn sie nicht im Ballbesitz sind. Sie haben exzellente Technik, doch imponierend ist eben, wie sie spielen, wenn sie den Ball erobern. Dann haben sie kurze Distanzen zwischen den einzelnen Spielern und Mannschaftsteilen. Das ist die Frucht der jahrelangen Arbeit und Ausbildung bei den Klubs.

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SPORT1: Ist das Mittelfeldspiel der Schlüssel zu Spaniens Vorsprung?

Heynckes: Das ist kein Geheimnis, dass Xavi, Busquets, Alonso, Iniesta Spieler sind, die große Fantasie haben und taktisch sehr gut geschult sind. Mit Pique und Puyol haben die Spanier zudem zwei Innenverteidiger, die superklasse sind. Casillas ist ein Weltklassetorwart, dazu Villa vorne. Und sie haben mit Silva, Fabregas und Torres, der gegen Deutschland ja nicht von Anfang an spielte, beste Alternativen. Sie haben also eine sehr homogene Mannschaft.

SPORT1: Seit der Europameisterschaft 2008 spielt Spanien nicht nur schön, sondern erfolgreich.

Heynckes: Sie besitzen das Siegergen von Barca, das ist drin. Und das von Madrid natürlich auch.

SPORT1: Sie kennen den Trainer Vincente del Bosque aus Ihrer eigenen Zeit in Madrid. Wie würden Sie ihn charakterisieren?

Heynckes: Vincente ist ein sehr ruhiger, bedachter Mensch. Sehr angenehm und freundlich im Umgang. In Madrid war er damals Jugend-Koordinator, er hat hervorragende Arbeit bei Real geleistet. Er wurde zu einem ganz großen Trainer.

SPORT1: Jetzt profitiert Spanien davon? 260631(DIASHOW: SPORT1-Elf WM-Halbfinale)

Heynckes: Ja es ist ganz wichtig, dass man den entscheidenen Mann am Regiepult hat. Das hatte die spanische Mannschaft bei der EM mit Aragones und jetzt bei der WM mit del Bosque.

SPORT1: Wird er das Trainerduell mit Bert van Marwijk für sich entscheiden?

Heynckes: Spanien ist Favorit, aber Holland ist sehr schwer zu spielen, weil es ähnlich auftritt wie Deutschland in den erfolgreichsten Zeiten. Nicht so brillant, eher pragmatisch und sehr erfolgreich. Das ist immer gefährlich. Holland ist eine Mannschaft, die sich steigern kann. Sie haben einige Spieler in ihren Reihen, die im Champions-League-Finale standen.

SPORT1: Der Bayern-Kapitän Mark van Bommel ist ein Charakterkopf. Welchen Einfluss hat er auf das Team der Niederlande?

Heynckes: Mark ist eine absolute Persönlichkeit, der Leader der Mannschaft. Er ist sehr erfahren, bestimmt den Rhythmus und begeht auch mal ein taktisches Foul im richtigen Moment. Er gibt nie auf, ist selbstbewusst und überträgt sein Siegergen auf das Team. Mark van Bommel ist charakteristisch für die holländische Mannschaft, nicht brillant, aber sehr effizient, sehr robust und mental unglaublich stark. Und die Holländer glauben an sich.

SPORT1: Deutschland hatte vorm WM-Halbfinale auch an sich geglaubt.

Heynckes: Die Spanier spielen ihr Kurzpass-Spiel und haben unheimlich viel Geduld. Doch Deutschland war wie paralysiert. Wenn man dagegen hält, tun sie sich auch schwer. Man darf sich nicht ganz hinten rein drängen lassen, sondern muss das Spiel etwas weiter nach vorne schieben.

SPORT1: Hätte vorm Halbfinale die Debatte von Philipp Lahm um das Kapitänsamt sein müssen?

Heynkces: Nein, sie ist zu einer Unzeit entstanden. Das war sehr unglücklich und ungünstig für die Mannschaft. Letztlich entscheidet nur der Bundestrainer über das Kapitänsamt. Alles andere ist nur Gequatsche.

SPORT1: Wie haben Sie Debatte gegenüber Michael Ballack empfunden?

Heynckes: Wie soll ich das bewerten? Wenn ein Spieler über 55 Mal die Kapitänsbinde getragen hat, ist so etwas doch völlig überflüssig.

SPORT1: Kann man nun mit der WM aus deutscher Sicht zufrieden sein?

Heynckes: Natürlich, ich finde, wir haben eine tolle WM gespielt. Es wurden auch sehr viele Ausfälle kompensiert. Alle Welt sprach vom neuen deutschen Stil. Es ist schade, dass wir auf eine bessere Mannschaft getroffen sind, die auch taktisch klüger agiert hat. Aber man kann nicht etwas sechs Wochen einstudieren, wofür andere Teams und Klubs Jahre gebraucht haben.

SPORT1: Immerhin bleiben die Siege gegen England und Argentinien glanzvoll in Erinnerung.

Heynckes: Stimmt, doch wir haben auch zwei Teams besiegt, die uns taktisch total unterlegen waren. Das gilt vor allem für Argentinien. Als wir im Ballbesitz waren, hatte Argentinien quasi nur einen Mittelfeldspieler. Oder England. Sie lassen sich nach einem Eckball auskontern. Das wird auf diesem Niveau bestraft. Wir haben uns vielleicht etwas zu sicher gefühlt nach diesen großen Siegen.

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