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Keine Freunde fürs Leben: Wesley Sneijder (M.) erregt sich über Howard Webb © getty

Der Leistung des englischen Schiedsrichters vereint alle Schwächen der Referees bei diesem Turnier auf sich. SPORT1 zieht Bilanz.

Von Matthias Becker und Daniel Michel

München - Eigentlich hatte Wesley Sneijder ja sogar recht.

"Das ist eine Schande für den Sport", polterte der Mittelfeld-Regisseur der Niederlande nach dem verlorenen WM-Finale gegen Spanien über die Leistung von Schiedsrichter Howard Webb.

Sneijder war, wie seine Teamkameraden, erbost über ein angebliches Foul an Eljero Elia, unmittelbar vor dem Siegtreffer der Spanier durch Andres Iniesta. 262177(Die Bilder des Spiels)

"Über Webb will ich nicht sprechen. Er hat sehr viele Fehler gemacht, die uns benachteiligt haben. Das hat jeder gesehen", meckerte Mark van Bommel deshalb.

Zahlreiche Fehlentscheidungen

Die Wahrheit über dieses Spiel war allerdings, dass die Niederländer sich über Webbs Linie eigentlich nicht beklagen durften.

Schon in Halbzeit eins ließ der Engländer zweimal die Rote Karte stecken und zeigte van Bommel und Nigel de Jong für ihre rüden Fouls nur Gelb.

Dass er den späteren Torschützen Iniesta für ein Revanchefoul an van Bommel nach dessen x-ter gelbwürdiger Attacke nur verwarnte, war da schon konsequent.

In der Nachspielzeit verweigerte Webb den Spaniern zudem nach einem Foul von Heitinga an Xavi noch einen Elfmeter.

"Der Mann war auf Spaniens Seite"

Doch weil Webb den Niederländern vor dem Tor von Iniesta auch noch einen klaren Eckball nicht zusprach, wütetet Torhüter Maarten Stekelenburg: "Das hätte sogar ein Blinder gesehen".

Bondscoach Bert van Marwijk glaubte sogar: "Der Mann war auf Spaniens Seite."

Das "Algemeen Dagblad" sah in Webb schlicht und einfach eine "Schlafmütze".

Doch Webb war neutral betrachtet auf keiner Seite. Er verteilte seine zahlreichen Fehlentscheidung großzügig über den ganzen Platz.

Keine klare Linie

Das viel größere Problem war, dass Webbs Leistung dem Schiedsrichter-Fiasko bei dieser WM die Krone aufsetzte. Im Finale wurde das zentrale Problem einmal mehr klar: die uneinheitliche Linie der Referees.

"Wenn der Schiedsrichter aus der Partie Deutschland gegen Serbien heute gepfiffen hätte, dann wären beide Mannschaften zum Schluss wahrscheinlich nur mit drei gegen drei auf dem Platz gewesen", stellte Oliver Kahn im "ZDF" trocken fest.

Jeder Offizielle hatte bei diesem Turnier einen anderen Plan davon, wie ein Fußballspiel zu laufen hatte.

Verwarnte der Spanier Alberto Undiano beim Spiel des DFB-Teams gegen Serbien die Akteure für Lappalien, war Webb im Finale trotz der der Rekordzahl von zwölf Gelben und einer Gelb-Roten Karte zu milde.

Vermeintliche Ellenbogenschläge führten zu Roten Karten für den Franzosen Yoann Gourcuff und für den Schweizer Valon Behrami. Böse Fouls blieben dagegen ungestraft:

Der Ivorer Sheik Tiote trat mit gestreckter Sohle dem Brasilianer Elano fast das Schienbein durch und sah noch nicht mal Gelb.

Hinzu kamen hahnebüchene Fehlentscheidungen wie bei Frank Lampards nicht gegebenem Tor zum 2:2 im Achtelfinale der Engländer gegen Deutschland oder Carlos Tevez' Abseitstor zum 1:0 der Argentinier gegen Mexiko.

Aranda mit seinen Referees zufrieden

Dass der Chef der FIFA Schiedsrichter-Kommission, Jose Maria Garcia-Aranda, sich vor dem Finale hinstellte und erklärte, bei dieser WM seien 96 Prozent der Entscheidungen richtig gewesen, löst da nur noch Kopfschütteln aus.

Immerhin hat die FIFA auf die Kritik reagiert. "Ich würde sagen, dass diese Weltmeisterschaft die letzte mit dem bisherigen Schiedsrichter-System war", sagte Generalsekretär Jerome Valcke.

Allerdings hatte FIFA-Boss Sepp Blatter schon 2006 eine Verbesserung angekündigt.

Nach der Panne des Engländers Graham Poll, der dem Kroaten Josip Simunic erst nach der dritten Gelben Karte des Feldes verwiesen hatte, ätzte er: "Wenn man bessere Spiele will, muss man auch bessere Referees haben."

Mehrere Abseitstore zugelassen

Dieses Projekt war in den letzten vier Jahren nicht erfolgreich. Nun denkt die FIFA an zusätzliche Torrichter oder die Einführung eines Chips im Ball, der Fehler wie den bei Lampards Tor verhindern soll.

Diese Maßnahmen wären bei der WM aber nur ein Mal von Nutzen gewesen. Dagegen lagen die Schiedsrichter-Assistenten gleich mehrmals deutlich daneben und ließen Abseitsore durchgehen.

Das 2:1 der Niederlande im Halbfinale gegen Uruguay, das 1:0 der Spanier gegen Portugal. und eben Tevez' Tor gegen Mexiko sind nur einige Beispiele.

"Strandschiris" patzen

Die FIFA muss auch ihr Auswahlverfahren überdenken. Bislang nominiert sie Unparteiische aus allen Kontinenten für die Weltmeisterschaft.

Den "Strandschiris", wie Schweiz-Coach Ottmar Hitzfeld nach der Niederlage gegen Chile über den Unparteiischen aus Saudi-Arabien schimpfte, unterliefen einige Patzer.

So verweigerte Schiedsrichter Koman Coulibaly aus Mali den USA den korrekten 3:2-Siegtreffer gegen Slowenien.

Die Champions-League-erfahrenen Schiedsrichter blieben dagegen oft auf der Strecke. Nur zehn der 29 Schiedsrichter stammten bei dieser WM aus Europa.

Einfluss auf den Turnierverlauf

Auch wenn die Referees nachweislich einen schweren Job haben, ihre Fehler entscheiden nun mal über den Fortgang des Turniers.

Portugal hat seinen einzigen Gegentreffer durch ein Abseitstor kassiert - und musste die Koffer packen.

Brasilien wurde beim Stand von 1:0 gegen die Niederlande im Viertelfinale ein Elfmeter - und damit die mögliche Vorentscheidung - verwehrt.

Das Ansehen ist beschädigt

Luis Fabianos doppeltes Handspiel beim Sieg gegen die Elfenbeinküste war da nur ein weiterer Tiefpunkt unter vielen.

Weil die FIFA im Gegensatz zu 2006 auch die Möglichkeit zum nachträglichen Videobeweis bei solchem und ähnlichem unsportlichem Verhalten ungenutzt ließ, steht sie nun vor einem Trümmerhaufen, was das Ansehen ihrer Referees angeht.

Und das ist die wahre Schande für den Sport.

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