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Arjen Robben (r.) war stinksauer auf Schiedsrichter Howard Webb © getty

Nach der Finalpleite schimpfen die Niederländer über Schiedsricher Webb. Dabei muss die "Elftal" sich über sich selbst ärgern.

Aus Südafrika berichtet Martin van de Flierdt

Johannesburg - Wenn der letzte Eindruck zählt, dann hat die niederländische Nationalmannschaft nach der Siegerehrung für Weltmeister Spanien einiges wieder gutgemacht.

Als die Iberer mit dem Pokal von der Tribüne des Soccer-City-Stadions von Johannesburg zurückkehrten, bildeten die "Oranje"-Kicker ein Spalier und gratulierten jedem einzelnen von ihnen noch einmal per Handschlag.

Das war gut so, denn in den vorhergehenden 120 Spielminuten des Finales (1:0) hatte man mitunter daran zweifeln müssen, dass die Niederländer dem Gedanken des Fair Plays besonders zugetan sind.

Zu hart war ihre Gangart, mit der sie den spielerisch überlegenen Spaniern den Schneid abschneiden wollten. Zeitweise ging diese Rechnung auf, auch weil der englische Schiedsrichter Howard Webb zunächst eine großzügigere Linie der Spielleitung wählte.

Die Akteure missinterpretierten das und nahmen es als Freibrief für Attacken, die fast jeglichen Spielfluss aus der Partie nahmen und mitunter Bösartigkeit besaßen.

Van Gaal klagt über zu viele Fouls

Louis van Gaal kritisierte seine Landsleute für diese Spielweise: "Es fällt mir schwer zu sagen, aber Spanien hat die bessere Leistung gezeigt", sagte der Bayern-Trainer und meinte mit Blick auf die Herangehensweise auf dem Platz:

"Die Niederlande haben hart gespielt. Das kommt auch durch das spanische Positionsspiel. Ich sage meinen Spielern immer, ihr müsst den Schiedsrichtern keine Chancen für Karten geben."

Und er fügte an: "Von der VIP-Tribüne aus, aus 100 Metern Abstand habe ich die niederländischen Fouls noch gesehen."

Böser Tritt von van Bommel

Mark van Bommel hätte nach einem üblen Tritt gegen den späteren Siegtorschützen Andres Iniesta Rot sehen können (22.), sein Teamkollege Nigel de Jong hätte zwingend vom Platz gestellt gehört, als er in Kung-Fu-Manier Xabi Alonso die Stollen in die Rippen trat (29.).262177(Die Bilder des Spiels)

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Webb wollte die Partie offenbar nicht entscheidend beeinflussen und beließ es in beiden Fällen bei Gelb. Ein Fehler, denn so setzten sich die Nickligkeiten fort.

Webbs Kartenrekord

Bis Spielende hatte der Brite 14 Gelbe Karten verteilt, inklusive der beiden für den spät vom Platz gestellten John Heitinga (110.). Der bisherige Rekord bei einem WM-Finale lag bei sechs Verwarnungen, in Mexiko bei Deutschland gegen Argentinien 1986.

"Die Schiedsrichterleistung war eine Schande", meinte Arjen Robben, zielte dabei aber auf eine Szene unmittelbar vor dem entscheidenden Tor ab.

Nach einem deutlich abgefälschten Freistoß Wesley Sneijders hatte Webb auf Abstoß für Spanien statt Ecke entschieden. Aus dem folgenden Angriff entstand der Treffer Iniestas.

"Sogar ein Blinder kann das sehen"

"Diese Entscheidung ist mir unbegreiflich, es war eine ganz klare Ecke", ereiferte sich Bondscoach Bert van Marwijk. "Das war noch für jeden zu erkennen, der zehn Kilometer weg stand."

Torhüter Maarten Stekelenburg behauptete gar, dass "sogar ein Blinder hat sehen können", dass Webb daneben lag.

Sneijder zufolge hätte zudem Iniesta, der "Man of the match", zum Zeitpunkt seines Treffers schon lange nicht mehr auf dem Platz sein dürfen.

Sneijder klagt Iniesta an

"Er hätte Rot wegen Nachtretens sehen müssen", klagte der bis zum Finale bärenstarke Mittelfeldmann mit Verweis auf eine Szene, in der sich Iniesta bei van Bommel für einen erneuten Tritt revanchierte (80.).

"Der Abstoß nach meinem Freistoß hätte eine Ecke sein müssen, und direkt vor dem Tor lag eine Abseitsstellung vor."

Dirk Kuyt meinte zwar auch, dass der Schiedsrichter die Spanier bevorteilt habe, "was man am Beispiel der zwei nicht zwangsläufig berechtigten Gelben Karten für John Heitinga sieht".

Robben hat den Sieg auf dem Fuß

Dennoch war der Angreifer vom FC Liverpool nicht bereit, alle Schuld für die Niederlage bei Webb zu suchen.

"Es ist enttäuschend, wenn man so nah dran ist, aber wir müssen uns an die eigene Nase fassen", sagte er. "Wir hätten bei den beiden Möglichkeiten von Robben unsere Tore machen können, aber wir haben die große Gelegenheit nicht genutzt."

Der Münchner war nach dem Seitenwechsel zweimal scheinbar unaufhaltsam auf Iker Casillas zugestürmt. Doch der spanische Torhüter verhinderte jeweils in überragender Manier die niederländische Führung (63./84.).

Robben gestand sein Versagen bei der ersten Chance und bewertete die zweite Großgelegenheit so: "Auf dem Weg zum Tor werde ich deutlich von Puyol gefoult. Ich habe mich nicht fallen lassen, weil ich dachte, dass ich das Tor noch mache."

Eine Serie geht zu Ende

Robben hatte damit an seiner zweiten schmerzhaften Endspielniederlage dieses Jahren nach dem Champions-League-Finale wesentlichen Anteil.

"Wenn er das 1:0 macht und anschließend vielleicht das 2:0, dann wirst du zu recht Weltmeister", sinnierte Sneijder, der zweitbeste Spieler des Turniers, der dem Triple mit Inter Mailand keinen vierten Titel hinzufügen konnte und damit knapp am Optimum vorbeischrammte.

(261178DIASHOW: Die beste Spieler des WM-Turniers)

Keine Tränen bei van Marwijk

Bei einem Sieg gegen Spanien wären die Niederlande die erste Mannschaft der Fußballgeschichte gewesen, die sowohl in der Qualifikation als auch der Endrunde alle Spiele für sich entschieden hat.

Stattdessen muss sich "Oranje" nun mit der dritten Vize-Weltmeisterschaft nach 1974 und 1978 zufrieden geben.

"Sie werden bei mir keine Tränen sehen, aber ich bin unglaublich enttäuscht", gab van Marwijk zu.

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