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BODO ILLGNER: Erfolgreich, aber letztlich nicht richtig glücklich wurde Bodo Illgner (r.), der 1996 nach Madrid kam. Der Keeper holte dort zwei Meisterschaften, zwei Champions-League-Siege und gewann den Weltpokal. Aber zum Ende seiner Karriere versauerte Illgner auf der Tribüne
Bodo Illgner (r.) verlor seinen Stammplatz 2000 nach einer Verletzung an Casillas © imago

Der Aufstieg von Iker Casillas begann, indem er Bodo Illgner verdrängte. Bei SPORT1 erinnert sich Illgner an die gemeinsame Zeit.

Von Martin Hoffmann und Martin Volkmar

München - Iker Casillas war 19, als er befürchten musste, dass seine beste Zeit schon hinter ihm lag.

Er weinte, als ihm die bis dahin schlimmste Nachricht seiner sportlichen Karriere mitgeteilt wurde: Dass er seinen Stammplatz im Tor von Real Madrid verloren hatte.

"Ich dachte, ich würde nie wieder für Real spielen", erinnerte er sich.

Er irrte: Noch im selben Jahr machte er sein Team zum Champions-League-Sieger. Und neun Jahre darauf hat Casillas seine Karriere nun endgültig gekrönt.

Er hat Spaniens Nationalelf zum WM-Titel geführt - unter Vicente del Bosque, demselben Coach, der ihm einst den Real-Stammplatz weggenommen hatte.

Und wieder weinte Casillas. 262177(Die Bilder des Spiels)

"Eine gewisse Kindlichkeit bewahrt"

Eine Szene, die auch seinen alten Lehrmeister berührt hat.

"Iker hat sich eine gewisse Kindlichkeit bewahrt, die bei seinen Jubelausbrüchen zum Ausdruck kommt - oder seinen Tränen", erklärt Casillas' ehemaliger Teamkollege Bodo Illgner gegenüber SPORT1.

Casillas hatte den deutschen Weltmeister-Keeper von 1990 vor zehn Jahren bei Real Madrid verdängt. Dennoch gab es nie böses Blut zwischen den beiden.

Der Spanier bezeichnet Illgner als den Torwart, von dem er am meisten gelernt hat. Und Illgner schwärmt in den höchsten Tönen von seinem erfolgreichen Erben.

Der ehemalige Bundesligaprofi lernte Casillas als jungen Teenager kennen, der aber schon damals nicht anders war als heute:

"Sehr arbeits- und lernwillig, ein großartiges Talent", erinnert sich Illgner. Eines, das dann "seinen Weg, den ihm jeder bereits damals zugetraut hat, tatsächlich auch gemacht hat".

Nicht ganz knickfreie Karriere

Der Weg ging lange schnurgerade in eine Richtung. Als Achtjähriger fing der Junge aus dem Arbeiter-Vorort Mostoles in der Real-Jugend an.

Mit 16 reiste er im geborgten Anzug seines Vaters schon mit den Profis. Mit 18 hütete er für sie erstmals das Tor, mit 19 folgte im Mai der Triumph in der Champions League und kurz darauf sein Nationalmannschafts-Debüt.

Aber so knickfrei ging es nicht weiter. Als jugendlicher Stammtorhüter eines aufgeregten Weltklubs musste Casillas ähnliches erleben wie später Michael Rensing beim FC Bayern.

Filmreifes Comeback

Casillas war nicht perfekt, er machte Fehler. Und jeder Fehler fiel mit Gewalt auf ihn zurück.

Unsicherheiten bei hohen Bällen und beim Herauslaufen kosteten ihn dann schließlich den Stammplatz - den er sich aber in filmreifer Manier zurückholte.

Als Konkurrent Cesar Sanchez im Champions-League-Finale 2002 gegen Bayer Leverkusen verletzt raus musste, kam Casillas und hielt den 2:1-Sieg in furioser Manier fest.

Carsten Ramelow träumt wahrscheinlich bis heute von dem Fußreflex, mit dem Casillas seinen Kopfball aus kurzer Distanz in der Schlussphase von der Linie weglenkte.

Zu den Reflexen kommt Vorausahnung

Eine ähnliche Glanztat war nun die spielentscheidende Parade im WM-Finale von Johannesburg gegen den allein anstürmenden Arjen Robben.

Aber zugleich war sie Zeugnis der Weiterentwicklung von Casillas im Vergleich zu seinen jungen Jahren:

Zu den schon immer herausragenden Reflexen ist eine ähnlich starke Fähigkeit gekommen, Spielsituationen vorauszuahnen.

So wie er im Duell mit Robben vorausahnte, dass der Bayern-Star nicht die Nerven haben würde, über ihn zu lupfen.

Für Fans und Medien nur "San Iker"

Die spektakulären Rettungstaten sind Casillas' Spezialität und weil sie bisweilen übernatürlich erscheinen, haben Medien und Fans ihm den Spitznamen "San Iker" ("heiliger Iker") gegeben.

Mit seinem Beitrag zum WM-Triumph dürfte der zum besten Keeper des Turniers gekürte Casillas nun endgültig in den Rang als Volksheiliger aufgestiegen sein.

Die Betonung liegt auf "Volks": Denn Spanien liebt Casillas nicht nur wegen seiner sportlichen Klasse ? sondern auch, weil er im abgehobenen Fußball-Kosmos immer bodennah geblieben ist.

"Mit beiden Beinen auf dem Boden"

"Mit beiden Beinen auf dem Boden" hat Illgner ihn stets erlebt und daran habe sich "nichts geändert".

Vom Starkult, wie er bei Real gepflegt wird, hat sich Casillas innere und äußere Distanz bewahrt.

Schon als Fahranfänger hätte er sich einen Nobelflitzer leisten können, kaufte aber stattdessen seinem Vater dessen alten Renault 19 ab.

"Ich bin kein Galaktischer"

Die Bescheidenheit kommt an, gerade im Kontrast zu dem Glamour, den frühere und aktuelle Teamkollegen wie Beckham und Ronaldo verbreiten.

"Ich bin kein Galaktischer", lautet Casillas berühmtestes Zitat: "Ich bin aus Mostoles."

Der Junge aus Mostoles ist nun viermaliger Meister, Champions-League- und Weltpokalsieger, zweimaliger Welttorhüter, Europa- und Weltmeister.

Und nicht nur Illgner glaubt, dass damit noch lange nicht Schluss für Casillas ist: "Er wird als einer der erfolgreichsten und besten Torhüter in die Fußballgeschichte eingehen."

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