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Franck Ribery (r.) gab kurz vor der WM 2006 in Deutschland sein Debüt in der Nationalelf © imago

Anelka erhält nach seiner Entgleisung gegenüber Domenech großen Zuspruch - selbst vom Opfer. Das Team boykottiert das Training.

Von Rainer Nachtwey

München - Der Eklat bei der französischen Nationalmannschaft um Nicolas Anelka entwickelt sich vor dem letzten Gruppenspiel gegen Südafrika (Di., ab 15.30 Uhr im LIVE-TICKER) mehr und mehr zum Possenspiel.

Nach dem Rauswurf des Nationalstürmers durch den französischen Verband verweigerten seine Mitspieler am Sonntag das von der FIFA vorgeschriebene öffentliche Training.

Während Delegations-Leiter Jean-Louis Valentin daraufhin seinen Rücktritt erklärte, stärkten die Spieler Anelka den Rücken.

"Das Problem ist nicht Anelka, sondern der Verräter, der unter uns ist", echauffierte sich Mannschaftskapitän Patrice Evra, nachdem der Vorfall an die Presse durchgesickert war.

"Maulwurfjagd" im Team

Auch Bayern Münchens Franck Ribery schlug sich auf Anelkas Seite:

"Mir ist es aber auch passiert, dass mich der Trainer genervt hat. Aber die Sachen, die in der Kabine passieren, müssen auch in der Kabine bleiben".

Zudem kündigte der Mittelfeldstar eine "Maulwurfjagd" an. "Ein Verräter hat zu viele Dinge nach außen gebracht. Es wäre eine Erleichterung zu wissen, wer es war."

Streit zwischen Spieler und Trainer

Nachdem es ihnen zuvor bei den Begegnungen gegen Uruguay (0:0) und Mexiko (0:2) auf dem Platz nicht gelungen war, bewiesen die Spieler beim WM-Turnier nun erstmals Einigkeit.

Nach einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen Evra und Fitness-Coach Robert Duverne bestieg die Mannschaft den Bus und verschwand.

"Ich bin angewidert", sagte Delegations-Leiter Valentin nach dem blamablen Vorfall und erklärte umgehend seinen Rücktritt.

Evra und Duverne hatten sich vor Beginn des Trainings angebrüllt, Duverne warf daraufhin seine Stoppuhr quer über den Trainingsplatz.

Der umstrittene Trainer Raymond Domenech ging dazwischen, konnte oder wollte den Boykott aber nicht verhindern.

Offener Brief der Mannschaft

Als die Mannschaft verschwunden war, las Domenech in deren Namen sogar eine Stellungnahme vor.

"Alle Spieler, ohne Ausnahme, protestieren gegen die Entscheidung der FFF, Nicolas Anelka zu suspendieren", zitierte der Coach.

Die Weigerung des Verbandes, sich vor dem Rauswurf von Anelka mit diesem auszutauschen, habe zu dem Trainingsboykott geführt.

Am Ende des Briefes hieß es: "Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst. Wir werden alles geben, damit Frankreich seine Ehre wiederfindet."

Anelka als Opfer

Während die Spieler im Verband den Buhmann sehen, tauscht Anelka nach der Entgleisung gegenüber Trainer Domenech die Rollen.

Der Stürmer, der nach Angaben der französischen Sporttageszeitung "L'Equipe" den Coach während der Halbzeitpause beim Spiel gegen Mexiko mit den Worten "Fick dich in den Arsch, du dreckiger Hurensohn" beschimpft haben soll, erhält von allen Seiten Zuspruch - selbst von Opfer Domenech.

"Er hat in einer Weise überreagiert, die vielleicht nicht angebracht war", sagte der scheidende Nationaltrainer. "Was er vor sich hinmurmelt, ist doch nicht wichtig."

Allerdings verurteilte Domenech den Verlauf, den der Eklat nahm, und Anelkas Uneinsichtigkeit. "Das Einzige, was ich ihm vorwerfen kann, ist, dass er nicht akzeptiert hat, sich zu entschuldigen."

Daher sei die Entscheidung des Verbandes, Anelka auszuschließen, "gut" gewesen, nachdem die Beschimpfungen publik geworden waren (GAMES: Das WM-Tippspiel).

Das heißt im Umkehrschluss: Anelkas wäre nicht suspendiert worden, wären die Beleidigungen nicht an die an die Öffentlichkeit gelangt.

"Habe ich nie gesagt"

Der Stürmer des FC Chelsea hatte eine Entschuldigung verweigert, weil er "die in der Presse veröffentlichten Worte nie gesagt habe".

Er habe eine hitzige Unterredung mit dem Trainer vor allen Mannschaftskameraden gehabt. Mehr nicht.

Zuspruch erhält Anelka auch von Klubkamerad und Englands Abwehrchef John Terry.

"Das ist eine schlechte Entscheidung. Nicolas ist ein fantastischer Spieler", sagte Terry und legte nach: "Er wurde rausgeworfen, weil er seine Meinung geäußert hat?" (Der WM-Spielplan)

Prügelei zwischen Ribery und Gourcuff?

Aber auch um Ribery halten sich Gerüchte, wonach er sich mit Yoann Gourcuff geprügelt haben soll.

Domenech verwies die Anschuldigung ins Reich der Fabeln, und auch Ribery dementierte den Vorfall.

"Das ist absoluter Schwachsinn, dass ich mich mit ihm im Flugzeug geprügelt habe", sagte Ribery. "Ich habe überhaupt kein Problem mit Yoann."

Angst vor Schlägen

Dem widersprechen jedoch die Beobachtungen der französischen Medienvertreter nach dem Spiel gegen Mexiko.

Gourcuff hatte sich während eines Interviews weggeduckt, als hinter ihm Anelka und Ribery vorbeiliefen.

Da habe der Klassenbeste "dem Rüpel der Schule" Platz gemacht, "um keinen Schlag auf den Hinterkopf zu bekommen", schrieb daraufhin "L'Equipe".

Seinen Platz in der Startformation gegen Mexiko hatte Gourcuff angeblich auch auf Drängen seiner Mitspieler verloren.

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