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Valerien Ismael (l.) bestritt 109 Bundesliga-Spiele für Bremen, Bayern und Hannover © getty

In Frankreichs Team regiert das Chaos. Valerien Ismael zeigt sich im Interview von den Nationalspielern in der Ehre verletzt.

Von Rainer Nachtwey

München - Auch nach der Suspendierung von Nicolas Anelka und dem Trainingsboykott der Spieler herrscht bei der französischen Nationalmannschaft weiter großes Chaos.

Während einer TV-Sendung, bei der Nationaltrainer Raymond Domenech zu Gast war, erschien plötzlich Franck Ribery, schnappte sich das Mikrofon und fiel seinem Trainer ins Wort.

Der Mittelfeldstar des FC Bayern entschuldigte sich zwar bei den Fans, tat aber erneut kund, dass die Mannschaft den Rauswurf von Anelka nicht billigt.

"Es ist sehr, sehr traurig, was Frankreich gerade für ein Bild abgibt", sagt Ex-Bundesligaprofi Valerien Ismael bei SPORT1.

Vor dem entscheidenden Gruppenspiel gegen Südafrika (ab 15.30 Uhr im LIVE-TICKER) spricht der Franzose im Interview mit SPORT1 über die Gründe, das Versagen von Trainer Domenech und die Maßnahmen, die der Verband nun treffen muss.

SPORT1: Herr Ismael, wie beurteilen Sie die Vorfälle im Lager der Franzosen?

Valerien Ismael: Es ist eine Schande. Es ist traurig, weil das Land etwas anderes verdient hat. Früher bestach die Mannschaft durch Zusammenhalt und schönen Fußball. Das jetzige Team hat die Glaubwürdigkeit, den Stolz und die Ehre kaputt gemacht.

SPORT1: Haben Sie ähnliche Vorfälle schon einmal bei einer Mannschaft erlebt?

Ismael: Noch nie. Gerade bei so einem großen Turnier hat man erwartet, dass die Mannschaft zusammenwächst, dass jeder einzelne Spieler sein Ego beiseite schiebt. Es geht nicht um einzelne Personen, sondern um das Land. Sie repräsentieren Frankreich. Hier habe ich das Gefühl, es handelt sich um einen Kindergarten mit beleidigten Jungs, und sie sind nicht in der Lage, die Realität zu sehen (GAMES: Das WM-Tippspiel).

SPORT1: Wie sehen Sie die Stimmung innerhalb der Mannschaft? Es scheint ja derzeit gar nichts zu stimmen.

Ismael: Immerhin haben die Spieler bewiesen, dass sie Solidarität zeigen können, als sie das Training verweigert haben (lacht). Eigentlich habe ich bereits vor der WM erwartet, dass es zu einer Krise kommt, weil dort bereits Einiges zwischen den Spielern, dem Trainer und dem Umfeld mit den Medien nicht gestimmt hat. Das war alles abzusehen, was jetzt passiert ist. Ich glaube, die Mannschaft ist nicht reif, zu kapieren, was da im Moment vorgeht.

SPORT1: Woran liegt das?

Ismael: Die jetzige Mannschaft ist verglichen mit der von 2006 um einiges jünger. Die Einzelspieler haben weiterhin sehr große Qualität, aber sie passen überhaupt nicht zusammen (Der WM-Spielplan).

SPORT1: Man hat immer wieder Probleme zwischen den jungen und den etablierten Spielern ausgemacht. Liegt hier das Grundproblem, dass Domenech es nicht geschafft hat, eine homogene Gruppe zu formen?

Ismael: Er hat aus meiner Sicht versagt. Das beste Beispiel war, als er sich vor die Pressevertreter gestellt und den Brief vorgelesen hat, den die Spieler geschrieben haben. Das ist für mich unverständlich. Wenn die Spieler schon nicht trainieren wollen, weil sie Forderungen haben und nicht zufrieden sind, dann erwarte ich, dass der Kapitän sich den Medien stellt. Aber was macht Domenech? Er liest den Brief vor. Das zeigt, dass er keinen Zugang zu den Spielern hat, er alles akzeptiert, was die Spieler machen, und er einfach verzweifelt ist.

SPORT1: Domenechs Ablösung als Nationaltrainer stand bereits vor der WM fest. Hätte er gar nicht mehr mit zur WM dürfen?

Ismael: Da muss man dem Verband den Vorwurf machen. Bereits nach der EM 2008, die eine Katastrophe war, hätte man Domenech entlassen müssen. Es war die Chance zum Neuanfang. Denn schon damals gab es die gleichen Probleme, vielleicht noch nicht so extrem.

SPORT1: Es gab ja nach der EM, während der WM-Qualifikation den Vorfall zwischen Henry und Domenech. Spätestens dann war es doch absehbar, dass es nicht funktioniert.

Ismael: Jeder wusste das, nur der Verband anscheinend nicht. Domenech ist der meist gehasste Nationaltrainer in Frankreich. Die Leute wollten ihn nicht mehr sehen und trotzdem hat man an ihm festgehalten. Der Verband hat den richtigen Zeitpunkt verpasst. Jetzt ist alles explodiert. Es wird schwer, den Riss zwischen Mannschaft, Fans, Medien und dem ganzen Land zu kitten und wieder Vertrauen zwischen Fans und Mannschaft herzustellen.

SPORT1: Was muss passieren, damit es noch ein versöhnliches Ende bei der WM geben kann?

Ismael: Es muss ein Sieg her. Frankreich wird sich wahrscheinlich von der WM verabschieden, aber ich hoffe, mit einem anderen Gesicht. Die elf Spieler, die auflaufen, müssen eine Top-Leistung abrufen. Und mit einem Wunder kann vielleicht noch etwas passieren.

SPORT1: Wie muss es nach der WM weitergehen?

Ismael: Es wird nach der WM einen Umbruch geben, mit einem neuen Trainer Laurent Blanc und in meinen Augen mit neuen Spielern. Diese Mannschaft hat es nicht mehr verdient, dieses Trikot zu tragen.

SPORT1: Das heißt, es muss auch ein Schnitt bei den Spieler her, keiner aus dem WM-Kader sollte mehr in der Nationalelf spielen?

Ismael: Aus meiner Sicht ja. Ich habe das Nationaltrikot immer mit großem Stolz getragen, es war für mich eine Ehre. Wenn man dieses Trikot trägt, dann muss man alles geben, nicht an sein Ego denken, sondern stolz sein, sein Land zu repräsentieren. Und das fehlt mir bei den Spielern. Das erkenne ich nicht. Wenn ich die deutsche Mannschaft vergleiche, die mit zehn Mann gegen elf Serben bis zum Äußersten kämpft, oder wenn ich die Chilenen, Neuseeländer sehe, diesen Mannschaften merkt man den Stolz an, mit dem sie für ihr Land spielen. Bei uns sehe ich nur Diven, die für sich spielen. Sie benehmen sich wie Kinder.

SPORT1: Glauben Sie noch an den Einzug ins Achtelfinale?

Ismael: Theoretisch ist die Chance ja noch da, aber persönlich glaube ich nicht daran.

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