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Diego Maradona beerbte 2008 Alfio Basile als Nationalcoach © imago

Wegen der mangelnden Kompetenz des Coachs verwaltet sich Argentiniens Team angeblich selbst. Die Spieler widersprechen.

Von Martin Hoffmann

Johannesburg/München - Christina Kirchner, Argentiniens Präsidentin, hat Wissenschaftlern in ihrem Land kürzlich einen Sonderauftrag erteilt.

Sie mögen doch bitte einen Weg finden, Diego Maradona zu klonen, scherzte die Staatschefin beim Besuch eines Labors in Marcos Paz.

Mehr als fraglich allerdings, ob sich eine so einmalige Erscheinung wie Maradona reproduzieren lässt.

Argentiniens Trainer der Albiceleste gegen Nigeria an der Seitenlinie zu beobachten, garantierte mehr Unterhaltung, als alles, was auf dem Rasen passierte 248414(die Bilder).

Die gesten- und emotionsreiche "Maradona-Show" sorgte fast für mehr Schlagzeilen als das Ergebnis.

Wegen Maradona - oder trotz Maradona?

Dabei war der 1:0-Sieg gegen Nigeria in der Gruppe B für Maradona die erste Bewährungsprobe als Trainer vor den Augen der Weltöffentlichkeit - und er hat sie bestanden.

Trotzdem streiten sich Außenstehende weiter: War Argentinien wegen Maradona erfolgreich - oder trotz Maradona? (Der WM-Spielplan)

Kritiker meinen, bei der Partie erkannt zu haben, dass sich Argentiniens Mannschaft in einer Art Selbstverwaltung befindet.

Dass die erfahrenen Cracks wie Mittelfeldleader Juan Sebastian Veron die strategisch-taktische Organisation übernommen haben, die Maradona nicht zu entwerfen in der Lage sei (GAMES: Das WM-Tippspiel).

"Sein Tor und allein sein Sieg"

Einschätzungen, denen die Spieler selbst energisch widersprechen.

Übereinstimmend beschreiben Veron und Bayern-Verteidiger Martin Demichelis Maradona als Mastermind hinter dem Sieg im Allgemeinen und dem Treffer von Gabriel Heinze im Speziellen.

Der Kopfballtreffer Heinzes sei ein stundenlang mit Maradona einstudierter Spielzug gewesen.

Der Coach habe in Videoanalysen Nigerias Deckungsverhalten analysiert und seine Abwehrspieler angewiesen, sie im Fünf-Meter-Raum so zu binden, dass Heinze unbehelligt von hinten heranstürmen könnte.

"Das war sein Tor und allein sein Sieg", würdigt Demichelis Maradona in der "Bild". Das unberechenbare Genie, gereift zum gewissenhaften Analytiker?

Bruder des Geschäftspartners als Matchwinner

Eine spezielle Pointe ist das Tor nicht nur deshalb, sondern auch durch seinen Schützen.

Heinze, wegen seiner deutschen Herkunft "El Aleman" ("der Deutsche") genannt, zählt zwar zu den wenigen Konstanten in Maradonas sprunghafter Personalpolitik, aber er ist eine umstrittene (Die WM-Kader im Überblick) .

Es gibt Gerüchte, Maradonas Loyalität zum zuletzt oft schwach auftretenden Heinze sei durch seine Geschäftbeziehungen zu dessen Bruder begründet.

Der ist Chef einer Firma, die unter anderem mit der Vermarktung Maradonas ihr Geld verdient.

Maradona soll Heinze aber auch unabhängig der geschäftlich-persönlichen Bande als teaminterne Autorität schätzen ? und darf sich nun in seiner Treue zu Heinze bestätigt fühlen.

Animateur und Inspirationsquell

Die Zweifel an Maradonas Fachkompetenz aber bleiben - und sie werden genährt durch Berichte, dass Maradona sich überaus intensiv von seinen Co-Trainern Hector Enrique und Alejandro Mancuso beraten lässt, dabei aber alle finalen Entscheidungen selbst treffe.

Doch wie groß Maradonas Mängel auch sein mögen: Unbestreitbar ist Maradonas positiver Einfluss als Animateur und Inspirationsquell.

Beobachter beschreiben die Stimmung im argentinischen Lager als außergewöhnlich gut und ausgelassen.

Und die Spieler sprechen über Maradona wie Gläubige über einen spirituellen Führer.

"Wie eine Reise nach Disneyland"

"Unter Maradona spielen ist wie eine Reise nach Disneyland", findet der junge Javier Pastore: "Es ist ein Abenteuer, Glück in seiner reinsten Form."

Und Demichelis lobt Maradonas "spektakuläre" Ansprache vor Spielbeginn: "Wir hatten Gänsehaut in der Kabine und werden das im Leben nicht vergessen."

Es sind Schwärmereien, die an die Huldigungen für den deutschen Trainermotivator von 2006 erinnern: Maradona ist nun sozusagen Klinsmann und dessen Glücks-Buddha in Personalunion.

Es bleibt spannend zu beobachten, wie weit die Euphorie, die er auslöst, tragen kann.

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