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Nach dem 1.0-Siegtreffer in der Nachspielzeit brachen beim US-Team alle Dämme © getty

Das Erreichen des Achtelfinales löst in den USA eine nie gekannte Fußball-Euphorie aus. Sogar die Politik steht kurz still.

Pretoria - Über die Lautsprecheranlage des Weißen Hauses rief eine Stimme "U-S-A! U-S-A!".

Drüben im Kapitol war selbst eine der wichtigsten Finanzdebatten in der amerikanischen Geschichte für kurze Zeit Nebensache.

Am Tag danach griff Präsident Barack Obama zum Telefonhörer, um seine Glückwünsche zu übermitteln

Und alles wegen einer Fußballmannschaft, die bei der WM im fernen Südafrika durch einen Last-Minute-Treffer gegen Algerien 1:0 gewonnen hatte.

"Das war das wichtigste Spiel unserer Geschichte, weil es die Menschen zu Hause in einer Art und Weise begeistert hat, wie es noch nie der Fall war", sagte US-Verbands-Präsident Sunil Gulati mit viel Pathos in der Stimme.werbung

Als die Amerikaner am Donnerstagmorgen auf die Zeitungen blickten, stand dort die Nachricht aus Pretoria in der Tat auf Seite eins. Ein schier unglaublicher Vorgang.

USA entdecken Liebe zum Fußball

Wie sehr "soccer", der von eingefleischten Fans inzwischen längst "football" genannt wird, das Land bewegt, wurde vor allem in der Schlussphase des Spiels gegen Algerien deutlich.

Im Kapitol in Washington unterbrachen die Abgeordneten eine Sitzung "über die wichtigsten Veränderungen der amerikanischen Finanzgesetze seit der Großen Depression", wie das Wirtschaftsfachblatt "Wall Street Journal" verblüfft feststellte.

Amerika hat seine Liebe zu seiner Fußball-Nationalmannschaft entdeckt.

Tränenreiches Geständnis von Donovan

Die Gründe sind einfach. "Dieses Team verkörpert, was man amerikanischen Geist nennt", sagte Hauptdarsteller Landon Donovan.

Er steuerte nach seinem siegbringenden Tor (90.+1) mit einem tränenreichen Geständnis über seine persönlichen Krisen noch zusätzliche Emotionen bei - was in den USA auch immer gut ankommt.

Ein weinender Held, der frühere US-Präsident Bill Clinton in der Kabine und ein Happy End auf dem Spielfeld - das ist der Stoff für Geschichten, die Amerika liebt.

"Tor-Klau" wird zum Medienthema

Doch schon in den Tagen nach dem 2:2 gegen Slowenien war das US-Team zu Hause zum großen Thema in den Medien aufgestiegen.

Auch Fußball-Laien diskutierten in Talk-Shows plötzlich über Schiedsrichter Koman Coulibaly aus Mali, der den USA ein reguläres Tor in der Schlussphase aberkannt hatte.

Trainer Bradley gerührt

Der häufig etwas nüchtern und steif wirkende US-Nationaltrainer Bob Bradley sprach beinahe fassungslos, aber gerührt über die Anfahrt des US-Busses zum Stadion Loftus Versfeld in Pretoria:

"Wir sind durch ein Spalier amerikanischer Fans gefahren, sie haben gejubelt, sie haben an die Scheiben unseres Busses geklatscht. Wir erleben so etwas nicht oft."

Hoher Besuch in Kabine

Gleich nach dem Spiel tauchte ein leibhaftiger ehemaliger US-Präsident in der Kabine auf. Bill Clinton, dessen angegriffenem Herzen die dramatische Endphase eher geschadet haben dürfte, suchte instinktsicher den Kontakt zu den neuen Helden.

"Er war cool. Wir haben Fotos gemacht. Er hat gesagt, dass die ganze Nation hinter uns steht", berichtete der frühere Hamburger Bundesliga-Profi Benny Feilhaber.

"Wir haben einen tollen Spirit"

Ein Ende der Begeisterung ist nicht abzusehen. Im Achtelfinale am Samstag gegen Ghana (Sa., ab 20 Uhr im LIVE-TICKER) soll längst nicht Schluss sein.

"Wir gehen unseren Weg weiter", versicherte Torschütze Donovan. Wie das gehen soll? Ganz einfach, sagt Michael Bradley von Borussia Mönchengladbach:

"Wir sind 23 Spieler und ein Trainer. Wir halten alle zusammen. Wir haben einen tollen Spirit."

Und nichts lieben die Amerikaner mehr, als wenn ein Underdog diesen Geist vorlebt.

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