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Otto Pfister trainierte von 1989 bis 1995 Ghanas Nationalteam © getty

Im SPORT1-Interview schätzt Otto Pfister als Afrika-Kenner die Chancen der Deutschen im Vorrunden-Endspiel gegen Ghana ein.

Von Mathias Frohnapfel

München - Otto Pfister ist so etwas wie der "Mr. Afrika". Seit 1972 arbeitet er als Trainer in Afrika, coachte bereits unter anderem Togo, die Elfenbeinküste und auch Deutschlands WM-Gruppengegner Ghana.

Die U 17 der "Black Stars" führte der gebürtige Kölner 1991 zum WM-Titel, mit dem A-Team erreichte er 1992 ebenso das Finale des Afrika-Cups wie 2008 mit Kamerun.

Vorm entscheidenden Gruppenspiel Deutschlands gegen Ghana (Mi., ab 20 Uhr im LIVE-TICKER) beschreibt Pfister im SPORT1-Interview die Besonderheiten des ghanaischen Fußballs, die Stärken der aktuellen Mannschaft und geht auch auf die Rolle des Neu-Ghanaers Kevin-Prince Boateng ein.

SPORT1: Herr Pfister, Sie haben von 1989 bis 1995 die Nationalmannschaft Ghanas trainiert. Was charakterisiert aus Ihrer Sicht den ghanaischen Fußball?

Pfister: Das ist schwer zu sagen, weil die Ghanaer mittlerweile auch mehr oder wenig europäisch spielen. Wenn sie komplett sind, sind sie sehr ballsicher und auch sehr von sich überzeugt. Ghana war ja auch U20-Weltmeister im vergangenen Jahr. Sie haben Selbstvertrauen und glauben an sich.

SPORT1: Und welchen Eindruck hat das Team Ghanas bei dieser WM bisher bei Ihnen hinterlassen?

Pfister: Sie tun sich nach vorn noch schwer, sind nicht sehr zielstrebig. Und sie spielen in jedem Match am Limit. Allerdings gehen die Ghanaer auch mit einer gewissen Unbekümmertheit an die Aufgabe heran. Das ist für jeden Einzelnen eine Chance sich auf der Weltbühne mit einer Überraschung zu präsentieren.(Die WM-Kader im Überblick)

SPORT1: Wie gut ist Ghana auf das Alles-oder-Nichts-Spiel gegen Deutschland vorbereitet?

Pfister: Sie sind voller Selbstvertrauen und haben keine Angst, dass ist eine Stärke. Ob sie es aber auch umsetzen können, ist die zweite Frage. Mental sind sie aber vorbereitet. Und die Ghanaer schlafen auch nicht, sie sehen, wie wir Fußball spielen.

SPORT1: Was heißt das für das entscheidende WM-Gruppenspiel?(SERVICE: Der WM-Tabellenrechner)

Pfister: Ich denke, die Ghanaer werden versuchen, das Tempo zu verschleppen, den Ball zu halten. Denn normal haben sie keine Chance, wenn wir mit zwei Stürmern und forsch nach vorne spielen. Aber in einem Fußballspiel ist alles möglich. Bei einem Unentschieden sind sie ja wohl weiter. Damit sind sie schon in einer guten Situation.

SPORT1: Die Euphorie in Ghana ist groß. Das Team ist Tabellenführer, mit einem Bein im Achtelfinale. Könnte diese Euphorie mitunter ein Nachteil für die "Black Stars" sein?

Pfister: Ich glaube nicht, dass die Euphorie so groß ist. Sie freuen sich eben, dass sie aktuell Erster sind.(Der WM-Spielplan)

SPORT1: Wer ist für Sie der Favorit?

Pfister: Auf dem Papier, wenn man die infrastrukturellen Möglichkeiten vergleicht, spricht alles für Deutschland. Wenn man sieht, was in der Vorbereitung möglich ist, wie die medizinische Betreuung ist, dann ist Ghana ohne jede Chance. Normal sollte da für Deutschland nichts schiefgehen. Aber mein ganzes Vermögen würde ich nicht auf Deutschland setzen.(GAMES: Das WM-Tippspiel)

SPORT1: Welchen Eindruck haben Sie von Ghanas Neu-Nationalspieler Kevin-Prince Boateng?

Pfister: Er spielt ganz stark, vor allem spielt er einfach und kämpft unheimlich. Man erkennt auch keine Ansätze von unüberlegten Fouls. Er ist ein Teamplayer in dieser Mannschaft. Das ist aber keine Überraschung. Aus meiner Sicht ist er einer der stärksten Spieler, die Ghana hat.

SPORT1: Muntari hat die Fassung nach seiner Auswechslung beim 1:1 gegen Australien verloren. Schwächt dieser Konflikt das ghanaische Team?

Pfister: Konflikte gibt es überall - auch bei England oder Frankreich. Wenn es in Deutschland nicht läuft, ist das ja genauso.

SPORT1: Die afrikanischen Teams tun sich insgesamt bei der WM schwer: Worin sehen Sie die Gründe?

Pfister: Sie haben zwar Weltklasse-Spieler, doch der Erwartungsdruck ist zu hoch. Auch die Vorbereitung ist nicht professionell. Keine Mannschaft außer Algerien hat einen Trainer, der länger als acht Monate dort arbeitet. Die Nationen geben zwar viel Geld für einen Trainer mit großem Namen aus, doch bis der Trainer die Mentalität kennt, ist die WM schon vorbei. Lars Lagerbäck (Trainer Nigerias, d. Red) und Sven-Göran Eriksson (Trainer der Elfenbeinküste, d. Red.) waren ja nicht mal eine Woche am Stück in Afrika. Und die Funktionäre haben auch nicht unbedingt die Fachkompetenz, sie sind oft von politischen Interessen beeinflusst.

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