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Marcello Lippi hatte die "Squadra Azzurra" 2006 noch zum WM-Titel geführt © getty

Nach dem WM-Aus steht das "schlechteste Italien aller Zeiten" vor einem Umbruch. Den neuen Coach erwartet eine schwere Aufgabe.

Johannesburg/Rom - Der Trainer und die Stars am Pranger, der italienische Fußball am Boden zerstört.

Nach dem ersten Vorrunden-Aus seit 1974 herrscht im Land des gestürzten Weltmeisters Bestürzung.

"Tutto nero - alles schwarz" titelte die "Gazzetta dello Sport".

"Das war einer der schlimmsten Abende meines Lebens", sagte der scheidende Kapitän Fabio Cannavaro. (Der WM-Spielplan)

Experten erwarten Neuanfang

Das "schlechteste Italien aller Zeiten" (Gazzetta dello Sport) erlebte im Ellis Park von Johannesburg beim 2:3 (0:1) gegen WM-Neuling Slowakei sein blaues Wunder.

Im Vergleich zu den ersten zwei Begegnungen präsentierte sich der viermalige WM-Champion sogar noch schwächer, wirkte über lange Strecken völlig kraft- und ideenlos.

Nach nur zwei Punkten aus drei Spielen und einem blamablen letzten Platz in der Gruppe F wartet auf die Azzurri ein langer Weg des Umbruchs und der Selbstreinigung. Viele Experten erwarten einen totalen Neuanfang bei der "Squadra Azzurra".

"Ritter der Schande"

Während Italien bereits über die taktischen und personellen Änderungen des neuen Nationaltrainers Cesare Prandelli spekuliert, erwartet die gefallenen Helden von 2006 in ihrer Heimat ein Spießrutenlauf.

"Wir haben eine beschämende Figur abgegeben. Dafür müssen wir die Verantwortung übernehmen", sagte Mittelfeldspieler Andrea Pirlo.

"2006 haben sie uns zu Rittern der Arbeit geschlagen. Nun werden sie uns zu Rittern der Schande machen", prognostizierte Gennaro Gattuso:

"Wir wissen, was uns zu Hause erwartet. Jetzt können wir nur den Helm aufsetzen und losziehen."

Cannavaro und Gattuso hören auf

Das WM-Debakel in Südafrika löst eine personelle Zäsur aus. Schon vor dem Turnier hatten Cannavaro und Gattuso angekündigt, ihren Platz nach der WM zu räumen.

Am Kap waren beide im Vergleich zur WM 2006 in Deutschland nur noch ein Schatten ihrer selbst.

"Vielleicht hätte ich 2006 als Weltmeister aufhören sollen. Aber ich hätte nie nein zur Nationalmannschaft sagen können", sagte Cannavaro.

Lippi übernimmt Verantwortung

Trotz schwacher Spielzeiten bei Juventus Turin beziehungsweise AC Mailand hatte Nationaltrainer Marcello Lippi Cannavaro und Pirlo wie einige andere alternde WM-Helden mitgenommen.

Er übernahm nach dem Aus denn auch die volle Verantwortung für das Scheitern. "Ich habe die Mannschaft nicht gut vorbereitet", sagte der Coach, dessen Nachfolger Prandelli am 1. Juli offiziell präsentiert werden wird:

"Ich bin bereit, mich einem Prozess zu unterziehen."

In der Tat ließ dieser nicht lange auf sich warten. "Lippi, das ist alles deine Schuld", titelte "Tuttosport". "Lippis Versagen in Südafrika", lautete die Schlagzeile von "La Stampa".

"Jetzt ist alles grau"

Doch nicht nur mit dem Trainer und seinen einstigen Heroen wird öffentlich abgerechnet. Der italienische Fußball in seiner Gesamtheit steht am Pranger.

"Das derzeitige Niveau ist dieses. Fußball funktioniert in Zyklen. 2006 war unser Moment, jetzt ist alles grau", sagte der verletzte Torwart Gianluigi Buffon.

"Derzeit verfügt Italien einfach nicht mehr über das nötige Spielerniveau", analysierte Cannavaro.

Ausländerquote schuld

Auf der Suche nach Gründen muss die hohe Ausländerquote in der schwächelnden Serie A herhalten. "Italien zahlt einen hohen Preis für die vielen ausländischen Fußballer in unserer Meisterschaft", sagte Gattuso.

"Diese Blamage ist die logische Konsequenz einer verheerenden Sportpolitik, die keine jungen italienischen Talente fördert", kommentierte Reformminister Roberto Calderoli von der "Lega Nord".

"Ein Beweis ist, dass ein Klub die Champions League, die Meisterschaft und das Pokal gewonnen hat, in dem nicht einmal der Trainer Italiener ist."

Hoffnungsträger Prandelli

Für eine Reform in der Squadra Azzurra soll nun Prandelli sorgen. "Wir haben ihn wegen seiner Art, mit jungen Spielern zu arbeiten, ausgewählt", sagte Giancarlo Abete, Präsident des italienischen Verbandes FIGC.

Auch der ehemalige Coach des AC Florenz wird die Talente jedoch nicht herzaubern können. Allerdings wird erwartet, dass er Mario Balotelli eine Chance geben wird.

Lippi hatte den in Ghana geborenen Stürmer von Inter Mailand wegen einiger Disziplinlosigkeiten stets mit Missachtung gestraft.

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