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Brasiliens Matchwinner gegen Nordkorea: Elano (l.) und Maicon © getty

Brasilien entgeht gegen Nordkorea knapp dem Fehlstart. Dunga ist dennoch zufrieden, Lucios Aussetzer gibt aber zu denken.

Aus Südafrika berichtetMartin van de Flierdt

Johannesburg - Es war eine zähe Angelegenheit.

55 Minuten lang hatten die 54.331 Zuschauer in der Kühltruhe Ellis Park vergeblich gewartet, dann blitzte im Auftaktspiel der Selecao gegen Nordkorea (2:1) endlich brasilianische Raffinesse auf.

Außenverteidiger Maicon war in den Strafraum der Asiaten eingedrungen und hatte Torhüter Myong Guk Ri mit einem spektakulären Spannstoß aus spitzem Winkel düpiert, als dieser auf eine Hereingabe spekulierte.

"Wenn man hart arbeitet, wird man auch dafür belohnt", meinte der Torschütze nach dem Spiel. "Chancen wie diese haben nicht viele, und ich hatte sie. Es gibt nichts Besseres als das Gefühl, wenn man sie reingemacht hat."

Drohende Blamage abgewendet

Der Geniestreich des Rechtsverteidigers von Inter Mailand sorgte dafür, dass das Damoklesschwert eines peinlichen Punktverlustes gegen die Nordkoreaner nicht auf die Brasilianer niederging.

Denn bis dahin hatte das Angriffsspiel der Südamerikaner uninspiriert gewirkt.

"Im ersten Durchgang lief der Spielmechanismus noch nicht so richtig, das Passspiel war nicht flüssig genug", räumte auch Trainer Dunga ein.

Ohne Tempo und Ideen

Gegen die tief stehenden Asiaten, die bei ihrem ersten WM-Auftritt seit 1966 stets mit acht Mann den Strafraum verteidigten, fehlten den Brasilianern bis zu Maicons Treffer die passende Idee und das nötige Tempo.

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Dass dies mit der ungewohnten Außentemperatur von minus einem Grad Celsius in Johannesburg zusammengehangen habe, stritten sie vehement ab.

"Die Kälte hat uns eigentlich nicht so viel ausgemacht, sondern eher die Art, wie die Nordkoreaner gespielt haben ? alle hinter der Balllinie", meinte Robinho. "Da muss man viel Geduld haben. Wenn dann ein Tor fällt, wird die Sache einfacher." (GAMES: Das WM-Tippspiel)

Robinhos perfekte Vorlage

Mit der Führung im Rücken legte die Selecao bald das 2:0 nach.

Robinho, der vor der Pause mit sehenswerten, aber brotlosen technischen Kabinettstückchen häufig das Tempo aus dem Spiel genommen hatte, bediente Elano mit einem tafelfertigen Diagonalpass in die Gasse.

Der Mittelfeldmann von Galatasaray Istanbul schob den Ball überlegt in die Maschen (72.).

Dunga: "Insgesamt gut gespielt"

"Insgesamt haben wir ein gutes Spiel gemacht, vor allem in der zweiten Halbzeit", behauptete Dunga daraufhin, und sah dabei geflissentlich über den Anschlusstreffer von Yun Nam Ji (89.) hinweg. (der WM-Spielplan)

Der war mit dem Ball in den brasilianischen Strafraum gesprintet, wo er von Abwehrchef Lucio nicht einmal eskortiert wurde und ungehindert einschießen durfte.

"Ich freue mich sehr darüber, dass ich das erste Tor unseres Landes bei der Weltmeisterschaft erzielen konnte", sagte der 33-Jährige.

"Brasilien hat die beste Mannschaft der Welt und ist der große Favorit auf den Titel. Aber wir haben in der ersten Halbzeit gut gespielt, hätten nicht besser verteidigen können und haben den Spielfluss der Brasilianer unterbrochen."

Nordkorea zweimal unkonzentriert

Seine Mannschaft habe lediglich zwei unkonzentrierte Augenblicke gehabt, lautete die Ansicht des Torschützen. Die hätten die Brasilianer eiskalt ausgenutzt.

"Wir haben nicht gewonnen, aber wertvolle Erfahrungen gesammelt. Das gibt uns mehr Selbstvertrauen", urteilte sein Trainer Jong Hun Kim. "Wir wollen unsere Spiele gewinnen und ins Achtelfinale einziehen."

Mit der Runde der letzten 16 als Ziel braucht man dem brasilianischen Anhang trotz des holprigen Turnierauftakts dagegen nicht zu kommen.

Brasilien legt nach

"Wir wissen, dass wir noch eine schwere Schlacht zu schlagen haben, aber es ist immer wichtig, mit einem Sieg zu starten", erklärte Eisbrecher Maicon. "Diesen Weg wollen wir fortsetzen." (Die WM-Kader im Überblick)

Geht es nach dem neutralen Beobachter, dann darf in den nächsten Spielen aber durchaus ein wenig mehr Spektakel dabei sein.

Kahn sieht Steigerungspotenzial

Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn sieht noch deutliche Steigerungsmöglichkeiten bei den Brasilianern.

"Die Brasilianer haben mit wenig Aufwand gegen Nordkorea gewonnen. Sie haben viel mehr Potenzial", sagte der ZDF-Experte.

Der ehemalige Bayern-Keeper sah bestenfalls 50 Prozent des Leistungsvermögens des fünfmaligen Weltmeisters: "Ich gehe davon aus, dass sich diese Mannschaft noch steigern kann. Und dann gehört Brasilien für mich nach wie vor zu den Favoriten."

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