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Real-Star Sergio Ramos debütierte 2005 in der spanischen Nationalmannschaft © getty

Vor dem Halbfinale zeigt SPORT1 auf, wie die DFB-Elf die Spanier knacken kann. Denn auch die "Seleccion" hat wunde Punkte.

Aus Südafrika berichtet Martin van de Flierdt

Durban - Der Respekt vor dem Gegner ist immer noch groß.

"Spanien war in den letzten Jahren das am besten organisierte Team mit der besten Offensive", urteilt Bundestrainer Joachim Löw über die Iberer, die seiner Auswahl am heutigen Abend (ab 20 Uhr im LIVE-TICKER) im WM-Halbfinale gegenüberstehen (SERVICE: Der WM-Rechner).

"Die Mannschaft ist eingespielt, die Spieler spielen schließlich größtenteils schon über einen langen Zeitraum zusammen. Deshalb machen sie keinen einzigen Fehler, wenn sie nicht dazu gezwungen werden."

Anders als noch im verlorenen EM-Finale 2008 (0:1) sieht Löw sein Team aber auf Augenhöhe:

"Wir haben genug Selbstvertrauen, dass wir die Kraft und die kreativen Fähigkeiten besitzen, ins Finale zu kommen."

SPORT1 nennt fünf Aspekte, die für ein erfolgreiches Abschneiden im Moses-Mabhida-Stadion von Durban wichtig sind.

Räume im Mittelfeld eng halten

Ottmar Hitzfeld hat Spanien mit seinen Schweizern im ersten Gruppenspiel bezwungen und dabei sogar zu null gespielt (1:0).

Dabei legte er besonderes Augenmerk auf "den Korridor zwischen Abwehr und Mittelfeld, in dem sich Xavi, Andres Iniesta und David Villa bewegen".

"Per Mertesacker und Arne Friedrich sowie Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira müssen diesen Raum klein halten, dürfen den Spaniern dort keine Möglichkeit zur Entfaltung bieten", rät er in der "Bild".

"Die Spanier leben überwiegend von ihrem Ballbesitz, und der findet nun mal hauptsächlich im Mittelfeld statt", sagt auch Spanien-Insider Gerhard Poschner im SPORT1-Interview.

"Wenn man das umdrehen könnte und mehr Ballbesitz als die Spanier hätte, dann würden sie ziemlich leiden."

Höchste Aufmerksamkeit für Villa

Der EM-Torschützenkönig hat fünf der sechs spanischen Tore bei dieser WM erzielt, das eine verbliebene bereitete er direkt vor.

Heißt simpel: Wenn man Villa neutralisieren kann, verliert die spanische Offensive einen Großteil ihrer Torgefahr.

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"Es wird wichtig sein, auf den Flügeln zu doppeln, weil vor allem Villa im Eins-gegen-eins sehr stark ist", warnt Hitzfeld.

Der Neuzugang des FC Barcelona liebt es, auf der linken Außenbahn einen Flankenlauf anzutäuschen, dann den Haken in die Mitte zu schlagen und mit rechts den langen Pfosten anzuvisieren.

Philipp Lahm kennt diesen Laufweg, auch aus eigener Erfahrung beim ersten WM-Tor 2006 gegen Costa Rica (4:2).

Dennoch werden dem Münchner der Vertreter von Thomas Müller im rechten Mittelfeld sowie Per Mertesacker als Absicherung helfen müssen.

Womöglich agiert Villa aber auch anstelle von Fernando Torres in der Sturmmitte.

Der freie Platz im Team ginge dann an David Silva, Pedro oder Cesc Fabregas, der nach seiner Wadenbeinprellung grünes Licht für einen Einsatz bekommen hat.

Mit einem fünften Mittelfeldmann würde Spaniens Trainer Vicente del Bosque die Räume für deutsche Angriffe verkleinern und den Ballbesitzanteil noch einmal erhöhen.

Das würde die Aufgabe für Deutschland nicht leichter machen.

In den Rücken von Ramos spielen

Spaniens Rechtsverteidiger Sergio Ramos beteiligt sich gerne am Offensivspiel.

"Dadurch entstehen auf den Seiten immer wieder Räume, in die die deutschen Spieler hineinstoßen können", weiß Hitzfeld. "Da ist Spanien anfällig, da kann man ihnen Probleme bereiten."

Manuel Oliver von der meistgehörten spanischen Radiosenderkette "Cadena SER", der die "Seleccion" seit 1986 begleitet, stimmt Hitzfeld zu.

"Wenn es den Deutschen gelingt, eine der Flanken von Ramos abzufangen und schnell zum Gegenangriff überzugehen, ist in Ramos' Rücken der ganze Flügel blank."

Dass Löws Auswahl mit Lukas Podolski und Mesut Özil gefährlich über links kontern kann, hat sie gegen Australien, England und Argentinien bewiesen.

Fünf Tore entsprangen in diesen drei Begegnungen Tempogegenstößen über jene Seite.

Capdevila bearbeiten

Linksverteidiger Joan Capdevila vom FC Villarreal ist laut Oliver "ein sehr solider Verteidiger. Aber alle anderen in der spanischen Mannschaft sind Klasseleute."

Wenn die "Roja" also einen - relativ gesehen - schwächeren Spieler habe, dann sei es Capdevila.

Der 32-Jährige hat sich im bisherigen Turnierverlauf zwar noch keine gravierende Blöße gegeben, gilt aber als nicht mehr der Schnellste.

Müller wäre wohl genau der richtige Mann gewesen, um daraus Kapital zu schlagen. Doch der Münchner fehlt gesperrt (Der WM-Spielplan).

Vom Spielertyp hätte von den drei möglichen Vertretern wohl besonders Cacau die passende Spurtstärke und den nötigen Tordrang, um Capdevila in Verlegenheit zu bringen.

Aber auch Toni Kroos und Piotr Trochowski verfügen dank ihrer Technik über das Rüstzeug, gemeinsam mit Lahm Spaniens linke Abwehrseite aufzureißen.

"Piquenbauers" Ausflüge nutzen

Findet Spaniens Innenverteidiger Gerard Pique keine Anspielstation im defensiven Mittelfeld, macht er sich selbst mit dem Ball am Fuß auf den Weg nach vorne.

Weil er dabei immer den Kopf oben behält, erinnert der Bewegungsablauf des 1,92-Meter-Mannes vom FC Barcelona an die Spieleröffnung Franz Beckenbauers. Daher der Spitzname "Piquenbauer".

Normalerweise ergibt sich durch Piques Antritt eine neue Spielsituation und er findet einen Adressaten für sein Zuspiel.

"Verliert Spanien aber in den nächsten paar Sekunden den Ball, wird es brenzlig", sagt Oliver.

"Denn dann verteidigen Carles Puyol und Pique nicht auf einer Linie. Ein Diagonalpass, und weg ist der Angreifer."

Hitzfeld sieht noch einen anderen Grund, warum Spaniens Abwehrzentrale eine Problemzone sein könnte:

"Es können sich Lücken auftun, wenn Piqué oder Puyol auf Miroslav Klose gehen. Dann ist in der Mitte für Özil der Weg zum Tor frei."

Es gibt sie also, die wunden Punkte bei der besten Nationalmannschaft der letzten Jahre. Nun gilt es, das Wissen darum zu nutzen.

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