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Robin van Persie erzielte bislang in 48 Länderspielen 19 Tore für die Niederlande © getty

Bert van Marwijk ergreift Maßnahmen gegen die niederländische Krankheit und ernennt Brasilien zum Favoriten für das Viertelfinale.

Von Matthias Becker

München - Vier Spiele, vier Siege - und jetzt im Viertelfinale gegen Rekordweltmeister Brasilien. (WM-Spielplan)

Eigentlich müsste bei der niederländischen Nationalmannschaft eitel Sonnenschein herrschen.

Doch nach dem 2:1 (1:0) im WM-Achtelfinale gegen die Slowakei sorgen die Lippen von Robin van Persie weiter für Aufregung.

Von diesen wollen Lippenleser bei seiner Auswechslung gegen die Slowaken in der 80. Minute die Worte: "Du musst Sneijder auswechseln", abgelesen haben.

Adressat des Wutausbruchs: Bondscoach Bert van Marwijk.

Van Persie entschuldigt sich

Der beeilte sich nach der Partie die Wogen zu glätten. "Robin war über den Wechsel enttäuscht. Das darf so sein", sagte der frühere Coach von Borussia Dortmund.

Wesley Sneijder - nach van Persies Auswechslung Schütze des vorentscheidenden 2:0 - nahm den Kollegen sogar in Schutz: "Das kann er doch sagen. Wir haben Meinungsfreiheit."

Van Persie versicherte: "Ich habe keinen Namen genannt. Ich ärgerte mich, weil ich gegen die Slowakei kein Tor gemacht habe." Am Mittwoch erklärte er, dass er sich für sein Verhalten "bei Mannschaft, den Trainern und Betreuern entschuldigt" habe.

Mannschaftssitzung in der Kabine

Van Marwijk reagierte sensibel auf die Ereignisse.

"Auf dem Rückflug von Durban nach Johannesburg habe ich zuerst mit Robin und dann mit Wesley gesprochen. Anschließend habe ich alle Spieler zusammengerufen", sagte er dem TV-Sender "NOS".

Über den Inhalt wollte er sich nicht näher äußern, sondern erklärte lediglich, die Probleme seien aus der Welt geschafft:

"Das ist auch gut so, denn wir stehen vor einem wichtigen Spiel. Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn da mal was passiert. Aber manchmal muss ich auch eingreifen".

Allerdings gibt es eine Vorgeschichte zum möglichen Disput mit van Persie.

Zu seiner Zeit als Cheftrainer von Feyenoord Rotterdam hatte van Marwijk das Talent van Persie wegen fehlender Disziplin von der ersten in die zweite Mannschaft degradiert.

Skandalträchtige Geschichte

Dass der Bondscoach auf die objektiv betrachtet recht harmlose Entgleisung van Persies so sensibel reagiert, hat seinen Ursprung auch in der niederländischen Geschichte bei großen Turnieren seit dem EM-Triumph 1988.

Bei der EM 2008 gerieten sich van Persie und Sneijder bei der Viertelfinale-Niederlage gegen Russland über die Ausführung eines Freistoßes in die Haare.

Bei der WM 2006 kam es zum Krach zwischen dem damaligen Nationaltrainer Marco van Basten und den Routiniers Mark van Bommel, Edgar Davids, Clarence Seedorf und Ruud van Nistelrooy.

In den Schatten gestellt wurde das alles nur von der Mannschaft, die bei der EM 1996 als Mitfavorit im Viertelfinale im Elfmeterschießen an Frankreich scheiterte und in der die weißen und die dunkelhäutigen Spieler tief zerstrittenen waren.

Davids musste sogar frühzeitig die Heimreise antreten, weil er den damaligen Nationaltrainer Guus Hiddink angegriffen hatte.

Van Maarwijk ernennt Brasilien zum Favoriten

Solch negative Energie kann van Marwijk in seiner Mannschaft nicht gebrauchen. Vor allem, weil diese trotz der Erfolge in Südafrika in der Heimat noch keine Begeisterung auslöst.

Fans und Medien murren, weil Oranje zwar gewinnt, aber dabei nicht unbedingt etwas für das Auge bietet.

"Warum konzentrieren wir uns immer aufs Schönspielen, aber nicht aufs Gewinnen?", hatte van Marwijk schon vor dem Turnier gefragt.

Eine Frage die sich neben ihm nur sein brasilianischer Kollege Dunga häufiger anhören muss.

Vielleicht schiebt van Maarwijk den Brasilianern vor dem Giganten-Duell am Freitag in Port Elizabeth (ab 15.30 Uhr im LIVE-TICKER) deshalb die Favoritenrolle zu.

"In diesem Spiel sind wir zum ersten Mal in Südafrika die Underdogs", freute sich der Niederländer, stellte aber klar: "Wir sind nur aus einem Grund hier - um den Titel zu gewinnen."

Zagallo warnt vor Niederlanden

Mario Zagallo, als Spieler und Trainer mit Brasilien Weltmeister traut der "Elftal" das zu.

1994 hatte Zagallo mit der "Selecao" im WM-Viertelfinale gegen die Niederländer 3:2 gewonnen, nachdem der Gegner zuvor ein 0:2 wettgemacht hatte und auf der Siegerstraße schien.

Anschließend gewannen die Brasilianer die WM. 1998 kam es zu einem denkwürdigen Halbfinalduell, dass die Brasilianer schließlich im Elfmeterschießen für sich entschieden.

"Holland hat immer gezeigt, dass es ein schwerer Gegner für uns ist", sagte Zagallo.

Bei der WM 1974, hatte die Elftal um "König Johan" Cruyff mit einem 2:0 in der zweiten Finalrunde die brasilianischen Hoffnungen auf eine erfolgreiche Titelverteidigung zerstört.

Cruyff ätzt gegen Selecao

Ausgerechnet Cruyff nutzt nun die Gelegenheit, auf die Brasilianer loszugehen. "Wo ist das Brasilien, das wir alle kennen?", fragt er im "Daily Mirror" und ätzt:

"Ich glaube nicht, dass im Moment irgendein Zuschauer Geld dafür bezahlen würde, um sie spielen zu sehen. Ich würde nichts für ein Ticket bezahlen."

Gleiches werden viele auch von der Oranje-Auswahl behaupten. Aber die hat zur Zeit ja andere Probleme.

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