vergrößernverkleinern
Diego Maradona nahm als Spieler an vier Weltmeisterschaften teil © getty

Der frühere HSV-Star Rodolfo Esteban Cardoso setzt im SPORT1-Interview auf einen Sieg Argentiniens gegen Deutschland.

Von Mathias Frohnapfel

München - Selbstverständlich ist Rodolfo Esteban Cardoso ein ausgemachter Fußballexperte:

Er hat 220 Bundesligaeinsätze unter anderem für Werder, den HSV und Freiburg absolviert. Acht Mal lief er sogar für die argentinische Nationalelf auf.

Und als Coach der Regionalliga-Mannschaft des HSV weiß Cardoso ebenso Bescheid, wenn es ums Pressing, Forechecking und andere taktische Vorgaben geht.

Doch der Argentinier ist auch Fußballfan - beonders zu WM-Zeiten (DATENCENTER: WM-Viertelfinale).

Der 41-Jährige kehrte am Dienstag aus seinem Heimatland zurück, in Südamerika hat er die Begeisterung um die Albiceleste hautnah erlebt.

Im SPORT1-Interview schildert er vorm Viertelfinal-Duell mit Deutschland (Sa., ab 15.30 Uhr im LIVE-TICKER) die Vorzüge der neuformierten Mannschaft und den Einfluss von Maradona. Allerdings gibt er zu, dass auch Argentiniens Starteam Schwächen besitzt.

SPORT1: Herr Cardoso, Sie leben seit 1989 in Deutschland, nun spielt Ihr Heimatland wieder in einem WM-Viertelfinale gegen das DFB-Team. Sind Sie schon etwas aufgeregt?

Cardoso: Ich freue mich auf das Spiel und hoffe natürlich, dass Argentinien es diesmal schafft. Ich habe Deutschland viel zu verdanken, aber Argentinien ist nun mal mein Land.

SPORT1: Also hat aus Ihrer Sicht Argentinien die besseren Chancen?

Cardoso: Deutschland und Argentinien sind große Fußballnationen, die beide Geschichte geschrieben haben. Leider treffen sie im Turnier zu früh aufeinander. Wenn man davon ausgeht, was man bisher von den beiden Teams gesehen hat, wird es ein attraktives Spiel. Schon deshalb weil ja der Verlierer nach Hause fliegt.

SPORT1: Wie bewertet man in Argentinien die deutsche Mannschaft?

Cardoso: Das ist eine deutsche Mannschaft, wie man sie lange nicht gesehen hat. Sie spielt guten Fußball mit schnellen Kombinationen, bei denen der Ball auf dem Boden bleibt. Die Deutschen sind auch torgefährlich. Die Argentinier haben Respekt vor Deutschland. Einfach wird das nicht! Deutschland hat aus dem England-Spiel sehr viel Selbstvertrauen gezogen.

SPORT1: Wundert man sich in Argentinien darüber, dass das deutsche Spiel sich jetzt durch viel Kreativität auszeichnet?

Cardoso: Ich glaube, dass es nach der Generation von Matthäus, Häßler, Völler und Klinsmann einen Bruch gab. Die Deutschen haben dann keine schönen Turniere gespielt. Die neue Generation tut Deutschland gut. Bei dieser WM haben sie auch mit den jungen Leuten begeistert.

SPORT1: Gefällt Ihnen dieses langfristige Konzept auch als Trainer gut?

Cardoso: Alle Trainer wollen schönen Fußball spielen und erfolgreich sein. Das ist klar. Bei dieser WM haben sich auch bisher die Teams durchgesetzt, die nach vorne mehr investiert haben. Dafür braucht man auch die passenden Spieler, sonst klappt das nicht.

SPORT1: Die scheinen im Moment vorhanden zu sein.

Cardoso: Bei Deutschland haben einige Spieler wie Thomas Müller und Mesut Özil einen Schritt nach vorn gemacht. Lukas Podolski hat in der Nationalmannschaft anders als in Köln wieder überragend gespielt. Das ist ein junges Team mit einem großen Potenzial und einer extra Motivation. Die sind gefährlich.

SPORT1: Wie gehen die Argentinier in das Spiel? Denken sie an eine Revanche für 2006? (Der SPORT1-WM-Spielplaner)

Cardoso: Es ist schwer zu sagen, was im Kopf der Spieler vorgeht. 2006 ist Geschichte. Zuletzt sind wir immer im Viertelfinale ausgeschieden, doch bei dieser WM haben wir jetzt mehr Möglichkeiten, was die Spieler betrifft. Die Spielweise ist außerdem sehr attraktiv. In der Offensive hat Argentinien viele Variationsmöglichkeiten.

SPORT1: Wie sehen Sie die Rolle von Nationaltrainer Diego Maradona?

Cardoso: Er spielt eine große Rolle. Viele haben ihn kritisiert, gesagt, er hat keine Ahnung. Doch Maradona hat dieser Mannschaft sehr gut getan.

SPORT1: Warum?

Cardoso: Er lebt Fußball, er ist ein etwas verrückter Typ und nimmt Druck von der Mannschaft. Denn alles fokussiert sich auf Maradona, was er macht und sagt. Maradona gibt aber den Spielern das Gefühl, dass am Ende sie die Stars sind und nicht der Trainer. Solche Superstars wie im Team von Argentinien brauchen auch manchmal einen Trainer, der nicht nur die ganze Zeit über den Kopf und die Psyche spricht. Er bringt die Mannschaft in Stimmung und motiviert sie. Das macht er im Moment ganz gut, sie haben Spaß am Fußball.

SPORT1: Wie blickt man in Argentinien auf Maradonas Wirken als Chefcoach?

Cardoso: Als Trainer hat er der Mannschaft ganz gut getan. Ich komme ja gerade aus Argentinien, dort habe ich die Euphorie der Leute erlebt. Man sieht, dass eine Mannschaft auf dem Platz ist, obwohl es so viele Stars gibt. Nur über die Mannschaft gibt es Erfolge, wenn jeder für den anderen da ist.

SPORT1: Wo liegen die Schwächen der argentinischen Mannschaft?

Cardoso: Die Argentinier haben ein Problem, wenn sie den Ball nicht schnell am Fuß haben, und vielleicht Messi oder Tevez nicht so ins Spiel finden. Martin Demichelis ist bisher in der Verteidigung ein Schwachpunkt. Er hat schon einige Fehler gemacht, die auch zu Toren führten. Aber viele Schwächen sehe ich im argentinischen Team nicht. 256788(DIASHOW: Tops und Flops WM Achtelfinale)

SPORT1: Wenn es wieder zum Elfmeterschießen kommen sollte: Hat Argentinien diesmal bessere Nerven?

Cardoso: Es ist eine total andere Mannschaft als vor vier Jahren. Elfmeter kann man trainieren, so lange man möchte, der Moment ist entscheidend. Dann spielt es keine Rolle, ob du im Training 100 Elfmeter reingemacht hast. Ich denke aber, dass Argentinien jetzt bessere Schützen hat als 2006.

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel