vergrößernverkleinern
Der Moment der Entscheidung: Sneijder (r.) trifft zum 2:1 © getty

Die Selecao dominiert lang das Spielgeschehen und geht verdient in Führung. Doch ein Eigentor und Sneijders Kopf bringen die Wende.

Port Elizabeth - Oranje obenauf, Brasilien am Boden:

Die Niederlande habe den Rekordweltmeister schockiert und träumen mehr denn je von ihrem ersten WM-Titel.

Trotz phasenweiser Feldüberlegenheit der Selecao und eines frühen Gegentreffers setzten sich die Elftal im Viertelfinale mit 2:1 (0:1) durch, hatten dabei aber unfreiwillige Mithilfe ihrer Gegenspieler.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel hatte Unglücksrabe Felipe Melo, der später auch noch die Rote Karte sah (73.), das bis dahin offensiv fast hilflose Oranje mit einem Eigentor (53.) wieder ins Spiel gebracht.

Wesley Sneijder (68.) führte den zweimaligen WM-Finalisten mit dem Siegtor schließlich ins Halbfinale. Dort wartet Uruguay, das Ghana im Elfmeterschießen bezwang.

Robinho hatte für Brasilien den Führungstreffer erzielt (10.), anschließend spielte die Selecao weiter nach vorne.

Dann kam die überraschende Wende. Der Rekordweltmeister muss sich den Traum vom sechsten Titel 2014 nun im eigenen Land erfüllen.

Dunga rechnet mit Trennung

Nicht nur Sneijder war nach dem Abpfiff überglücklich. "Fantastisch", rief der "Man of the Match" ins Mikrofon, "für die ganze Niederlande und alle unsere Fans, die hier sind! Wir stehen unter den letzten Vier und haben Brasilien geschlagen. Jetzt müssen wir unsere einzigartige Chance nutzen."

Sein Coach war vor allem mit der Leistungssteigerung der Mannschaft zufrieden. "In der zweiten Halbzeit haben wir dann gezeigt, dass wir mental sehr stark sind", sagte Bert van Marwijk und belohnte seine Spieler: "Heute Abend wird gefeiert. Ab morgen konzentrieren wir uns dann voll auf das nächste Spiel."

Sein Gegenüber Dunga rechnet nach der Enttäuschung fest mit seiner Entlassung. "Nach den Resultaten der letzten vier Jahren und der Verfassung der Spieler hätten wir mehr erreichen müssen. Man wusste vom Beginn meiner Arbeit an, dass es vier Jahre sein werden."

Sneijder der entscheidende Mann

Zunächst hatte es danach ausgesehen, dass die Brasilianer Oranje vor 40.186 Zuschauern eine Lehrstunde erteilen würden. Aggressiv, offensiv und im Abschluss eiskalt präsentierte sich die Selecao zu Beginn der ersten Halbzeit.

Der Bruch kam mit dem Ausgleich, den Julio Cesar mitverschuldete: Der Torwart vom Champions-League-Sieger Inter Mailand war nach einer Flanke von Sneijder übermotiviert herausgekommen, Felipe Melo verlängerte mit dem Hinterkopf - 1:1.

Sneijder stürzte die Niederlande dann mit einem Kopfballtor in einen Freudentaumel.

Mathijsen muss passen

Das Team von Trainer Bert Marwijk hatte noch vor dem Anpfiff eine schlechte Nachricht ereilt. Innenverteidiger Joris Mathijsen vom Hamburger SV erlitt beim Aufwärmen eine Knieverletzung und musste auf einen Einsatz verzichten.

Mathijsens Platz nahm Andre Ooijer von der PSV Eindhoven ein - eine Umstellung, die sich schon bald bemerkbar machen sollte.

Traumpass von Melo vor dem 1:0

Der Beginn der Begegnung im Stadion "Nelson Mandela Bay" in Port Elizabeth war erstaunlich hitzig, die Brasilianer besannen sich als erste auf den Fußball - und die nicht eingespielte Innenverteidigung der Niederländer.

Nach einem zu Recht nicht gegebenen Abseitstreffer von Robinho (7.) nahm Felipe Melo Oranjes Abwehr mit einem Zauberpass auseinander - wieder traf Robinho (10.), diesmal zählte der Treffer.

Die recht forsche Gangart des Rekordweltmeisters schien den Niederländern, zunächst überhaupt nicht zu behagen. Dirk Kuyt sorgte mit seinem Schuss aus spitzem Winkel, den Brasiliens Torhüter Julio Cesar zur Ecke lenkte, für Aufregung (11.), ansonsten aber war die Selecao die dominierende Mannschaft.

Stekelenburg verhindert höheren Rückstand

Brasilien überzeugte immer wieder mit Diagonalpässen, mit der die Abwehr der Niederländer auseinandergerissen wurde. Oranje wirkte ohne die tragende Säule Mathijsen im Defensiv-Verhalten fast kopflos und hatte Glück, dass der ehemalige Leverkusener Juan (25.) aus fünf Metern knapp über das Tor zielte.

Kaka (31.) fand mit einem schönen Schlenzer von der Strafraumgrenze im ausgezeichneten Torhüter Maarten Stekelenburg seinen Meister.

Siegtor nach einem Eckball

Die Niederlande wussten sich phasenweise nur mit sehr harten Fouls zu helfen. Doch auch dies half zunächst nicht, denn Brasilien kombinierte weiter ausgezeichnet. In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit lenkte Stekelenburg einen Schuss Maicons ans Außennetz.

Nach dem Ausgleich aus dem Nichts, dem ersten brasilianischen Eigentor im 97. WM-Spiel, kam die Selecao ins Grübeln. Nur Dani Alves gab nach dem 1:1 noch einen gefährlichen Schuss ab (61.).

Die Holländer waren nun auf Augenhöhe und setzten nach. Einen Eckball Robbens verlängerte Kuyt, Sneijder erzielte eines der wenigen Kopfballtore in seiner Karriere. Julio Cesar war diesmal ohne Chance.

Melo tritt Robben

Anschließend rannte Brasilien an, doch es kam noch dicker: Felipe Melo verlor die Nerven und sah die Rote Karte. Der Mittelfeldspieler trat Robben erst zweimal in die Beine und dann mit voller Absicht auf den Oberschenkel.

Die Niederlande hielten die hochkarätig besetzte Offensive des Gegners danach in Schach, versäumten es aber, teils glasklare Konterchancen besser auszuspielen.

Robben blickte nach den ersten Jubelarien sogar schon voraus. "Wir sind nicht hier, um nur ins Halbfinale zu kommen. Wir haben einen der WM-Favoriten rausgeworfen. Aber jetzt fängt es erst richtig an."

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel