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Carlos Dunga führte Brasilien 1994 als Kapitän zum WM-Titel © imago

Nach Brasiliens Viertelfinal-Aus bündelt sich der Volkszorn auf dem Coach und Unglücksrabe Melo. Dunga verkündet seinen Abschied.

Von Martin Hoffmann

München/Port Elizabeth- Carlos Dunga ließ sich nur kurz seine Emotionen anmerken.

Blass, sichtlich erschüttert und mit einem Kopfschütteln wandte er sich nach dem Schlusspfiff vom Spielfeld ab.

Kurze Zeit nach Brasiliens Viertelfinal-Aus durch die 1:2-Niederlage gegen die Niederlande war der Selecao-Coach zurück zu seinem kontrollierten Selbst.

Äußerlich völlig gefasst verkündete der 46-Jährige das, was zu erwarten war: Dass es für ihn nicht weitergehen würde.

Kaka weint hemmungslos

"Ich wusste von Beginn meiner Arbeit an, dass es vier Jahre sein werden", erklärte Dunga in der Pressekonferenz.

Mehr wären es auch nicht geworden, wenn er gewollt hätte:

Die emotionale Woge aus Enttäuschung, Trauer und Wut, die sein Land nun erfasst, hätte Dunga aus dem Amt gespült.

Bei Kapitän Lucio überwog die Wut, mit der er nach Abpfiff die Spielführerbinde wegpfefferte.

Bei Ex-Weltfußballer Kaka war es die Trauer: Er weinte hemmungslos.

"Die Niederlage schmerzt sehr, viel mehr als die bei der WM 2006. Viel mehr. Mir fällt es schwer zu sprechen. Der Schmerz ist zu groß", sagte Kaka.

Er war nicht allein mit seinem Kummer:

"In der Kabine haben alle geheult. Wir waren uns doch so sicher. Es bleibt eine große Traurigkeit zurück", berichtete Keeper Julio Cesar.

"Angekündigter Tod"

Genauso geschockt und fassungslos nahmen die brasilianischen Fanmassen vor Ort und in der Heimat das jähe Aus auf.

Und die Medien starteten umgehend das Scherbengericht für das System Dunga.

Sein Abtritt sei "das Mindeste, was die Leute erwarten können", schrieb die Zeitung "O Dia". Von der "Chronik eines angekündigten Todes" sprach "O Globo".

Rechtfertigungsgrundlage zerbröckelt

Dunga hatte das Team nach seinem Bilde geformt: Als kompaktes, nüchternes, ergebnisorientiertes Kollektiv - ohne wankelmütige Künstler wie Ronaldinho und Adriano.

Ein Bild, das wenig zu tun hatte mit dem "Jogo Bonito", dem schönen Spiel, mit dem die Selecao jahrzehntelang die Fußballwelt begeistert hatte.

Fans, Medien und Experten missfiel der neue Stil. Dunga rechtfertigte ihn immer wieder damit, dass dem Resultat alles unterzuordnen wäre.

Im Moment, in dem das erwünschte Resultat verfehlt war, zerbröckelte die Rechtfertigungsgrundlage des einstigen VfB-Stuttgart-Kapitäns vor der kritischen Öffentlichkeit.

Fans beschimpfen, Spieler würdigen Dunga

"Burro!" schimpften dann auch gleich erboste Selecao-Fans in Dungas Richtung - wahlweise übersetzbar als "Esel", "Dummkopf", "Narr" oder "Rindvieh".

Das Team selbst allerdings stellte sich in Dungas schwerster Stunde hinter den Coach.

"Du hast es geschafft, eine Gruppe von Freunden, von Brüdern zu formen. Wir wollten so sehr diesen Titel für dich gewinnen", erklärte Julio Cesar beim Dinner vor dem Rückflug unter dem Applaus der Kollegen.

Dungas Antwort: "Es war mir eine Ehre, mit euch zu arbeiten. Ihr könnt sicher sein, dass ich auf euch stolz bin."

Scolari? Leonardo?

Außerhalb der verschworenen Teamgemeinschaft beginnen die Spekulationen über Dungas Nachfolger.

Gehandelt werden Luiz Felipe Scolari, der Weltmeister-Coach von 2002, Ex-Milan-Coach Leonardo und Mano Menezes von Pokalsieger Corinthians Sao Paulo.

Sündenbock Melo

Fraglich ist, ob der als Dunga-Liebling verschriene Unglücksrabe Felipe Melo unter einem neuen Nationalcoach eine Zukunft hat.

Sein Eigentor - an dem Torwart Julio Cesar aber mehr Schuld hatte als er - und die Rote Karte prädestinieren ihn für die Rolle als Sündenbock.

Schon auf dem Weg in die Katakomben wurde der Defensivmann von Juventus Turin von den eigenen Anhänger aufs Übelste beschimpft.

Polizisten hielten aufgebrachte Anhänger mit Mühe von dem 26-Jährigen fern.

Ronaldo-Rat via Twitter

Melo empfindet es als ungerecht, dass er nun der Prügelknabe ist.

"Ich bin nicht der Alleinschuldige, wir sind eine Gruppe. Ich habe meinen Anteil an der Schuld, wie jeder andere auch. Wir haben zusammen versagt", meinte er.

Melo sah auch nicht ein, dass sein Platzverweis nach Tätlichkeit gegen Arjen Robben gerechtfertigt war:

"Ich habe ihn nicht ins Gesicht geschlagen oder auf ihn gespuckt. Ich musste auf den Ball treten, um ihn aus Robbens Füßen zu schlagen."

Fraglich, ob er mit solchen Entschuldigungen in der Heimat durchdringt.

"Felipe Melo sollte besser seine Ferien nicht in Brasilien verbringen", rät ihm via Twitter WM-Rekordtorschütze Ronaldo.

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