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Nach dem Spiel um Platz drei ließ sich das DFB-Team in Berlin feiern © imago

Die Weltmeisterschaft 2006 war ein gelungenes Fest. Die deutsche Mannschaft setzte Maßstäbe auf dem Platz, die Fans daneben.

München - Das Sommermärchen Fußball-WM hat das Land der Dichter und Denker grundlegend verändert.

Die XVIII. Weltmeisterschaft, die zweite WM-Endrunde nach 1974 in Deutschland, ging als triumphaler Erfolg in die deutsche Sportgeschichte ein.

Am 9. Juli 2006 wurde die deutsche Nationalmannschaft nach dem 3:1 gegen Portugal im Spiel um Platz drei auf der Berliner Fan-Meile von einer halben Million Fans als "Weltmeister der Herzen" gefeiert.

Es war der emotionale Höhepunkt des Großereignisses, das Millionen während der vier Wochen in seinen Bann gezogen hatte.

Werbung für Deutschland

"Auch wenn Deutschland nicht im Finale stand, hat es schon gewonnen, denn es hat die beste WM aller Zeiten ausgerichtet und die Nation in dieser Anstrengung vereint", hatte der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan das Turnier der Superlative gelobt, das Deutschland 31 Tage lang in einen Fußball-Rausch versetzt hatte.

Die WM lieferte den Beweis dafür, dass auch die Deutschen euphorisch, ausgelassen und vor allem friedlich feiern können.

"Es hat alles gepasst. Bei den Fanfesten haben unterschiedliche Rassen, Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Religionen nebeneinander gestanden. So stellt sich der Liebe Gott die Welt vor, auch wenn wir in der Realität noch 100.000 Jahre davon entfernt sind", resümierte der deutsche WM-OK-Präsident Franz Beckenbauer.

"Die Welt zu Gast bei Freunden"

"Die Welt zu Gast bei Freunden" - wohl noch nie wurde ein WM-Motto so überzeugend umgesetzt.

Freundlichkeit, Fröhlichkeit und Kreativität wurden aller Orten gelebt. Weit über 32 Milliarden TV-Zuschauer weltweit nahmen Notiz von der größten Image- und Werbekampagne, die Deutschland je erlebt hat.

"Es war eine brillante Organisation und eine hervorragende WM. Es war die beste Weltmeisterschaft", resümierte DOSB-Präsident Thomas Bach.

Beckenbauer baut sich Denkmal

"Kaiser Franz" Beckenbauer hat sich dabei als Macher der WM 2006 in Deutschland endgültig unsterblich gemacht, nachdem er als Kapitän der Weltmeistermannschaft von 1974 und Teamchef der Weltmeistertruppe von 1990 schon markante Triumphe vorzuweisen hatte.

Die Art und Weise, wie die WM organisiert und durchgeführt wurde, setzte Maßstäbe. "Alles hat gepasst", bilanzierte Beckenbauer und wies auch auf das Wetter hin:

"Mit dem Eröffnungsspiel ist der Sommer eingezogen, nachdem wir vorher noch im Wintermantel rumgelaufen sind und die Schneefallgrenze bei 800 Metern lag."

Euphorie im Gastgeberland

Sicherlich auch ein Mosaiksteinchen im deutschen WM-Erfolgsgefüge.

Ein weiteres wichtiges war das Auftreten der deutschen Nationalmannschaft.

Die Ankündigung von Bundestrainer Jürgen Klinsmann bei seinem Amtsantritt knapp zwei Jahre zuvor ("Wir wollen Weltmeister werden") war keine hohle Phrase.

Mit begeisterndem Offensiv-Fußball lösten Ballack und Co. nie erwartete Euphoriewellen von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen aus.

Merkel wird zum Fan

Selbst das Halbfinal-Aus gegen Italien, der zerstörte Traum vom vierten WM-Triumph, war kein Beinbruch.

Bundespräsident Horst Köhler sprach den deutschen Anhängern mit seinem Fazit aus der Seele: "Es hat nicht gereicht - aber Sie haben sich trotzdem in die Herzen der Deutschen gespielt."

Auch Kanzlerin Angela Merkel wurde während des deutschen Sommermärchens zum richtigen Fußball-Fan und empfing eine Abordnung der DFB-Auswahl im Bundeskanzleramt.

"Sie haben sich um Deutschland unendlich verdient gemacht", lobte Merkel. Das Auftreten der Nationalmannschaft habe Vorbildcharakter.

Die "Klinsmänner" sorgten im ganzen Land für eine Aufbruchsstimmung, die man den Deutschen als ständigen Nörglern und Pessimisten kaum noch zugetraut hatte.

Investitionen zahlen sich aus

Auf der Berliner Fan-Meile werden sich die Klinsmann-Stars am Sonntag gebührend von den Anhängern verabschieden und für die Unterstützung bedanken. Die Milliarden-Investitionen in die WM erwiesen sich als gut angelegt.

Für 1,5 Milliarden Euro wurde zwölf Stadien neu gebaut oder renoviert, 3,7 Milliarden Euro flossen in die Infrastrukturmaßnahmen.

Das ursprünglich auf 430 Millionen Euro kalkulierte Budget des deutschen WM-OK wurde dank der nahezu 100-prozentigen Stadionauslastung um 20 Millionen übertroffen. Aber auch der Bund profitierte im Gegenzug.

Die WM schafft Arbeitsplätze

"Wir haben 40 Millionen Euro an Mehrwertsteuer bezahlt, 7,4 Millionen an Lohnsteuer und 6,5 Millionen an Sozialversicherung. Und wir haben die Forderung unseres Ehren-Präsidenten Egidius Braun erfüllt, für die Finanzierung der WM keine Steuergelder in Anspruch zu nehmen", sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger.

Insgesamt waren durch die WM 85.185 Arbeitsplätze geschaffen worden.

Darüber hinaus verlief die WM trotz großer Befürchtungen im Vorfeld in punkto Sicherheit reibungslos.

Das Konzept ging 100-prozentig auf, die Zusammenarbeit mit ausländischen Polizei-Delegation funktionierte reibungslos. Englische und polnische Hooligans wurden frühzeitig aus dem Verkehr gezogen.

Deutschland setzt Maßstäbe

Die meisten Probleme bereiteten einige wenige deutschen Randalierer, aber auch dieser Splittergruppen konnten die gute WM-Stimmung nicht trüben.

Sportlich allerdings blieb die WM 2006 ein wenig hinter den Erwartungen zurück. Demonstrationen wie das 6:0 von Argentinien gegen Serbien und Montenegro blieben die Ausnahme.

Immerhin gehörten die Deutschen zu denen, die den offensivfreudigsten und attraktivsten Fußball zeigten.

Die Weltmeisterschaft lebte von den Emotionen, der Spannung. Fußballerisch stand sie nicht auf hohem Niveau", bilanzierte UEFA-Präsident Michel Platini:

Zidan sogt für "Höhepunkt"

"Es fehlten die Überraschungen, die Entdeckungen. Alle Spieler, auch die aus Argentinien oder Brasilien, stehen bei europäischen Spitzenvereinen unter Vertrag, spielen in der Champions League. Man kennt sich."

Im Endspiel am 9. Juli 2006 standen sich im Berliner Olympia-Stadion Italien und Frankreich gegenüber.

Die Squadra Azzurra holte sich durch ein 5:3 im Elfmeterschießen (1:1 nach Verlängerung) zum vierten Mal nach 1934, 1938 und 1982 den Titel.

Für den unrühmlichen Höhepunkt im Finale sorgte allerdings Frankreichs Kapitän Zinedine Zidane, der nach einem Kopfstoß gegen Marco Materazzi (110.) in seinem letzten Spiel als Profi die Rote Karte sah und noch vor der Entscheidung in den Katakomben des Olympiastadions verschwand.

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