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Italiens Trainer Vittorio Pozzo konnte 1938 den zweiten Weltmeistertitel feiern © getty

Die Zwangsmixtur mit Wiener Spielern lässt Deutschland 1938 früh scheitern. Reichstrainer Nerz schmeißt schon vorher hin.

München - Der 9. Juni 1938 war ein schwarzer Tag in der deutschen Fußball-Geschichte: Die Nationalmannschaft schied bei der WM in Paris schon in der Vorrunde aus.

Nach einem 1:1 gewann die Schweiz das Wiederholungsspiel mit 4:2 und warf damit den heimlichen Favoriten "Großdeutschland" vorzeitig aus dem Rennen.

Zehn Tage später schlug Titelverteidiger Italien an gleicher Stelle im Finale Ungarn ebenfalls mit 4:2 und war damit zum zweiten Mal Weltmeister. (Der WM-Spielplan)

Trainer Vittorio Pozzo und Kapitän Giuseppe Meazza aus der berühmten Squadra Azzurra waren die Lieblinge jenseits der Alpen.

Katastrophe für die Nazis - auch Schmeling verliert

Die Schlappe von Paris wurde im von den Nazis aus politischen Gründen aufgepäppelten Spitzensport spätestens 13 Tage später zur Katastrophe.

Das Box-Idol Max Schmeling wurde in New York von Joe Louis bei der Revanche in nur 124 Sekunden aus dem Ring gefegt.

Bei der WM-Auslosung im Uhrensaal des französischen Außenministeriums am Pariser Quai d'Orsay erhielt Deutschland für die Vorrunde die Schweiz als Gegner, Österreich sollte gegen Schweden spielen.

Ereignisse überschlagen sich

Eine Woche später verkündete Hitler nach dem Einmarsch am 13. März in Wien das "Großdeutsche Reich". Zwangsläufig musste Österreichs Fußball-Präsident Eberstaller am 28. März der FIFA per Einschreiben die Auflösung seines Verbandes mitteilen.

Am 3. April befahl Reichssportführer von Tschammer-Osten im Wiener Praterstadion ein Spiel zwischen "Altreich" und neuer "Ostmark", das mit einem umjubelten 2:0 für die gastgebenden Wiener endete.

Am 1. Mai beschloß die FIFA nach dem Ausfall von Österreich, Vorrundengegner Schweden kampflos für die nächste Runde zu qualifizieren.

Deutsch-österreichisches Team

Gleichzeitig verlegte der Weltverband das Spiel Deutschland gegen die Schweiz ohne Angabe von Gründen von Straßburg nach Paris.

Einen Tag später begann in Duisburg das WM-Trainingslager für die deutsche Nationalmannschaft. Unter den 38 Spielern waren 13 aus Wien.

Vermisst wurden Karl Sesta und Matthias Sindelar, die in Wien mit ihren Toren für den Sieg über das "Altreich" gesorgt hatten.

Nerz wirft hin - wegen Hitler?

Es fehlten auch die verletzten Stürmer Adolf Ala Urban aus Schalke und Helmut Schön aus Dresden.

Dieser hatte ein halbes Jahr zuvor bei seinem Länderspiel-Debüt zwei herrliche Tore gegen Schweden erzielt, musste während der WM aber mit einer schweren Meniskusverletzung pausieren.

Am 12. Mai der nächste Paukenschlag jener turbulenten Wochen:

Herberger muss übernehmen

Reichstrainer Professor Dr. Otto Nerz verzichtete aus persönlichen Gründen auf eine weitere Betreuung der Nationalmannschaft und überließ Sepp Herberger allein das Feld.

Die Spatzen pfiffen von den Dächern, dass Hitler es Nerz nie vergessen hatte, dass das einzige vom Führer auf der Tribüne erlebte Fußball-Spiel 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin mit der Riesenpleite von 0:2 gegen Norwegen geendet hatte.

So musste Herberger am 14. Mai nur 48 Stunden nach dem Nerz-Rücktritt allein den Kopf für das 3:6 gegen England in Berlin hinhalten.

Keine Harmonie

Das war umso peinlicher, als die Engländer eine Woche später mit der gleichen Mannschaft in Zürich gegen die Schweiz sensationell 1:2 verloren.

Eigentlich hätte das alle in Deutschland warnen müssen, zumal sich in drei Testspielen gegen die britischen Profis von Aston Villa zeigte, wie wenig Deutsche und Wiener fußballerisch in einem Team harmonierten.

Dazu kam noch, dass in Herbergers WM-Aufgebot (13 Deutsche und neun Österreicher) ausgerechnet Sturmtank Franz "Bimbo" Binder von Rapid Wien fehlte, dem man zutraute, die Schweizer alleine zu besiegen.

Kaum Fans wegen Devisenbestimmung

Noch eine Pleite: Hitlers extreme Devisenbestimmungen (nur zehn Mark pro Ausreise) machten allen deutschen Fans die Reise nach Paris unmöglich, nachdem die FIFA das zunächst ausgesuchte Straßburg gestrichen hatte.

Die Schweizer aber schickten Sonderzug auf Sonderzug für Kosten pro Person von 20 Franken gen Paris. Im Prinzenparkstadion hatten die Eidgenossen damit praktisch ein Heimspiel.

Mehr als 20.000 Schweizer feuerten ihre Elf an, die trotz eines 0:2-Rückstandes noch zu einem 4:2-Sieg kam.

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