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Freudentränen nach dem WM-Titel: Pele weint an der Brust von Torwart Gilmar © imago

Das Turnier in Schweden fördert den vielleicht besten Kicker der Geschichte zutage. Ohnehin verzaubert Brasilien die Welt.

München. Beim ersten WM-Triumph der brasilianischen Ballzauberer durch ein 5:2 im Endspiel gegen die gastgebenden Tre-Kronor brillierte ein gewisser Edson Arantes do Nascimento, kurz Pele genannt.

Der schüchterne 17-Jährige, der schon mit 16 Jahren das Nationaltrikot trug, avancierte quasi über Nacht zum Weltstar. (Der WM-Spielplan)

Tage vorher hatte er sich noch vor Heimweh schluchzend ins Bett geworfen.

Trainer Vincente Italo Feola, ein kugelrunder Typ wie Zlatko "Tschik" Cajkovski, musste ihn trösten.

Machtwort von Trainer Feola

Pele war es in Schweden viel zu kalt, er wollte weder spielen noch trainieren, sondern nur nach Hause.

Vor dem entscheidenden Vorrundenspiel gegen die Sowjetunion sprach Feola ein Machtwort: Pele spielte. Und wie: 1958 in Schweden ging sein Stern für alle Welt sichtbar auf, um für Jahrzehnte zu erstrahlen.

Schon 63 Sekunden nach dem Anpfiff krachte sein Schuss aus 25 Metern gegen den Pfosten.

Pele zaubert mit Garrincha

Es folgten sechs Tore in drei Spielen, die Basis zum ersten WM-Titel nach fünf vergeblichen Anläufen der Selecao auf den Titel.

Ganz anders als sein Teamkollege und Paradiesvogel Garrincha.

Der Rechtsaußen mit einem X- und einem O-Bein, ein Geburtsfehler, begeisterte mit Tricks, wie man sie vorher selbst bei einem Sir Stanley Matthews noch nie gesehen hatte.

Tragisches Ende als Alkoholiker

Auch Garrincha wurde zum Weltstar. Jahre später endete er als Alkoholiker in der Gosse - zunächst in der Entziehungsanstalt, schließlich im Armengrab.

1958 aber ließ Brasiliens Sturmreihe mit Garrincha, Vava, Pele und dem späteren Nationaltrainer Mario Zagallo, glänzend in Szene gesetzt vom überragenden Regisseur Didi, die Fußball-Welt mit der Zunge schnalzen:

Das war das Feinste vom Feinsten.

4-2-4-System begeistert die Welt

Das 4-2-4-System des neuen Weltmeisters beherrschte damals die Diskussionen und leitete neue Entwicklungen ein.

Ein sonst sehr nüchterner Experte wie Friedebert Becker, der alle großen Stadien der Welt kannte, ließ sich von der weltweiten Begeisterung anstecken:

"Das war kein Traum, wir sahen das berauschendste Fußball-Schauspiel aller Zeiten!

Tänzelnde Weltherrschaft

Niemals in der Geschichte des modernen Sports demonstrierte eine Mannschaft mit solch souveräner Meisterschaft ihre Weltherrschaft - mehr tänzelnd als spielend.

Die Brasilianer waren die Weltmeister der Balltechnik, der athletischen Geschmeidigkeit, der taktischen Inspiration, aber auch der Fairness.

Dieses Brasilien war zugleich Vorbild für die gesamte Fußballwelt.

Schluss für DFB-Team im Halbfinale

WM-Titelverteidiger Deutschland dagegen scheiterte in Schweden im Halbfinale.

In Göteborg herrschte eine heißblütige Atmosphäre. Fanatische Einpeitscher verwandelten das Stadion mit ihren ?Heja, Heja"-Sprechchören in einen Hexenkessel.

Und Schiedsrichter Istvan Zsolt (Ungarn) ließ sich ganz offenbar davon beeinflussen. Ein klares Handspiel von Nils Liedholm, das zum 1:1 der Schweden führte, übersah der Referee.

Schlägereien und Ressentiments

Dafür aber stellte der ungarische Unparteiische Erich Juskowiak nach einem Revanchefoul vom Platz, an dem sein Gegenspieler Kurt Hamrin mindestens die gleiche Schuld trug.

Zsolt guckte weg, als Sigvard Parling mit einem Tritt das Knie von Fritz Walter traf und damit die internationale Laufbahn des deutschen Kapitäns beendete. So gewann Schweden mit 3:1. Auch nach dem Spiel gab es unschöne Szenen.

Es gab wüste Schlägereien im Stadion und in der Stadt. Überall im Lande pöbelte man deutsche Urlauber an - und umgekehrt auch in Deutschland viele Schweden.

"Schwedenplatte" gestrichen

In mancher Gaststätte wurde zeitweise sogar die "Schwedenplatte" aus dem Angebot gestrichen.

Für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) lehnte Präsident Peco Bauwens, selbst einst begehrter Schiedsrichter in aller Welt, die Einladung des Weltverbandes FIFA zum Endspiel Brasilien gegen Schweden ab und ließ die deutsche Mannschaft nach Hause fliegen.

Zsolt, zuvor in Deutschland gerne gesehen, musste sieben Jahre bis zum nächsten Länderspiel warten.

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