vergrößernverkleinern
Frank Pagelsdorf spielte in der Bundesliga für Bielefeld, Dortmund und Hannover © getty

Frank Pagelsdorf spricht im SPORT1-Interview über das Für und Wider der WM in Katar - und weiß Verblüffendes zu berichten.

Von Martin Hoffmann

München - Eine Fußball-WM in Katar. Bis zum Donnerstag klang das aberwitzig, nun ist es Realität.

Die Turniervergabe an den Wüstenstaat im Jahr 2022 verblüfft auch Kenner des arabischen Fußballs, wie etwa Frank Pagelsdorf(EINWURF: Glaubwürdigkeit in die Wüste geschickt).

Der ehemalige Bundesliga-Trainer in Diensten von Hansa Rostock und des Hamburger SV trainierte mehrere Jahre den Al-Nasr Sports Club in Dubai, auch mit Katar hat er sich in dieser Zeit aus der Nähe beschäftigt: "Ich hatte mal ein Angebot von dort", berichtet er. (KOLUMNE: Katar-WM bringt uns Frieden)

Im Interview mit SPORT1 spricht der 52-Jährige über die Kritik an dem FIFA-Votum, die Probleme und die Vorzüge des angehenden Gastgebers 320256(DIASHOW: Die Bilder der WM-Vergabe).

SPORT1: Herr Pagelsdorf, die Fußball-Welt ist in Erregung wegen der Vergabe der WM nach Katar. Viele schimpfen und fast alle wundern sich. Sie auch?

Pagelsdorf: Es ist in jedem Fall eine Überraschung, mit der kaum einer gerechnet hat. Und es ist erstaunlich, dass es sich so entwickelt hat. Es ist die Frage, wie die Probleme, die sich da ergeben, in der Praxis gelöst werden. Aber anscheinend hat man die entscheidenden Leute überzeugt, dass das geht.

SPORT1: Die Reaktionen hierzulande sind heftig. In den Medien machen Schlagworte wie "Katarstrophe" die Runde, es ist die Rede von der verkauften Seele des Fußballs, es gibt Rücktrittsforderungen an Sepp Blatter. Für Sie verständlich oder überzogen?

Pagelsdorf: Auf jeden Fall wäre es richtig, das Wahlverfahren ganz genau zu überprüfen. Aber ein paar Kritikpunkte sind auch einfach unbegründet: Klar ist Katar nicht das größte Land der Welt, aber was das genaue Problem dabei sein soll, sehe ich nicht.

SPORT1: Wo sehen Sie die tatsächlichen Probleme?

Pagelsdorf: Ein großes ist die Hitze. Auch wenn man die Stadien klimatisiert, bleibt ja die Schwierigkeit, dass es draußen immer noch heiß ist. Das ist nicht zu unterschätzen, denn 50 Grad Außentemperatur bedeuten eine große körperliche Belastung für Otto Normalverbraucher. Ich selbst habe immer versucht, mich so wenig wie möglich außerhalb von klimatisierten Räumen aufzuhalten.

SPORT1: Was spricht denn auf der anderen Seite für einen WM-Gastgeber Katar?

Pagelsdorf: Es wird dort jedenfalls kein Thema sein, die Infrastruktur zu finanzieren und umzusetzen. In Katar ist da vieles einfacher: Wenn man hierzulande eine Autobahn verlegen wollte, wären die Beeinträchtigung gewaltig. In Katar geht das ohne Schwierigkeiten und in vielfacher Geschwindigkeit. Uli Stielike hat gesagt: "In Katar ist alles machbar und durchführbar." Und da hat er recht.

SPORT1: Alkohol- und Schweinefleischverbot, zurückhaltende Frauenkleidung: Wie wird der islamische Charakter des Landes auf die WM auswirken?

Pagelsdorf: Man muss sich als Gast natürlich auf gewisse Gepflogenheiten einstellen und sie respektieren. Aber das Land selbst wird auch abwägen, wie es solche Gebräuche während der WM handhabt. Das Alkoholverbot finde ich persönlich jetzt nicht unbedingt die schlechteste Maßnahme - gerade in Zusammenhang mit Fußball. Das Schweinefleisch-Verbot ist für nicht-muslimische Gäste kein Thema, sie bekommen dort in Restaurants und Hotels die Möglichkeit, zu essen, was sie wollen.

SPORT1: Sie haben schon einmal erklärt, Katar sei von den arabischen Ländern in der fußballerischen Entwicklung am weitesten. Was genau meinen Sie damit?

Pagelsdorf: In Katar gibt es langfristige Pläne, den Fußball in dem Land dauerhaft voranzubringen. Sie haben dazu unter anderem viele ausländische Fußballer - vor allem Marokkaner - eingebürgert. Dadurch ist ihr Niveau spürbar gestiegen. Dann ist da auch noch die große Nachwuchsakademie in Doha, wo einheimische und ausländische Spieler ausgebildet werden.

SPORT1: Aktuell ist Katar 113. der FIFA-Weltrangliste. Kann es bis 2022 ein wettbewerbsfähiges Team ins Rennen schicken?

Pagelsdorf: Ob es wettbewerbsfähig mit den Besten der Welt sein wird, muss man abwarten, aber eine gute Mannschaft sollte es bis dahin geben. Ich gehe nicht davon aus, dass sie 2022 noch immer auf Platz 113 stehen.

SPORT1: Der gemeine Fan hierzulande fragt sich vor allem, wie in einem Fußball-Entwicklungsland WM-Stimmung aufkommen soll?

Pagelsdorf: Zu jeder WM kommen Fans aus der ganzen Welt, allein dadurch wird genug Stimmung vorhanden sein. Aber auch die Gastgeber sollte man nicht falsch einschätzen. Die Araber sind fußballfanatisch - vor allem sind sie verrückt nach ausländischem Fußball. Auf der Straße spricht davon jeder - und im Fernsehen ist unglaublich viel ausländischer Fußball zu sehen.

SPORT1: Welche Ligen sind populär?

Pagelsdorf: Die Bundesliga und die englische Premier League. Als ich dort war, konnte ich mehr Live-Fußball aus der Bundesliga sehen als in Deutschland. Wenn Sie dort einen Araber ansprechen, werden Sie nicht glauben, wie fachkundig sie dort mit ihm über den deutschen Fußball aus der Liga oder der Nationalelf reden können. Wenn Sie über die aktuelle Form von Bastian Schweinsteiger reden wollen: Die Katari wissen bescheid.

SPORT1: Also finden Sie nicht, dass der Fußball mit einer WM in Katar seine Seele verkauft hat?

Pagelsdorf: Nun, der Fußball ist ein Phänomen, das von jedem Ort der Welt aus greifbar ist. Warum also nicht von Katar aus?

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel