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Südafrika war das erste afrikanische Land, das eine WM ausrichtete © getty

Ein Jahr nach dem furiosen Eröffnungsspiel ist im Land am Kap der guten Hoffnung vom Boom der WM-Tage nicht mehr viel zu spüren.

Johannesburg - Zwar hat die Weltmeisterschaft 2010 Südafrika nicht reich, aber die meisten Südafrikaner glücklich gemacht - wenigstens vier Wochen lang.

Armut, Arbeitslosigkeit und Aids beschäftigen das Land heute genauso wie vor der WM, die am 11. Juni 2010 mit dem Duell zwischen dem Gastgeberland und Mexiko (1:1) eröffnet worden war.

Ein nachhaltiger WM-Effekt für die Wirtschaft ist nicht zu beobachten, der Boom ist längst verpufft (Hintergrund: Die WM-Bilanz von SPORT1).

Immerhin aber verfügt Südafrika nun über eine modernere Infrastruktur und neue Fußballstadien.

Keine Olympia-Bewerbung

Gideon Sam, der Vorsitzende des südafrikanischen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees Sascoc, muss überrascht gewesen sein, als Regierungssprecher Jimmy Manyi verkündete, dass Südafrika sich nun doch nicht hinter eine Bewerbung um die Olympischen Spiele 2020 stellen werde.

"Nach der erfolgreichen Fußball-Weltmeisterschaft konzentriert sich das Land jetzt erst einmal darauf, die Grundbedürfnisse aller Südafrikaner zu erfüllen."

Schließlich hatte Sam zuletzt noch im April öffentlich darüber sinniert, dass wohl die Hafenstadt Durban und nicht etwa Johannesburg oder Port Elizabeth den Hut in den Ring werfen werde.

Nun blieb ihm nichts anderes übrig, als die Kabinettsentscheidung zu respektieren. Eine Woche später teilte er etwas trotzig mit, dass sich sein Verband dann eben um die Commonwealth-Spiele 2022 bewerben werde.

Nahverkehrssysteme ausgebaut

"Die Spiele haben noch nie in Afrika stattgefunden", gab er zu Protokoll - genau wie die Olympischen Spiele, die aber den meisten Südafrikanern nun ein paar Nummern zu groß erscheinen.

Nach der WM-Euphorie ist das Land auf dem Boden der Tatsachen angekommen und will jetzt mit Nachdruck die Lebensumstände der armen Bevölkerungsmehrheit verbessern.

Dank der WM ist mit dem Ausbau effektiver Nahverkehrssysteme in den Großstädten ein kleiner Schritt in diese Richtung schon getan worden.

Ursprünglich für den schnellen Transport der Fußballfans zu und von den Stadien eingerichtet, gibt es jetzt in den Metropolen Busnetze, die das Monopol der überteuerten - und mitunter lebensgefährlichen - Sammeltaxis aufbrechen können.

Provinzstadien ohne Nachhaltigkeit

Dagegen darf am Sinn des Neubaus der drei abgelegenen Provinzstadien in Polokwane, Nelspruit und Port Elizabeth weiterhin gezweifelt werden.

Auch wenn Südafrikas Profiligen hin und wieder Fußball- und Rugby-Spiele in den äußersten Norden (Polokwane) und Osten (Nelspruit) verlegt haben, sind diese Arenen weit von einem profitablen Betrieb entfernt.

Um das Nelson-Mandela-Bay-Stadion in Port Elizabeth, wo die deutsche Nationalmannschaft am 10. Juli Uruguay bezwungen hat und dadurch WM-Dritter wurde, machte die südafrikanische erste Fußballliga PSL gar einen weiten Bogen - und das, obwohl immerhin 51 oder jedes fünfte der 240 Ligaspiele in WM-Stadien ausgetragen wurden.

Durban und Kapstadt überzeugen

Bei den beiden übrigen Stadion-Neubauten in Durban und Kapstadt läuft es allen Unkenrufen zum Trotz gut. Das Moses-Mabhida-Stadion, in dem Deutschland gegen Spanien im Halbfinale 0:1 unterlag, zieht allein mit seinem markanten, begehbaren Bogen hoch über dem Anstoßpunkt Hunderte Besucher täglich an (261178DIASHOW: Die besten Spieler des WM-Turniers).

Bungee-Jumping, Konferenzen und Trauungen - auch abseits vom Sport ist in der Multifunktionsarena vieles möglich.

Optimistisch ist man auch in Kapstadt mit dem Stadion am Fuße des Tafelbergs, obwohl hier kurz nach Abpfiff der WM der vorgesehene Betreiber abgesprungen ist und die Stadt aushelfen musste.

"Wir stehen gerade in Verhandlungen darüber, in der kommenden Saison alle Heimspiele dort auszutragen", sagte der Sprecher des PSL-Clubs Ajax Cape Town, der um Haaresbreite die Meisterschaft verpasst hat.

Rugby-Teams in WM-Stadien

Um die fünf für die WM modernisierten Arenen brauchte man sich ohnehin keine Sorgen zu machen. In ihnen haben sich erwartungsgemäß die früheren Nutzer wieder eingenistet: Große Rugby-Teams wie in Pretoria, Bloemfontein und Johannesburg, PSL-Teams wie in Rustenburg und in Soccer City in Johannesburg.

Und was macht Danny Jordaan, vor einem Jahr noch omnipräsenter Chef des nationalen WM-Organisationskomitees? Er hält sich in diesen Tagen des Rück- und Ausblicks im Hintergrund.

Jordaan scheitert bei FIFA-Bewerbung

Vielleicht sitzt der Stachel, den ihm seine afrikanischen Fußballfreunde im Februar verpasst haben, noch zu tief.

Damals scheiterte er mit seinem Ansinnen, es Franz Beckenbauer und Michel Platini gleich zu tun und nach einer erfolgreich organisierten WM von seinem Kontinentalverband CAF ins 24-köpfige FIFA-Exekutivkomitee gewählt zu werden.

Jordaan scheiterte kläglich, nur zehn von 53 afrikanischen Verbandsvertretern votierten für ihn.

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