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Diego Costa spielt seit 2012 für Atletico Madrid © imago

Titelverteidiger Spanien startet mit dem Kracher gegen die Niederlande und Zweifeln ins Turnier. Bricht die Gotterdämmerung an?

Von Jan Reinold

München/Salvador da Bahia - Man kann nun wirklich nicht sagen, dass Diego Costa besonders spanisch wäre oder sich besonders viel Mühe geben würde, spanisch zu sein. Im Gegenteil.

"Ich bin Brasilianer, ich werde immer Brasilianer sein und die typischen Gepflogenheiten eines Brasilianers beibehalten", stellte der Stürmer in Diensten von Atletico Madrid kürzlich klar.

Der Brasilianer, der also kein Spanier sein möchte und es vor einigen Tagen ablehnte, für ein Pressefoto mit der spanischen Flagge zu posieren, spielt trotzdem für die spanische Nationalmannschaft. Warum er das tut?

"Ich möchte", sagt Costa, "Weltmeister werden mit Spanien."

Für die "Rote Furje"

Man kann von dieser Art der Vaterlandsliebe halten, was man will, aber in Spanien sind sie vor dem WM-Start gegen die Niederlande (ab 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) sehr froh, dass sich Diego Costa in fußballerischer Hinsicht gegen sein Heimatland und für die "Rote Furie" (Furia Roja) ausgesprochen hat (SERVICE: Alles zur WM auch bei SPORT1.fm).

Der wuchtige Mittelstürmer, der scheinbar unkaputtbar ist und in den vergangenen Wochen von kaum einer Verletzung kleinzukriegen war, soll Spanien ausgerechnet bei der WM in seinem Heimatland ein Stück unberechenbarer machen.

Xavi: "Gewinnen oder sterben"

Am seit Jahren erfolgreichen Tiki-Taka will der Weltmeister von 2010 grundsätzlich festhalten. "Wir gewinnen oder wir sterben mit diesem Stil", betonte Mittelfeldstar Xavi voller Pathos.

"Wir wollen das Spiel dominieren, wir wollen den Ball haben. Das ist seit Jahren unser Erfolgsrezept, das werden wir nicht ändern."

Einen klassischen Mittelstürmer, einen echter Neuner, könne das System dennoch vertragen, sagte Tiki-Taka-Virtuose Andres Iniesta und freut sich auf "etwas ganz Neues".

Das soll Costa am besten schon im Kracher am heutigen Freitag tun, wenn Spanien die Mission Titelverteidigung mit der Neuauflage des WM-Finales von 2010 gegen die Niederlande aufnimmt.

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Zweifel herrschen

Seit sechs Jahren dominiert Spanien den Weltfußball. Doch vor dieser WM sind die Zweifel am erneuten Triumphzug der Übermannschaft der vergangenen Jahre so groß wie wohl noch nie zuvor (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014).

Zu alt, zu langsam, zu satt - das sollen Stars wie Xavi, Iniesta oder David Silva sein. Alles Unsinn, findet Erfolgstrainer Vicente del Bosque und betont: "Zufriedenheit gibt es bei uns nicht."

Neben der Zufriedenheits-Debatte gibt es allerdings noch einen weiteren Zweifel, der an den Spaniern zu nagen scheint (816411DIASHOW: Die WM-Stadien).

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Kampf der Kulturen?

Ihr auf viel Ballbesitz basierender Fußball, der sich jahrelang am FC Barcelona unter Pep Guardiola orientierte, ist seit dieser Saison erstmals in die Kritik geraten, gilt für einige schon als Auslaufmodell.

Barca gewann in diesem Jahr keinen Blumentopf, die Bayern (mit Guardiola) scheiterten krachend im Halbfinale der Champions League am konterstarken Real Madrid. Und verlor nicht die Nationalmannschaft beim Confed-Cup vor einem Jahr im Finale klar gegen physisch starke Brasilianer (0:3)?

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Der WM-Gastgeber, jahrzehntelang Heimat des "jogo bonito" (schönes Spiel), und Spaniens heutiger Gegner Niederlande, Erfinder des "Totaalvoetbal" (totaler Fußball), setzen vermehrt auf eine starke Physis sowie Konter- und Ergebnisfußball. Hat das Tiki-Taka also ausgedient?

Teile der spanischen Presse riefen die Endrunde in Brasilien zu einem Kampf der Kulturen aus - unter umgekehrten Vorzeichen. Dem "spanischen Samba" steht die "brasilianische Furie" ("El Pais") gegenüber.

Vorsichtiger Umbruch

Vicente del Bosque versucht nun (wie im Übrigen auch schon Guardiola), das Beste aus beiden Welten miteinander zu verbinden.

Der stets bedächtige 63-Jährige leitete einen vorsichtigen Verjüngungsprozess ein. Sehr behutsam natürlich, alles andere wäre auch nicht die Sache des "hombre tranquilos", des ruhigen Mannes.

Die wenigen Änderungen aber könnten Spanien, das als erster Weltmeister seit Peles Brasilien (1958 und 1962) seinen Titel verteidigen möchte, neues Leben einhauchen. Oder wirkungslos verpuffen.

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Martinez hofft auf Startelf

Während Deutschland wahrscheinlich ohne echten Mittelstürmer ins Turnier starten wird, erlebt Spanien mit Diego Costa vermutlich die Renaissance der echten Neun. Zudem könnte es auch im hinteren Bereich zu Neuerungen kommen (Bericht: WM-Favoriten im SPORT1-Check).

Rechts hinten wird ein Nachfolger für Alvaro Arbeloa gesucht, der es auch verletzungsbedingt nicht in den WM-Kader schaffte (Alle WM Kader im Überblick). Für den Real-Profi könnten Juanfran (Atletico) oder Cesar Azpilicueta (Chelsea) in die Abwehrreihe rücken.

Im Abwehrzentrum macht sich Bayern-Profi Javi Martinez Hoffnungen auf den Platz neben Sergio Ramos. Eigentlich ist Gerard Pique an der Seite von Ramos, dem aktuell wohl weltweit besten Innenverteidiger, gesetzt.

"Piquenbauer" aber fiel im Saisonendspurt aufgrund einer Hüftverletzung lange aus, ist noch nicht wieder in Topform.

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Warnung vor Robben

Dennoch scheint der Barca-Profi bei del Bosque noch einen kleinen Bonus zu haben. Ob nun aber Martinez oder Pique von Beginn an auflaufen, auf die bei den vergangenen Turnieren meist sattelfeste Abwehr der Spanier wird gegen die Niederlande viel Arbeit zukommen.

Martinez warnte eindringlich vor der niederländischen Offensivpower um seinen Vereinskollegen Arjen Robben sowie Robin van Persie und Wesley Sneijder.

"Die größte Gefahr sind die drei da vorne, das sind drei Weltstars", sagte Martinez: "Robben geht immer wieder gut in die Räume rein, das muss man kontrollieren."

Zudem bekamen die Niederländer von Bondscoach Louis van Gaal nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 2012 neues Spielermaterial und eine neue, defensivere Taktik verordnet.

"Wir sind nicht hier, um Tiki-Taka zu spielen", stellte Robben klar: "Es geht um Ergebnisse. Konterfußball ist eine gefährliche Waffe."

Wie gefährlich, das weiß Robben aus eigener Erfahrung.

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