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Brasilien trauert nach der höchsten WM-Niederlage seiner Geschichte © getty

Der Schock sitzt in Brasilien noch immer tief. Luiz Felipe Scolari beschwichtigt, doch Nachfolger werden gehandelt.

Aus Brasilien berichtet Martina Farmbauer

Rio de Janeiro - Der Auftrag war klar.

Brasilien sollte bei dieser Weltmeisterschaft nicht nur den Titel im eigenen Land gewinnen, sondern auch das Trauma des "Maracanaco" bewältigen.

Den Schock über die Niederlage gegen Uruguay im Finale der WM 1950 im Maracana-Stadion vergessen machen, auslöschen, eine neue Geschichte schreiben.

"Mineiraco" statt Titel

Das haben die Brasilianer tatsächlich gemacht, eine neue Geschichte geschrieben. Allerdings haben sie mit derm 1:7 gegen Deutschland im Halbfinale am Dienstag einen neuen Schock ausgelöst, der nach dem Ort des Geschehens, dem Mineirao-Stadion in Belo Horizonte, nun "Mineiraco" heißt.

Und Brasilien ist noch immer dabei, diesen Schock zu verdauen. Die Tatsache, dass Erzrivale Argentinien das Finale im Maracana am Sonntag gegen Deutschland bestreiten wird (So., ab 20.30 Uhr im LIVE-TICKER), macht das nicht einfacher.

Selbst ein Sieg im kleinen Finale gegen die Niederlande (Sa., ab 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) würde nicht allzu viel helfen: Der dritte Platz zählt fast nichts. "Der zweite Platz ist in Brasilien schon eine Niederlage", sagt Juca Kfouri, einer der angesehendsten Fußballjournalisten des Landes, im Gespräch mit SPORT1. (SHOP: Jetzt WM-Fanartikel kaufen)

Sechs Minuten zum Vergessen

Kfouri zieht einen Vergleich mit dem Sommermärchen, als die Deutschen den dritten Platz bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land 2006 feierten: "So etwas wird in Brasilien nie passieren."

Aber Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari kann das Spiel immerhin nutzen, um seine These zu bestätigen, dass Brasilien beim 1:7 gegen Deutschland einen schlechten Tag hatte.

In der Presekonferenz in Teresopolis gab der Nationaltrainer am Tag nach der "Schande", wie die Zeitung "Hoje" in Belo Horizonte in weiß auf schwarzem Grund titelte, noch einmal zu verstehen, dass bis auf sechs Minuten in eineinhalb Jahren alles perfekt gewesen sei: Vom Titel beim Confederations Cup bis zur Aufstellung im WM-Halbfinale. Bis auf sechs Minuten, in denen Deutschland vier Tore machte. (DATENCENTER: Der Spielplan der WM 2014).

Scolari vor Ablöse

Der Trainerfuchs, der aus seinen Mannschaften "Familien" formt, ist in seinem Heimatland aber wohl nicht mehr zeitgemäß. Neymars Manager Wagner Ribeiro bezeichnete Scolari in einem Tweet als "alt, dumm, arrogant, überheblich und lächerlich".

Scolaris Vertrag läuft nach der Weltmeisterschaft aus. Es ist sehr wahrscheinlich, dass an diesem Samstag Scolaris letztes Spiel als Nationaltrainer sein wird.

Eine Debatte über seine Nachfolge im Besonderen und die Qualität brasilianischer Trainer im Allgemeinen hat längst begonnen. WM-Tippspiel: Mitmachen und 100.000 Euro gewinnen!

Als Favorit gilt Tite, der mit dem FC Corinthians Sao Paulo 2012 die Klub-WM gewonnen hat. Einen Titel, der in Brasilien sehr viel zählt. Ein weiterer Kandidat ist Alexandre Gallo, der schon zum Trainerstab des brasilianischen Fußballverbandes gehört.

Ihnen würden die Brasilianer einen gelungenen Neustart zutrauen.

Den braucht es auch, um die neuerliche Schande vergessen zu machen.

Ein Sieg im Spiel um Platz drei am Samstag wird da nicht reichen.

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